Big Brother Awards Negativpreis für Online-Jobs zu Billiglöhnen

Von Christiane Schulzki-Haddouti 

Amazon Mechanical Turk und Elance-oDesk werden mit dem Big Brother Award ausgezeichnet. Beide Plattformen zeichnen sich durch besonders unfaire Vermittlungsbedingungen und die Überwachung der Auftragnehmer aus.

Plattformen wie Amazon Mechanical Turk und Elance-oDesk vermitteln Arbeit zu Dumpingpreisen. Darauf will die Organisation Digitalcourage mit der Verleihung des Negativpreises Big Brother Award aufmerksam machen. Foto: AP, dpa
Plattformen wie Amazon Mechanical Turk und Elance-oDesk vermitteln Arbeit zu Dumpingpreisen. Darauf will die Organisation Digitalcourage mit der Verleihung des Negativpreises Big Brother Award aufmerksam machen. Foto: AP, dpa

Stuttgart/Bielefeld - Mit dem „digitalen Tagelöhnertum“ greift der diesjährige „Big Brother Award“ einen Trend auf, der „nicht nur die Arbeitswelt, sondern unsere Gesellschaft insgesamt umkrempeln wird“, glaubt Rena Tangens vom Bielefelder Verein Digitalcourage, der den Preis seit dem Jahr 2000 verleiht.

Gemeint ist die global um sich greifende Online-Vermittlung von digitalen Arbeitsmöglichkeiten. Auf Plattformen wie Freelancer, Twago.de, Clickworker, Textbroker oder Elance-oDesk konkurrieren frei arbeitende Designer, Programmierer, Autoren aus Deutschland mit Kollegen aus Asien und den USA – dabei kommen sie laut der Zeitschrift „c’t“ auf durchschnittlich rund fünf Euro Stundenlohn. Insgesamt soll es über 2000 Crowdworking-Dienste geben, die Zahl der „Beschäftigten“ geht in die Millionen und verdoppelt sich jährlich.

Die Plattformen werden stellvertretend ausgezeichnet

Digitalcourage zeichnet mit den Vermittlungsplattformen Amazon Mechanical Turk und Elance-oDesk exemplarisch zwei solche Crowdworking-Plattformen aus. Sie bedienen jeweils ganz unterschiedliche Auftragnehmer: Während Amazon Mechanical Turk sich mit Minijobs zu Centbeträgen an das Prekariat wendet, zielt Elance-oDesk auf die digitale Boheme.

Amazon vermittelt mit der „Mechanical Turk“-Plattform Arbeiten, die nicht von Computern erledigt werden können. Rund 500 000 Freiberufler klassifizieren hier für Centbeträge Fotos, fertigen Übersetzungen an, tippen Gesprächsaufnahmen ab oder beschriften Präsentationen. Sie schreiben Kommentare zu Blogartikeln oder fertigen Produktbewertungen an. Zwei Drittel halten die Entlohnung auf der Plattform für ihre wichtigste Einnahmequelle. Zurzeit wendet sich die Plattform – wohl wegen juristischer Probleme – ausdrücklich nur an Auftraggeber und -nehmer in den USA. Tangens glaubt aber, dass sich das rasch ändern wird, sobald die Handelsabkommen Tisa und TTIP zwischen Europa und den USA unterzeichnet sind.

Die Turker – so bezeichnen sich die Arbeitnehmer selbst – halten laut einer Umfrage der New York University 41 Prozent der Aufträge für „Spam“. Das heißt, sie richten falsche E-Mail-Adressen und Identitäten auf Facebook und Twitter ein, um „geturkte“ Bewertungen für Produkte zu schreiben. Es gibt aber auch witzige Projekte: So heuerte der Künstler Aaron Koblin 10 000 Turker an, um Schafe zu malen. Mit seinem Projekt „The Sheep Market“ will er auf die Bedingungen des neuen Arbeitsmarkts aufmerksam machen.

Arbeitsbedingungen wie zu Beginn der Industrialisierung

Die Arbeitnehmer müssen sich zunächst mit Gratis-Tätigkeiten qualifizieren. Sie werden vom Arbeitgeber bewertet und erhalten nur dann Geld, wenn er zufrieden war. Möglich ist auch die Vergabe eines Auftrags an mehrere Personen, wobei nur die beste Ausführung bezahlt wird. Amazon kassiert dabei immer 10 Prozent Provision.

