Bilanz des Bordell-Prozess Die Akte Paradise

Jürgen Rudloff , 65, musste sich in dem Mammutprozess vor dem Landgericht Stuttgart für die Beihilfe zu ausbeuterischem Menschenhandel, Zwangsprostitution und für Investorenbetrug verantworten. Jeden Tag erschien er wie der Geschäftsmann von früher. Foto: Ilona Trimbacher

Die Ermittlungen gingen über fünf Jahre. Fast ein Jahr ging der Mammutprozess gegen den Betreiber des Bordells Paradise, Jürgen Rudloff, und seinen Pressechef Michael Beretin. Das Urteil fällt nächste Woche.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Man hat sich den Teufel ins Haus geholt“, sagt der Mann vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Seit 2013 ermittelt er im Rotlichtmilieu. Genauer: Bei ihm sind die Fäden der Ermittlungen um das Geschehen im Paradise zusammengelaufen. Der Teufel, das sind nach seiner Überzeugung vor allem die United Tribuns. Das Haus, das ist der FKK-Club Paradise, und man, das ist der ehemalige Paradise-Chef Jürgen Rudloff, 65. Man verzichtete jedoch, so vervollständigt er das Bild, darauf, die Polizei einzuschalten, um den Teufel wieder loszuwerden. Der LKA-Mann will aus Tätern keine Opfer machen.

 

In knapp fünf Stunden gibt er einen Crashkurs über die Mechanismen des Rotlichtmilieus und dessen Abgründe. Es ist der 54. Verhandlungstag im Paradise-Prozess – der letzte Tag der Beweisaufnahme. Zum 54. Mal wird Rudloff morgens in Handschellen aus der Untersuchungshaft vorgeführt, nimmt sein Marketingchef Michael Beretin, 52, in der zweiten Reihe der Anklagebank Platz und ist aus Frankfurt der 71-jährige Steuerberater angereist. Er hat Rudloffs Buchhaltung und seine Verträge gemacht. Das Verfahren gegen den ebenfalls angeklagten Ex-Geschäftsführer des Paradise ist schon vor Weihnachten mit einer Bewährungsstrafe zu Ende gegangen.

Den ganzen Dienstag lang vernimmt die siebte Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts den LKA-Mann. Es geht um Beihilfe zu Menschenhandel und Zwangsprostitution sowie um Investorenbetrug in der Paradise-Bordellkette – konkret um die Nähe Rudloffs und Beretins zu Vertretern der Hells Angels und den United Tribuns. Beide Rockervereinigungen versorgten das Paradise mit ihren Frauen, nahmen ihnen das Geld ab – und gingen mit ihnen nicht eben zimperlich um. Gewalt gegenüber den Frauen gehörte zu ihrem einträglichen Geschäftsmodell. Und es geht um das Geld, das Rudloff für den Bau seiner Bordellbetriebe in Leinfelden-Echterdingen, Graz und Saarbrücken eingetrieben hat – und nicht vertragsgemäß zurückgezahlt hat.

Seit September 2017 sitzt Rudloff in Untersuchungshaft

Rudloff hat drei Wahlverteidiger an seiner Seite. Er und Frank Theumer kennen einander seit Jahren. Theumer verteidigt immer wieder im Rotlichtmilieu. Andrea Combe hat seinerzeit den ARD-Moderator Jörg Kachelmann erfolgreich vertreten. Rudloff macht sich selbst viele Notizen, trägt sein Outfit von früher: offenes Oberhemd und Anzug. Seit September 2017 sitzt er in Untersuchungshaft. Er tritt weiter als der Geschäftsmann auf, der jetzt erst erfährt, was in seinem Firmenimperium geschehen ist. Das Gericht ist großzügig und erlaubt ihm, seinen Sohn kurz in den Arm zu nehmen, wenn er an ihm vorbei aus dem Gerichtssaal geführt wird.

Michael Beretin hat zwei Pflichtverteidiger. Am ersten Prozesstag liest er demonstrativ das Buch „Gekaufte Journalisten“. In den Prozesspausen unterhält er sich manchmal mit Prozessbesuchern. Viele der Zuhörer kennen einander und die Angeklagten seit Jahren. Beretin arbeitet noch immer im Paradise, wo der Betrieb weitergeht. Er hat dort seinen Arbeitsplatz im fünften Stock – im Büro von Jürgen Rudloff. Die Beziehung zwischen den beiden war schon mal besser, damals, als im Paradise die Geschäfte liefen.

