Miteinander ist manchmal im besten Sinne ein Nebeneinander. Deswegen sitzt man als Paar im Restaurant so gut zusammen auf der Bank. Man kann den anderen dann ununterbrochen anfassen und küssen. Doch das geht erst mit etwas mehr Vertrautheit, nicht bei der allerersten Verabredung, bei der man einander noch in die Augen schauen möchte. Nebeneinander schaut das Paar aus gemeinsamen Augen in die Welt: Wir, diese kleine Einheit der Liebestollen, gegen den Rest der Welt.
Der Schweizer Filmemacher Iwan Schumacher begann 2013 Fotografien von Paaren zu sammeln, die nicht in die Kamera schauen. Zusammen mit Peter Pfrunder, Direktor der Fotostiftung Schweiz, hat er den Bildband „Paare / Couples“ herausgegeben, in dem unter anderem Bilder aus der Fotosammlung von Schumacher und aus der Sammlung der Stiftung zu sehen sind.
Wie konnten solche Aufnahmen entstehen? Die Gezeigten merkten entweder nicht, dass sie fotografiert wurden oder waren mit dem Fotografen offenkundig sehr vertraut. Zu sehen ist dann das Gegenteil der inszenierten Bilder in sozialen Netzwerken oder der professionellen Hochzeitsfotografie. Die Aufnahmen wirken spontan und dynamisch, wie im Vorbeigehen fotografiert, als wären nicht auch sie eine Inszenierung, ihr Ausschnitt bewusst gewählt. Sie erzählen Geschichten, die über den Moment hinaus gehen und erstaunlich offen formuliert sind.
Man sieht, wenn etwas in der Luft liegt, vielleicht ein Streit?
Die Liebesbeziehung ist heute etwas, das in Frage gestellt, zumindest neu verhandelt wird. Sie kann längst unterschiedliche Formen annehmen: als offene Beziehung oder Polyamorie, als hetero- oder homosexuelle Liebe. Über all das wird freier denn je gesprochen. Die Flüchtigkeit und Ambivalenz der scheinbar beiläufig beobachteten Paarmomente steht symbolisch für diesen Zeitgeist. Auch für den Eindruck, dass es schwieriger geworden ist, das Gesehene einzuordnen oder sicher zu deuten. Selbst Geschlecht ist verhandelbar, frei wählbar. Nichts ist, wie es scheint – oder muss es zumindest nicht sein.
Ein Mann sitzt neben einer Frau, ist bei ihr, steckt aber eigentlich tief in seinem Kopf, man sieht es in seinem Gesicht. Und führt damit auch ein Paradox der Fotografie vor, wie es der französische Philosoph Roland Barthes benannt hat: die Abwesenheit in der Anwesenheit. Der Gezeigte ist da, wir sehen ihn ja, er ist es aber auch nicht. Diese Abwesenheit spüren wir auch, wenn andere in ihrem Handy verschwinden.
Als Paarbeobachter sieht man gleich, wenn etwas in der Luft liegt, vielleicht ein Streit? Die Sprache der Körper ist deutlich. Wer eine intime Beziehung unterhält, bewegt sich anders zueinander, kommt einander körperlich näher, als gäbe es nicht diese unausgesprochene Grenze, den Abstand, den man zu anderen einhält.
Ein Paar hat etwas Exklusives, Absolutes
Ein Paar, das sich durch seine Körpersprache als solches offenbart, schlägt in der Öffentlichkeit sein Zelt auf, trägt etwas von dem nach außen, was es miteinander im Bett hat. Und Betrachter werden zu Voyeuren. Wenn die Hand des Mannes beim Spaziergang beiläufig den Spitzenhandschuh der Frau berührt, steckt in dieser kleinen Berührung auch sein Wissen um das Geheimnis ihrer Nacktheit. Er ist es, der diese Hand, und nicht nur die, später unverhüllt sehen wird.
Ein Paar, dieses starke Duo, hat etwas Exklusives, Absolutes: Sich derart herschenken, sich einlassen, an jemanden binden? Man entscheidet sich gegen andere, riskiert oft alles. Wie irrsinnig kann man sein? Die US-Autorin Maggie Millner schreibt in ihrem in diesem Frühjahr erschienenen genialen Versepos „Paare“: „Für ein unverwässertes Gefühl / setze ich, wie ich heute weiß, einfach alles aufs Spiel.“
Iwan Schumacher, Peter Pfrunder: Paare/ Couples. Edition Patrick Frey, 228 Seiten, 52 Euro.
Weitere Infos
Bildband
Iwan Schumacher, Peter Pfrunder: Paare/ Couples. Edition Patrick Frey, 228 Seiten, 52 Euro.