Bilanz Corona-Schuljahr Lektionen fürs Leben
Für das Lernen mit und trotz Corona hat das Gros der Schulgemeinde ein großes Lob verdient, kommentiert Bärbel Krauß.
Für das Lernen mit und trotz Corona hat das Gros der Schulgemeinde ein großes Lob verdient, kommentiert Bärbel Krauß.
Stuttgart - Aus ihrer eigenen Schulzeit dürften die meisten Bürger sich noch gut daran erinnern, dass nicht jeder Zeugnistag im Leben eines Schülers oder einer Schülerin ein garantierter und automatischer Anlass für Gratulationen ist. Aber wir leben mit Corona in außergewöhnlichen Zeiten, und deshalb ist zum Ende dieses anstrengenden Schuljahrs eine Ausnahme nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar geboten.
Denn die überwältigende Mehrheit der Schulgemeinde – die allermeisten Kinder und Jugendlichen, die meisten Eltern, die meisten Pädagogen und Erzieher, die meisten Helfer vom Schulsekretär bis zur Hausmeisterin – haben die Belastungen ausgehalten, die mit der Abfolge von Fern-, Wechsel- und Präsenzunterricht und den Kontaktsperren zu Kollegen, zu Klassenkameraden und zu Freunden verknüpft waren. So gut sie es vermochte, hat die große Mehrheit sich trotz allem Stress der Pandemie-Lage mit ihren ungewohnten Einschränkungen gestellt – ohne abzutauchen, ohne auszurasten, ohne aufzugeben.
Natürlich hat Corona bei sehr vielen Bürgern und in vielen Berufen die Lebensumstände verändert. Aber es gibt nur wenige Bevölkerungsgruppen, bei denen das Virus so tief in den Alltag eingegriffen hat wie bei der Schulgemeinde.
Jetzt ist das erste volle Corona-Schuljahr mit wahrlich vielen Zumutungen geschafft, und es ist ein Wert an sich, dass sehr viele Beteiligte durchgehalten und ihr Möglichstes gegeben haben, um beim Lernen, Lehren und Leben mit dem Coronavirus nicht abgehängt zu werden oder unter die Räder zu kommen. Das ist eine kollektive Leistung, die ein großes Lob verdient. Denn das Klassenziel hat in diesem besonderen Jahr erreicht, wen die ständigen Änderungen vielleicht manchmal an den Rand des Wahnsinns getrieben haben, aber eben nicht zur inneren Kündigung. Gute Zensuren in den einzelnen Fächern sind – so wichtig sie natürlich sind – bei dieser Analyse nicht entscheidend. Dass die Mitarbeit nicht aufgekündigt wurde, ist der wichtigere Erfolg.
Überhaupt hat Corona uns allen ein paar Lektionen erteilt, die nirgendwo auf dem Lehrplan standen. Wie bereichernd Gemeinschaft mit anderen Menschen ist, hat die kontaktarme Zeit überdeutlich gemacht. Wie viele Impulse wir beim Lernen ohne Corona den Lehrern und Mitschülern verdanken. Welchen hohen Wert ein ganz normaler, geordneter Schulbetrieb für Lernende, für Familien und für die Arbeitswelt darstellt. Wie viel man leisten kann, obwohl die Bedingungen plötzlich schlechter sind als sonst. Wie viel Veränderung zu verkraften ist, obwohl sie einem gar nicht gefällt. Selbstverständlich hätten alle auf diese Lektionen nur zu gerne verzichtet. Gleichwohl ist wahr, dass es zum Lernen fürs Leben im Schulbetrieb mit Corona viel Gelegenheit gibt.
Das alles soll und kann nicht kaschieren, dass nicht wenige Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer die Corona-Folgen nicht gut bewältigt haben. Kinder und Jugendliche kommen mit Verhaltensauffälligkeiten aus der Pandemie. Die entstandenen Bildungslücken sind gravierend, genau wie soziale und sportlich-physische Defizite. Das sind Aufgaben, die im Herbst angepackt werden müssen. Selten waren die Ferien so verdient wie jetzt, selten waren sie so nötig. Hausaufgaben gibt es zum Urlaubsstart glücklicherweise nie. Aber Kraft und Freude zu tanken, ohne den Infektionsschutz ganz aus den Augen zu verlieren, ist sicher ein guter Plan. Denn wenn es im September zur ersten Stunde läutet, ist das Virus noch da. Und eines haben wir bisher nicht gelernt: Seine Entwicklung zuverlässig zu berechnen.