„Bild“-Chef Julian Reichelt unter Druck Der Gott des Gemetzels

Muss sich heftiger Vorwürfe erwehren: „Bild“-Chef Julian Reichelt. Foto: imago/Norbert Schmidt

Der Stuhl von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt wackelt: Der Verlag lässt schwere Vorwürfe von Mitarbeiterinnen gegen ihn überprüfen; es geht offenbar um Machtmissbrauch und Mobbing. Für die Axel Springer SE steht viel auf dem Spiel.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Berlin - Manchmal geht’s bei diesem Thema inzwischen ganz schnell. Am vergangenen Samstag berichtete die „taz“ auf drei Zeitungsseiten über massive „Metoo“-Vorwürfe gegen den Intendanten der Volksbühne Berlin, Klaus Dörr: Mehrere Mitarbeiterinnen aus dem Theater beschwerten sich über Machtmissbrauch, Sexismus und Mobbing. Bereits 48 Stunden später übernahm Dörr die „volle Verantwortung“ und stimmte seinem vorzeitigen Vertragsende zu. Dem vorausgegangen war ein „ausführliches Gespräch“ mit seinem Dienstherrn, dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer.

 

Beim Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Julian Reichelt, läuft es derzeit anders. Der Medienkonzern Axel Springer SE hat vor etwa drei Wochen die international tätige Wirtschaftskanzlei Freshfields beauftragt, Klagen von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der „Bild“-Redaktion über ihren Dienstvorgesetzten nachzugehen. Die Vorwürfe bewegen sich wohl ungefähr in jenem Rahmen, der auch an der Volksbühne zur Debatte stand. Entschieden ist in der Sache seitdem noch nichts. Aber für Springer ist die Zukunft der „Bild“-Spitze sehr viel wichtiger als ein Theaterintendant für den Berliner Kultursenator. Denn die Zukunft Julian Reichelts entscheidet auch über die Zukunft von „Bild“.

Selbst Kritiker warnen vor Vorverurteilung

Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Mediendienste und Medienjournalisten besonders in Berlin seit Tagen die Vorgänge bei der „Bild“ in höchster Aufregungsstufe und mit kaum verhohlener Lust begleiten. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Details und Mutmaßungen über die Zustände im Verlagshaus Springer, vieles davon nur mit vager Quellenangabe. Selbst scharfe Kritiker des „Bild“-Journalismus wie der Medienexperte Stefan Niggemeier warnen inzwischen davor, im Falle Reichelts wichtige handwerkliche Kriterien „der Verdachtsberichterstattung“ wie die Unschuldsvermutung gegenüber dem Beschuldigten zu missachten.

Zum Stand der Dinge ist daher zu sagen: Bis zum Abschluss des Verfahrens durch das „interne Compliance-Management“ gibt der Verlag als Arbeitgeber keinerlei Informationen und nimmt auch keinerlei Stellung. Julian Reichelt selbst weist alle Vorwürfe zurück. Auf eigenen Wunsch hin, so der Verlag, sei er „bis zur Klärung der Vorwürfe befristet von seinen Funktionen freigestellt“. Diese Freistellung bedeutet keinerlei Vorentscheid. Summa summarum: Formal hat der Verlag alles richtig gemacht.

Ein Kind von Springer

Dass sich viele Medien mit diesem nüchternen Rahmen aber nicht zufriedengeben wollen – die ersten Enthüllungen über die aktuelle Führungskrise bei der „Bild“ stammten vom Satiriker Jan Böhmermann im „ZDF Magazin Royale“, es folgte der „Spiegel“ –, liegt zweifellos an Reichelt selbst und an der Form von aggressivem Boulevardjournalismus, die er von seiner Redaktion seit Jahr und Tag fordert. Reichelt selbst hat oft genug die Prinzipien des seriösen und verantwortungsvollen Journalisten-Handwerks missachtet oder missachten lassen; die Rügen des Deutschen Presserates an Veröffentlichungen der „Bild“-Zeitung sind längst Legion – fast durchweg beantwortet mit demonstrativer Missachtung.

Intern hat sich Reichelt gegenüber seiner Redaktion zur Lage geäußert. Der Angriff gelte nicht ihm persönlich, sondern der „Bild“ insgesamt: „Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen Bild und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt“. Und diese Worte treffen in einem übertragenen Sinn tatsächlich den Kern: Der gerade erst 40-jährige Journalist ist mit der „Bild“ und dem Haus Springer geradezu existenziell verwachsen: Hier war er Volontär und absolvierte die Axel-Springer-Akademie.

Das Haus schickte ihn als Reporter in die Kriegs- und Krisengebiete im Nahen und Mittleren Osten. 2014 machte ihn der Verlagschef Mathias Döpfner zum Chefredakteur von „Bild.de“, dem Netzportal des Boulevardmagazins. Reichelt baute dieses endgültig aus zur derzeit erfolgreichsten deutschsprachigen Plattform für Skandal- und Prominews, Sex and Crime jedweder Art. Verlagsinterne Konkurrenten um die Gesamtführung der Marke „Bild“ verdrängte Reichelt nach und nach. 2017 wurde er als Nachfolger von Kai Diekmann „Vorsitzender der BILD-Chefredaktionen“. Seitdem ist er einer der zweifellos mächtigsten und einflussreichsten Journalisten Deutschlands.

