Er wohne nur 150 Meter entfernt, sagt Günter Schwarz und nickt in Richtung der anderen Uferseite der Rems. Er ist Dauergast im Bootshaus am Hechtkopf, erst trank er hier sein Feierabendbier, jetzt genießt er seinen Ruhestand in der Abendsonne. Athinogenis Ignatiadis bringt ihm gerade ungefragt sein zweites Weizenbier, das blinde Verständnis eines Wirts mit seinem Stammgast. „Die Fahrradfahrer? Manchmal kann man hier kein einziges Fahrrad mehr anschließen“, sagt Schwarz. „Das sind so viele Leute, fast wie in China.“
Ignatiadis ist seit seiner Kindheit Gastronom, seit dem Jahr 2012 kocht er griechisch und deutsch im Remsecker Stadtteil Neckarrems. Mit seinem Restaurant und Biergarten hat er schon schwierige Phasen erlebt, Ignatiadis kann sich jedoch auf eines verlassen: Die steigende Anzahl an Fahrradtouristen, die an seiner Gaststätte vorbeikommen.
Von Ellwangen nach Griechenland und zurück
Ignatiadis wächst in Ellwangen auf, sein Vater habe damals die erste ausländische Gaststätte in Ellwangen betrieben, sagt Ignatiadis stolz. Schon im Alter von 18 Jahren eröffnet er sein erstes eigenes Restaurant in seiner Heimatstadt, ein modernes Konzept mit Front Cooking und offenem Holzkohlegrill. Anfang der 2000er Jahre suchen Ignatiadis und seine Frau neuen Wind. Im griechischen Ferienort Paralia pachten sie einen Laden direkt am Strand, grillen auf offenem Feuer und vermieten Sonnenliegen. Doch auch in Paralia hält es den Gastronomen nicht lang. 2011 ruft ihn ein befreundeter Immobilienmakler an und berichtet ihm von einem Lokal zwischen Neckar und Rems, das bald frei wird. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich der Wirt.
Sein Mix aus Restaurant und Biergarten sei direkt gut angelaufen, sagt Ignatiadis über die ersten Jahre. Damals habe die Gaststätte noch versteckt hinter Bäumen und Gestrüpp gelegen. Mit dieser Idylle war es 2017 vorbei, damals begann der Bau des neuen Remsecker Rathauses. „Es war eine schwierige Phase mit dem Bauzaun direkt am Restaurant.“ Ans Aufhören dachte Ignatiadis jedoch nie, auch wegen der Fahrradfahrer. „Die kamen von Anfang an, seit Corona sind es aber noch mal deutlich mehr geworden.“ An schönen Tagen bewirte er bis zu 400 Gäste auf einen Schlag, sagt Ignatiadis.
Auch das Landratsamt Ludwigsburg hat seit einigen Jahren das Potenzial des Fahrradtourismus entdeckt. Zahlen zum Radtourismus im Landkreis gibt es zwar nicht, die Nachfrage an Radkarten und die Rückmeldungen zu den Radwegen des Kreises würden aber zunehmen, sagt Landratsamt-Sprecherin Franziska Schuster. Seit 2022 hat der Landkreis drei neue Radwege geschaffen sowie seine Marketinganstrengungen auf Messen, mit interaktiven Online-Karten und einer Tourismus-App ausgedehnt.
„Es sind nicht nur Rentner, auch viele Familien und Profiradler“, sagt Ignatiadis. Die sportlichen Radler seien aber teils eigen. „Viele haben kein Schloss dabei, wegen des Gewichts, und wollen dann ihr Rad mit in den Biergarten nehmen.“ Um ihr 7,5 Kilogramm leichtes Bike nicht mit einem klobigen Diebstahlschutz außer Sichtweite anzuketten. Dort sei es aber zu eng, sagt Ignatiadis, es gehe um die Sicherheit. So komme es immer wieder zu Diskussionen. Mittlerweile habe er für seine Gäste extra Fahrradschlösser besorgt, doch auch die werden nicht immer angenommen. „Mit so einem Billigschloss schließe ich mein Fahrrad nicht an, heißt es dann.“
Der Wirt empfiehlt, dass der Ort zwischen Rems und Neckar noch besser genutzt werden könnte. Mit einem Infostand, der für touristische Schmankerl wirbt, auch eine Art Pop-up-Fahrradreparatur und Beratung sei möglich. Stammgast Günter Schwarz reicht der Trubel im Biergarten derweil aus. „Manchmal, wenn ich herlaufe, hört man schon das Stimmengewirr. Genau so soll ein Biergarten sein, voller Leben.“