Dafür mussten allerdings ausreichend Frauen da sein – von elf Uhr morgens bis vier Uhr nachts. Nur so ließen sich die Versprechen an die Investoren einlösen. Die Zuhälter verdienten ebenfalls, je mehr Frauen sie am Laufen hatten. Der LKA-Mann beschreibt das Miteinander als eine Win-win-Situation – im Idealfall, allerdings nicht für die Frauen. Die mussten ihre Einnahmen – bis zu 30 000 Euro im Monat – an ihre Zuhälter abgeben. Zudem sank die Zahl von anfangs 65 auf 30 anwesende Prostituierte an schlechten Tagen. Der Ermittler berichtet von Telefonaten, in denen Nermin Culum, der Vizechef der Tribuns, Rudloff sagte, er habe mit einer der Prostituierten „jetzt mal härter gesprochen“. Was das bedeutet, versteht man, wenn man sich die Fotos des muskelbepackten Culum anschaut.

Jahrelange Ermittlungen

Die Zuhälter knüpften die Kontakte zu den späteren Prostituierten auf Facebook oder Internetkontaktbörsen. Was folgte, waren oft Spritztouren in teuren Autos aus dem Fuhrpark der United Tribuns: Jaguar, Hummer, BMW. Die Frauen waren verliebt, die Tribuns taten nur so, als wären sie es. Schon wenige Monate nach der Eröffnung im Februar 2008 war diese Form der Frauenakquise für das Paradise nötig. Immer wieder war der Frauenmangel Thema in den Telefonaten mit den Zuhältern, bei denen die Ermittler von Januar 2014 an für einige Zeit mithörten.

Der Vorlauf dieses Prozesses und die Ausdauer der Ermittler sind in der Tat außergewöhnlich. Ende 2013 übernahm die Staatsanwaltschaft Stuttgart das Verfahren von ihren Augsburger Kollegen. Die hatten Verbindungen eines Augsburger Bordells ins Paradise entdeckt. Peter Holzwarth, der auch im aktuellen Prozess die Anklage führt, war der zuständige Staatsanwalt. Bis November 2014 liefen die Ermittlungen verdeckt – Telekommunikationsüberwachung und Observationen. Am 30. November 2014, 18 Uhr, rückten Staatsanwaltschaft und Polizei dann fast 1000 Mann stark an, durchsuchten die Paradise-Bordelle in Leinfelden-Echterdingen, Saarbrücken, Graz und Frankfurt sowie die Privatwohnungen von Beschäftigen und auch der Investoren.

Rudloff war zu diesem Zeitpunkt im Ausland, später lebte er zeitweise in der Schweiz. Bis zur Anklage vergingen noch einmal fast drei Jahre. Im August 2017 lag sie vor – inklusive Haftbefehl gegen Rudloff. Am 23. März 2018 begann dann der Prozess, der in den folgenden elf Monaten das Unterste zuoberst kehrte. Man muss die Geschichte des Paradise inzwischen wohl als eine Geschichte von malträtierten Frauen erzählen, denen manchmal nur die sorgsam geplante Flucht half, um der Zwangsprostitution zu entkommen – und von Investoren, die um ihr Geld geprellt wurden.

Glücksritter im Rotlichtmilieu

Als am 8. Februar 2008 in Echterdingen in Nähe der Messe die sogenannte Wellnessoase für den Mann eröffnete, hörte sich das noch anders an. Nicht nur in der Region Stuttgart war das ein gesellschaftliches Ereignis. Die Fassade war perfekt. Die Gewerbeimmobilie, fünf Stockwerke hoch, über 5000 Quadratmeter groß, mit Tiefgarage und Fahrstuhl direkt in die VIP-Lounge, war frisch umgebaut worden. Dunkle, satte Rottöne, gedämmtes Licht, alles im orientalischen Stil, dominierten nun den kastigen Bau.

Jürgen Rudloff, damals 54 Jahre alt, war angetreten, als Betreiber des größten Bordells Europas in die Prostitutionhistorie einzugehen. Er wurde nicht müde, in Talkshows und Interviews zu bekunden, dass er etwas Einmaliges erschaffen habe. An seine Seite hatte er sich den damals 41-jährigen Michael Beretin als Presse- und Marketingchef geholt. Die beiden pflegten das Image der lauteren Glücksritter im Rotlichtmilieu, die begünstigt durch das liberale deutsche Prostitutionsgesetz besser als andere wussten, wie man Geld verdient.