Der einzig wahre Journalismus

Denn trotz stetig sinkender Auflage ist die „Bild“ auch in gedruckter Form noch immer täglich über 1,2 Millionen Exemplare stark und erreicht rund 8,6 Millionen Leser. Laut Angaben des Verlages beschäftigt die Redaktion 883 Redakteure und Reporter sowie mehr als 200 Fotografen. Noch immer gilt: Wenn die „Bild“ eine ganz bestimmte Geschichte haben will (zum Beispiel von Hausdurchsuchungen bei einem Promi), oder ein ganz bestimmtes Bild (zum Beispiel von den Opfern eines Gewaltverbrechens), oder ein ganz bestimmtes Gerücht (zum Beispiel über Trainerzoff in der Fußball-Nationalmannschaft), dann wird ihr das auch gelingen, so oder so.

Im Kampf um Marktanteile hat Julian Reichelt als Chefredakteur den Erfolgs- und Ertragsdruck auf seine Redaktion noch wesentlich erhöht. Und er hat ihn im Unterschied zu seinem auch nicht gerade zimperlichen Vorgänger Kai Diekmann noch moralisch überhöht: In Reichelts Weltsicht ist der „Bild“-Journalismus überhaupt der einzig wahre Journalismus: „laut, polarisierend, mutig“, wie es in einer Selbstdarstellung der Redaktion heißt: „’Bild’ ist immer da, wo sich Geschichte live ereignet und unsere Zukunft entschieden wird.“ Reichelt hat sich darum nie vorwerfen lassen, etwas falsch zu machen. Er sah sich vielmehr stets als Einzigen, der es richtig macht.

Wochenlanger Kampf gegen Christian Drosten

In der Coronaberichterstattung etwa hat die „Bild“-Zeitung frühzeitig eine betont regierungskritische Berichterstattung betrieben, den Sinn vieler Lockdown-Bestimmungen angezweifelt und schärfer als viele andere die Führungsqualität von Bundeskanzlerin Angela Merkel infrage gestellt. Besonders zu spüren bekam das im vergangenen Jahr der Virologe Christian Drosten. Die fachliche Kompetenz des zeitweise sicher wichtigsten Coronapolitikberaters beharrlich infrage zu stellen, das machte der Chefredakteur praktisch zur Chefsache. Berechtigte Fragen in der Sache und unberechtigte Herabwürdigung des weltweit angesehenen Wissenschaftlers waren schließlich kaum noch zu trennen.

Als die öffentliche Kritik daran immer stärker wurde, musste Konzernchef Mathias Döpfner persönlich Reichelt zu Hilfe kommen. In einem langen Podcast führten Verleger und Chefredakteur ein sehr freundliches Fachgespräch, in dem der „Bild“-Chef seine Position erläutern konnte: „Wenn wir mehrfach kritisch berichten, dann ist das kein Kampagnenjournalismus, sondern unsere Jobdeskription“. Auch hier: Allein „Bild“ macht, was alle anderen sträflich versäumen.

Die Mehrheit haben jetzt Amerikaner

Diese Haltung polarisiert natürlich; provoziert die einen, fasziniert die anderen. Das Ergebnis interessiert auf jeden Fall Tag für Tag Millionen von Lesern. Allerdings lautet nun die Frage: Ist der Preis für einen solchen Journalismus ein Führungsstil, der längst nicht mehr in unsere Zeit passt? Weil er, wie laut „Spiegel“ offenbar die erste „Alarmmeldung“ aus der Redaktion an den Springer-Vorstand lautete, in einem veritablen Allmachtsrausch zum Beispiel gegenüber Mitarbeiterinnen „Bett und Beruf“ sträflich verquickt?

Selbst wenn die Fachleute von Freshfields nicht genügend Zeugen finden, die auch mit ihrem Namen für solche und ähnliche Beschuldigungen einstehen – allein durch die starke Berichterstattung dieser Tage könnte Springer-Chef Mathias Döpfner gezwungen sein, Konsequenzen zu ziehen und „Bild“ einen personellen Wechsel zu bescheren. Döpfner hat seit 2002 dafür gesorgt, dass sein Haus die alte Springer-Vielfalt an Zeitungs- und Magazintiteln nach und nach verscherbelte. Übrig geblieben sind nur zwei Marken: „Bild“ und „Welt“. Das soll reichen, muss aber dann auch blitzeblank sein. Seit 2019 hält die Beteiligungsgesellschaft KKR bei der Axel Springer SE 43,5 Prozent der Gesellschafteranteile. KKR, das sind „Metoo“-sensible Amerikaner.

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