Es schien, als sei die Polizei selbst überrascht, dass sie am Sonntag nach dem CSD in Stuttgart mit Hunderttausenden „keinerlei Vorfälle“ meldet. Auch die Veranstalter sind im Glück.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

In Berlin, wo am Samstag zeitgleich wie in Stuttgart der Christopher Street Day gefeiert worden ist, hat die Polizei nach eigenen Angaben etwa 30 Personen festgenommen – vor allem im Zusammenhang mit rechtsextremen Störern und einer queeren Palästina-Demonstration. In Stuttgart dagegen war es nicht nur der größte CSD aller Zeiten, sondern auch der friedlichste. Am Sonntagvormittag sagt der Polizeisprecher erfreut, es habe in der Nacht keinerlei Vorfälle und keinerlei Festnahmen gegeben.

 

Bei einem Großereignis mit Hunderttausenden ist so eine störungsfreie Bilanz nicht selbstverständlich. Woran es lag, dass alles friedlich blieb? „Vielleicht am Regen“, sagt der Polizeisprecher, „aber vielleicht auch daran, weil es so gut organisiert war.“

CSD in Stuttgart: „Wir haben nur in glückliche Gesichter geschaut“

Für den ehrenamtlichen CSD-Verein erklärt Vorstandsmitglied Betina Starzmann am Sonntag: „Wir sind super zufrieden mit der Demo und dem ersten Hocketse-Tag, es war Superstimmung, und trotz des Regens waren sehr, sehr viele Menschen bei der Kundgebung auf dem Schlossplatz und danach bei den Bühnen auf dem Markt- und Schillerplatz.“ Zahlenmäßig habe man trotz des Wetters im Vergleich zum Vorjahr zulegen können. „Die Artists haben Mega-Stimmung gemacht.“

Bei der Demonstration, bei der Kundgebung und bei den Feiern in der Nacht hat Betina Starzmann „nur in glückliche Gesichter geschaut“. Dass der Regen die Menschen nicht vertrieben habe, zeige, wie wichtig allen das Anliegen und die Sichtbarkeit sei. „Und wir wissen ja“, fährt die CSD-Sprecherin fort, „ohne Regen gibt es keinen Regenbogen.“

Laura Halding-Hoppenheit fuhr auf dem Motorrad durch die Stadt. Rechts: TV-Star Bruce Darnell. Foto: privat

CSD in Stuttgart: CDU war erstmals seit zehn Jahren nicht dabei

Die Clublegende und Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit (Freie Wähler), die sich traditionell mit dem Motorrad fähnchenschwenkend bei der Demo chauffieren ließ, jubelt am Sonntag noch. „Es war grandios“, sagt die 82-Jährige, „ich glaube, es war der beste CSD, den Stuttgart je erlebt hat.“ Die „Mutter der Schwulen“, wie sie genannt wurde, kann vergleichen. Seit den 1980ern demonstriert sie für Toleranz und Akzeptanz.

„Natürlich ist immer noch Luft nach oben“, sagt Halding-Hoppenheit. Enttäuscht ist sie davon, dass die CDU erstmals seit zehn Jahren nicht bei der CSD-Demo dabei war. „Aber unser Oberbürgermeister und der Erste Bürgermeister, beide CDU, haben Flagge gezeigt auf dem VfB-Wagen.“ Dies findet die Stadträtin sehr gut.

„Alle waren politisch gut drauf – was sind da schon nasse Kleider?“

Auch als der Platzregen kam, blieb die Wirtin auf ihrem Motorrad sitzen. „Ich war von oben bis unten nass, meine Haare und mein Kleid waren ruiniert“, berichtet sie. Aber alle seien „politisch sehr gut drauf gewesen“ und hätten gezeigt, „wie stark wir sind“ – dies sei wichtiger als sich über das Wetter ärgern. Laura Halding-Hoppenheit bedankt sich bei der Polizei, die sehr gute Arbeit geleistet habe, und dies sei zurückhaltend geschehen. Dass weder die Antifa noch rechtsextreme Kräfte gestört hätten, habe wesentlich zum Erfolg beigetragen. „Im Mittelpunkt stand keine kleine Gruppe, die provozieren will, sondern die große Mehrheit der Stadt hat Flagge gezeigt“, erklärt die Wirtin.

Fußballer des RB Leipzig feiern im Comodo. Foto: privat

Quer durch die Stadt ist in den Bars und Clubs gefeiert worden, etwa im White Noise, im Proton oder im Studio Gaga, das zum großen Finale vor dem Auszug aus dem Schlossgartenhotel noch mal so richtig aufgedreht hat. Auch im Club Comodo unweit des Rathauses war es gestopft voll: Gegen 22 Uhr lief „der gesamte Kader des Fußballverein RB Leipzig mit 35 Mann auf“, berichtet Wirt Denis Gugac. Als er seine prominenten Gäste fragte, wie es dazu kam, hörte er als Antwort: Sie seien gerade im Trainingslager in Donaueschingen und hätten gehört, dass sich in Stuttgart im Comodo immer die ganzen Fußballer treffen.

Also fuhr der Leipziger Mannschaftsbus von Donaueschingen in die CSD-Stadt Stuttgart – was nicht unbedingt was mit dem Pride zu tun hatte.