Bilanz des 9-Euro-Tickets im Kreis Göppingen Go-Ahead schlägt wegen Verspätungen Alarm

Die Züge im Kreis Göppingen waren durch das 9-Euro-Ticket häufig stark ausgelastet. Das habe Probleme wie unter dem Brennglas sichtbar gemacht, berichtet Go-Ahead. Foto: Giacinto Carlucci

Was hat das 9-Euro-Ticket im Kreis Göppingen in Bus und Bahn bewirkt? Die Verkehrsbetriebe ziehen Bilanz. Dabei wird klar, dass nicht alles rund lief. Zwischen Stuttgart und Ulm waren deutlich mehr Fahrgäste in den Zügen unterwegs.

Das Ende des 9-Euro-Tickets macht sich zumindest morgens im Regionalexpress deutlich bemerkbar. Quetschten sich die Fahrgäste im August auf der Strecke von Ulm nach Stuttgart noch stehend in die Waggonflure, finden die Reisenden seit dem 1. September wieder ausreichend gepolsterte Sitzplätze. Wie ein Pressesprecher des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) auf Nachfrage berichtet, liegt das daran, dass nun weniger Freizeitreisende unterwegs sind, vor allem an den Wochenenden. Bei den Berufspendlern gebe es allerdings keine nennenswerten Rückgänge.

 

Doch wie fällt das Fazit der im Kreis Göppingen tätigen Verkehrsbetriebe zum 9-Euro-Ticket aus? Bahn und Go-Ahead bewerten die Zeit des 9-Euro-Tickets etwas unterschiedlich. „Als Verkehrsunternehmen freuen wir uns sehr, dass offensichtlich viele Fahrgäste ihre Scheu wieder abgelegt und in die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgefunden haben“, sagt eine Pressesprecherin von Go-Ahead auf Nachfrage. Generell seien im MEX zwischen Stuttgart und Ulm ab Juni erheblich mehr Fahrgäste als vor der Coronapandemie unterwegs gewesen. Vor allem am Wochenende waren die Züge besonders stark ausgelastet, so das Unternehmen. Doch nicht alles sei rund gelaufen. „Die technisch veralteten Anlagen der Infrastruktur sind dem zunehmenden Schienenverkehr immer weniger gewachsen und verursachen täglich unzählige Verspätungen und Zugteilausfälle“, sagt die Unternehmenssprecherin. Das hätten die vergangenen drei Monate „leider wie unter einem Brennglas gezeigt“.

Steigende Betriebskosten bereiten Sorgen

Die Betriebskosten seien zuletzt „dramatisch gestiegen“. Dafür bräuchten die Verkehrsunternehmen einen Kostenausgleich vom Bund. Ohne einen Ausgleich müsse Go-Ahead womöglich seine Leistungen reduzieren. „Dies kann keinesfalls im Sinne von Fahrgästen und der dringend notwendigen Verkehrs- und Klimawende sein und führt die gute Idee jedes 9-Euro-Nachfolgetickets ad absurdum“ so das Unternehmen.

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn bezeichnet das Ticket als „vollen Erfolg“. „In den vergangenen drei Monaten hat das 9-Euro-Ticket gezeigt, dass eine einfache ÖPNV-Nutzung mehr Menschen dazu bewegt, auf die klimafreundlichen Busse und Bahnen umzusteigen“, so die Sprecherin. Die Bahn begrüße deshalb die Ankündigung der Bundesregierung, einen einheitlichen Tarif für den gesamten öffentlichen Nahverkehr zu ermöglichen.

Laut VVS sind die Fahrgastzahlen im Verbandsgebiet mit dem 9-Euro-Ticket in den Bahnen deutlich gestiegen. Im Juni wurde das Niveau der Zeit vor Corona erreicht. Busse im VVS waren in der Regel besser gefüllt, aber keinesfalls überlastet. Bei den Regionalzügen, die in der Regel nur halbstündlich oder stündlich fahren, sah das anders aus. Streckenweise habe es sehr volle, teilweise übervolle Züge gegeben. Im Kreis Göppingen habe das vor allem den RE nach Lindau betroffen. „Sehr stark besetzt waren auch die Züge am späten Nachmittag oder frühen Abend von Stuttgart in die Region, wenn Pendler und Städtereisende zusammenkamen“, heißt es. Der VVS rechnet damit, dass die Fahrgastzahlen im September leicht zurückgehen werden und eine gewisse „Normalität“ einkehrt.

Nur wenige steigen vom Auto auf den Bus um

Auf den Busverkehr im Kreis Göppingen hatte das 9-Euro-Ticket weniger Auswirkungen als auf den Bahnverkehr. „Es war für uns kein durchschlagender Erfolg mit vielen Wechslern vom Pkw auf den Bus“, sagt Eberhard Geiger, Geschäftsführer des OVG Göppingen. Der Grund dafür: Bei längeren Strecken mit der Bahn mache sich das 9-Euro-Ticket preislich eher bemerkbar.

Dabei fragte sich Geiger vor der Einführung des Tickets noch, ob er mehr Busse bereitstellen muss, wenn schlagartig mehr Menschen mitfahren. Nun hatte er ein bisschen mehr Fahrgäste als zuvor zu verzeichnen. Wie viel das im Einzelnen sind, könne er noch nicht sagen, da der VVS die Zahlen noch aufbereitet. Doch aus Gesprächen weiß er, dass das 9-Euro-Ticket vor allem Senioren und Touristen genutzt haben. Häufig sei das neue Ticket aber auch nur von Fahrgästen gekauft worden, die ansonsten einen anderen Tarif nähmen.

Thomas Merkle vom Busunternehmen Merkle in Böhmenkirch ist auf den Linien Böhmenkirch-Geislingen und Süßen-Donzdorf unterwegs. Er kommt zu einer ähnlichen Einschätzung wie Geiger. Der Freizeitverkehr in seinen Bussen habe mit dem 9-Euro-Ticket minimal zugenommen. Ein deutlicher Vorteil des 9-Euro-Tickets ist aus seiner Sicht: Es war eine Abkehr vom Tarifdschungel.

Merkle ist überzeugt: „Wenn man die Verkehrswende schaffen will, braucht man einen einfach zu verstehenden Tarif.“ Merkle schlägt ein System vor, das zum Beispiel in Südtirol zum Einsatz kommt. „Wer Bus fährt, checkt sich mit dem Handy ein und aus“, erklärt er. Zum Ende des Monats wird dann automatisch der günstigste Tarif berechnet und abgebucht.

Positiver Effekt fürs Klima

Umstieg
Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ist nachgewiesen, dass das 9-Euro-Ticket einen positiven Effekt auf die Bekämpfung des Klimawandels hatte. Der VDV beruft sich auf Ergebnisse einer bundesweiten Marktforschung mit 6000 Interviews pro Woche. 17 Prozent der 9-Euro-Ticket-Nutzer sind demnach im August von anderen Verkehrsmitteln auf den ÖPNV umgestiegen.

Neukunden
 Jeder fünfte Käufer des 9-Euro-Tickets ist Neukunde, der den ÖPNV zuvor normalerweise nie genutzt hat. 27 Prozent der Käufer sind aktivierte Kunden, die den ÖPNV vor dem 9-Euro-Ticket seltener als einmal im Monat genutzt hatten.

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