Bilder der Großstadt Déjà-vu in Stuttgart

Von Jan Sellner 

Die Parallelen zwischen den Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Bildern Reinhold Nägeles und heute sind erstaunlich, findet Lokalchef Jan Sellner. Wer mehr über Stuttgart erfahren will, sollte die Ausstellung im Kunstmuseum besuchen.

Straßenkampf in Stuttgart – Gemälde  von Reinhold Nägele aus dem Jahr 1925. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Straßenkampf in Stuttgart – Gemälde von Reinhold Nägele aus dem Jahr 1925. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wollen Sie wissen, wie Stuttgart früher ausgesehen hat? So vor etwa 90 Jahren? Haben Sie Interesse daran, die Stadt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen? In anderen Farben? Durch eine andere Brille? Dann liegt die Lektüre des „Stuttgart-Albums“ nahe, in dem unsere Zeitung Stadtgeschichte anhand historischer Fotos aufleben lässt. Ebenso empfiehlt sich ein Besuch im Kunstmuseum am Schlossplatz. Die städtische Kunstsammlung, die dort im Glashaus sitzt, stellt – wie berichtet – bis 3. Juni Bilder des Malers Reinhold Nägele aus, Bilder, deren Thema überwiegend Stuttgart ist.

Chronist der Moderne – so bezeichnen die Ausstellungsmacher den 1884 in Murrhardt geborenen und 1972 in Stuttgart gestorbenen Künstler treffend. 23 Jahre seines Lebens verbrachte er in Amerika. Dorthin war er mit seiner jüdischen Ehefrau 1939 vor den Nazis geflüchtet. 1963 kehrte Nägele nach Stuttgart zurück. „I ben froh, dass e widder da bin“, soll er gesagt haben. Hier, wo seine ­Wurzeln lagen, empfand er offenbar die ersehnte Tiefe. Ein Herkunftsmensch.

Im Laboratorium der Moderne

Sehenswert sind Nägeles Stuttgart-Bilder in mehrfacher Hinsicht. Zum einen aus künstlerischen Gesichtspunkten – Nägele war Mitbegründer der sogenannten Stuttgarter Neuen Sezession, einer Gruppe junger Künstler mit Drang zum Realismus. Daneben haben seine Panoramen einen hohen dokumentarischen Wert. Nägele zeigt Ausschnitte aus den 20er Jahren, die auch in Stuttgart ein Laboratorium der Moderne waren. Zwei herausragende architektonische Beispiele hat er auf Leinwand gebannt: die Weißenhofsiedlung und den Tagblattturm.

Die Zeiten waren experimentierfreudig, aber auch zerbrechlich. Aus sicherer Entfernung, wie in einem Fesselballon, schwebt Nägele über die Stadt und macht Luftaufnahmen; heute spräche man von Drohnen-Bildern. Als Betrachter seiner Momentaufnahmen blicken wir auf Menschenaufläufe, Straßenkämpfe, sehen, wie am Kernerplatz Weltanschauungen aufeinanderprallen, erkennen Vorzeichen des braunen Terrors. Groß scheint die Entfernung zur Gegenwart zu sein – trotz unheilvoller Tendenzen in der Gegenwart.

Die „Gestrigen“ sind uns nah

Andere Bilder wirken bemerkenswert vertraut: besonders jene mit dem Thema Stadtentwicklung. Nägele malte ein Stuttgart im Werden, eine Stadt, die in Veränderung begriffen ist. Voller Baustellen und Dynamik. Ein Kristallisationspunkt ist schon damals der von Paul Bonatz als Nabel Schwabens bezeichnete Hauptbahnhof, der den Centralbahnhof in der Stadtmitte ersetzte. Vom neuen Bahnhofsturm aus lässt er den Blick über die City schweifen. Ein dominierender Eindruck: das Lichtermeer – eine Metapher für die groß und größer werdende Stadt. In seinen Bildern heißt Nägele das Neue auf stille Weise willkommen.

Was nehmen wir Heutigen daraus mit? Einerseits die Erkenntnis, wie verwandt uns die Gestrigen sind. Andererseits: dass zu den Kontinuitäten, die Stuttgart aufweist, der Wandel gehört.

jan.sellner@stzn.de

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