„Die Auftragnehmer werden mit jedem Mikrojob bewertet, dagegen sind die Zahlungsmoral und das sonstige Verhalten der Auftraggeber auf der Plattform nicht sichtbar“, kritisiert Tangens. Sie können sogar ohne jede Begründung die Ergebnisse ablehnen und die Zahlung verweigern. Abhilfe kommt von außen: Zwei Wissenschaftler der University of California haben die Browser-Erweiterung „Turkopticon“ entwickelt, mit der Arbeitnehmer die Zahlungsmoral und die Kommunikationsfähigkeit ihrer Arbeitgeber bewerten können. Amazon hat bis heute kein eigenes Reputationssystem für Arbeitgeber in seine Plattform Mechanical Turk integriert.

Damit aber nicht genug – diese Arbeitsbedingungen wie zu Beginn der Industrialisierung werden mit einer elektronischen Komplettüberwachung verbunden, der die Arbeitnehmer „freiwillig“ zustimmen. Bei Elance-oDesk müssen Auftragnehmer das Programm „Team App“ auf ihrem Rechner installieren. Es registriert Tastaturanschläge, Mausbewegungen und erstellt sechsmal die Stunde einen Screenshot vom Bildschirm, den es an den Auftraggeber schickt.

Es gibt auch faire Auftraggeber

Gleichwohl geht es nicht allen Auftraggebern um solche Werkzeuge oder niedrige Preise. Christian Kreutz setzt mit seiner Firma CrissCrossed anspruchsvolle Open-Data-Projekte, Bürgerbeteiligungsplattformen und internationale Projekte um. Seit Jahren arbeitet er mit Freiberuflern zusammen, die er über Elance gefunden hat. Kreutz zahlt ähnliche Preise wie in Deutschland. Die Überwachungsfunktion habe er nur einmal genutzt, sagt Kreutz. Er hält sie für wenig aussagefähig.

Die Arbeitnehmer erstellen Softwareprogramme, gestalten Grafiken und Websites, verfassen Marketingkonzepte und Businesspläne. Für einen Auftrag müssen sie den Lebenslauf mitteilen, ihre Qualifikation nachweisen und Referenzkunden angeben. Vermarktet wird die Plattform mit Argumenten für Arbeitgeber: Bezahlt werden nur die Leute, die man gerade jetzt braucht – und bezahlt wird nur für das sichtbare Ergebnis. Tangens: „Pausen, Nachdenken, Arbeitsvorbereitung, ein Gespräch beim Kaffee, bei dem wir neue Einfälle haben, zählen nicht dazu.“

Kreutz hält die bei den Crowdworking-Plattformen übliche Regel, dass man mit den bewährten Mitarbeitern außerhalb der Plattformen nicht arbeiten darf, für unsinnig: „Das ist natürlich totaler Quatsch. Denn die Plattform verdient ja gerade am Misstrauen. Solange man sich misstraut, geht man wegen der Bezahlungsabwicklung lieber über Elance.“ Wobei man wieder beim Thema „Vertrauen und Kontrolle“ wäre. Nach dem Kontrollwerkzeug „Team App“ gefragt, sagt der Elance-Deutschlandchef Nicolas Dittberner: „Wir kontrollieren nicht, sondern stellen Rahmenbedingungen zum Vertrauensaufbau zur Verfügung.“

Für Rena Tangens ist klar: „Das ist kein Trend, der einfach so passiert. Das ist eine neoliberale Strategie, die Arbeit auf Zuruf verfügbar und jeden jederzeit kündbar macht. Sie spart Sozialabgaben und Steuern und ist vor allem billig.“

An der nächsten Eskalationsstufe forscht übrigens das Unternehmen Microsoft: Es will die Zusammenarbeit in der Crowd so optimieren, dass ein spontan gebildetes Team auch anspruchsvolle Aufgaben lösen kann. Das Computersystem wählt automatisch aus, wer mit wem an was arbeiten soll und entscheidet, wie die Qualität des Ergebnisses gesichert wird.