Bei dem Prozess macht eine Prostituierte auf die Frage des Vorsitzenden Richters Rainer Gless, wer zur Eröffnungsfeier gekommen sei, aus ihrer Verachtung kein Hehl: „Das war das Gesocks aus ganz Deutschland.“ Rudloffs Erfahrungen im Rotlichtmilieu reichen bis ins Jahr 1979 zurück. Damals betrieb er seinen ersten Club in Weilheim/Teck. Die Zeugin sagt, dass die Frauen einfach nicht wüssten, was sie sich antun, besonders wenn sie ganz jung als Prostituierte arbeiteten. Sie lebt schon lange in einer anderen Stadt, hat den Ausstieg geschafft. Drei Jahre Therapie hat sie hinter sich. Sie sagt Ja, als sie die Lichtbilder der United-Tribuns-Chefs Armin und Nermin Culum anschauen soll, ihr die Füße weich werden und der Richter sie fragt: „Haben Sie Angst?“ Sie sagt auch: „Der Jürgen war immer nett.“ Selbst Gewalt angewandt zu haben, wirft die Anklage keinem der Angeklagten vor.

Im Scheinwerferlicht einer illustren Gesellschaft

Rudloff sagt ein Dreivierteljahr später in seinem Geständnis, dass er sich den Vorwurf machen lassen müsse, dass er die Drecksarbeit andere machen ließ. Er meint damit auch ein United-Tribuns-Mitglied, das er vom Boxen kennt und dessen Trauzeuge er war, als dieser eine der Prostituierten aus dem Paradise heiratete. Aus der Kasse des Paradise wurden während der Haft eines verurteilten Zuhälters der Hells Angels aus Pforzheim die Raten für dessen Leasingfahrzeug gezahlt. „So eng hatten wir die Beziehungen nicht vermutet“, sagt der LKA-Ermittler. Der Familienvater Rudloff, der selbst keinen Alkohol anrührt und abends früh zu Bett geht, sonnte sich währenddessen im Scheinwerferlicht einer illustren Gesellschaft aus Wirtschaft, Sport, Politik und Unterhaltungsbusiness – und wurde von ihr hofiert. Er hatte feste Plätze in der VIP-Lounge in der Mercedes-Benz-Arena. Rudloff war in jeder Beziehung bestens vernetzt. Dieses Netzwerk war Teil seines Geschäftskapitals.

Bilder in Society-Hochglanzmagazinen zeigen ihn beim Neujahrsempfang des VfB Stuttgart 2012 an einem Tisch mit Hansi Müller. Den fünften Geburtstag des Paradise feierte er 2013 mit 300 geladenen Gästen im Mash im Stuttgarter Bosch-Areal. Unter den Gästen waren Schauspieler Mark Keller, Boxer Firat Arslan und VfB-Altstar Buffy Ettmeyer sowie Rolf Deyhle, mit dem er einen Männerclub, also ein weiteres Bordell, auf Sylt plante.

Das Hauptmotiv: Gier

Rudloffs Geschäftspartner Beretin war als Fotograf, wie er sagt, „auch in Krisengebieten wie Syrien und Afghanistan unterwegs“, brennt für Motorräder und tritt wortgewaltig auf. Die beiden passten gut zusammen: Rudloff versprach Investoren zehn Prozent Puffrendite. Beretin half bei der Suche nach potenziellen Anlegern. „Die Gier“, wie etwa der Sportevent-Manager Willy Weber vor Gericht sagt, trieb die Investoren in Rudloffs Arme.

Fast ein Jahr nach Prozesseröffnung und fast elf Jahre nach der Paradise-Eröffnung wird die Siebte Strafkammer in der nächsten Woche das Urteil gegen Rudloff und Beretin und den Steuerberater verkünden. Das geschieht auf Basis rechtlicher Verständigungsgespräche. Fünf Jahre Freiheitsstrafe werden es wohl für Rudloff werden. Beretin muss mit einer Strafe über drei Jahre rechnen, der wegen Betrugs angeklagte Steuerberater mit einer zur Bewährung ausgesetzten Strafe von zwei Jahren.

Erstmals wird ein deutsches Gericht Bordellbetreiber dafür zur Verantwortung ziehen, dass Frauen in ihren Häusern mit ihrem Wissen zur Prostitution gezwungen wurden. Die Angeklagten haben sich ein Dreivierteljahr Zeit gelassen mit ihren Geständnissen. Am Freitag haben sie nach den Plädoyers noch einmal das Wort.

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