Bilder, Kritik und Setlist So war’s bei Eros Ramazzotti in der Schleyerhalle

Eros Ramazzotti spielt am Sonntag in der Schleyerhalle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Eros Ramazzotti spielt am Sonntag mit einer fantastischen Band. Den beherzten Griff um die Hüfte seiner Sängerinnen scheut er ebenso wenig wie einen Anruf bei den Töchtern.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Zu Eros Ramazzotti gibt es mehr als zwei Meinungen. Man liebt ihn, man findet ihn schnulzig – oder hört ihn gern im Radio und in der Pizzeria, wo Spitzbuben sich bewusst verhören und von der „Bella Calzone“ schwärmen. Unklar bleibt vor seinem Stuttgarter Konzert am Sonntag, ob das live „Nostalgie pur für die Best Ager“ (NDR zum Auftritt in Hamburg) wird, ein Abend für die – man entschuldige den Begriff – Toskanafraktion – oder ob der von Ramazzotti verkörperte Italopop die Generationen zusammenbringt und die Italienischstämmigen mit den Italophilen.

 

Die Antwort geben wir unten. Fast noch wichtiger: Der Auftritt ist viel besser als man erwarten darf, jedenfalls wenn man selbst kein Fan sein sollte und beispielsweise eine auf unvoreingenommener Betrachtung basierende Konzertkritik verfassen möchte.

König des Pizzeria-Pop

Natürlich ist Ramazzotti der König des Pizzeria-Pop, und zwar zu Recht. Live, vor den knapp 8000 Zuschauern in der Schleyerhalle, arbeitet er erfreulicherweise Zwischentöne heraus: „Se Bastasse Una Canzone“ trägt er als bluesigen Gospel vor, „Una Storia Importante“ ist kraftvoller als in der Version von 1985, „Un’ Emozione Per Sempre“ kriegt ein schönes Sopransaxofon-Solo. Ramazzotti greift immer wieder auch selbst zur Gitarre, er ist ein herzeigbarer Rocksolist.

Bekannt ist er auch für seine Duette. Statt Originalstimmen aus den Studioversionen einzuspielen, bittet er wie etwa schon beim Auftritt im Jahr 2019 seine drei Gar-nicht-so-sehr-Hintergrundsängerinnen jeweils einzeln nach ganz vorn auf die Bühne. In diesen Momenten wird es spannend. Können sie die Rolle von Künstlerinnen wie Anastacia (“I Belong To You“) und Cher (“Più Che Puoi“) einnehmen?

Handkuss und Griff um die Hüfte

Gesanglich auf jeden Fall. „La Luce Buona Delle Stelle“ (1987, im Original mit Patsy Kensit) wird gewissermaßen als die Urmutter aller 80er-Jahre-Pianoballaden ausgestellt. Spannend ist auch, wie selbstbewusst Sara Deop den Song neben dem Weltstar performt. Sie legt Ramazzotti den Arm um die Schulter, nicht andersherum wie bei den beiden Duetten zuvor. Mittlerweile schaut man bei sowas ja etwas genauer hin. Eros Ramazzotti gibt mit seinen 62 Jahren den klassischen Gentleman, mit Handkuss und selbstbewusstem Griff um Hüfte. Natürlich darf die Ehrung aller Frauen als „Grundlage allen Lebens“ nicht fehlen.

Die drei Sängerinnen kriegen alle ihren Solopart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nicht nur die Bühnenpräsenz folgt jahrzehntelang eingeübten Manierismen, auch die Musik zelebriert einen längst perfektionierten, an vielen Stellen virtuos performten Poprock. Kanten oder überraschende Wendungen sucht man vergeblich. Aber wenn etwas perfekt ist, warum sollte man etwas daran ändern? Zumal Ramazzotti eine wirklich gute Band um sich schart. Hervorzuheben ist der von ihm zu Recht mit „Bravo-Rufen“ bedachte Saxofonist Marco Scipione, dessen Spiel sich so empathisch über die fluffig geschichteten Instrumentalspuren legt wie Kakaopulver auf ein frisch zubereitetes Tiramisù.

Gegen Ende des Konzerts, bei „Una Terra Promessa“, darf Scipione sogar neben dem Meister in der ersten Reihe spielen, sofern der nicht unten bei den Fans ist, Bambini herzt und Selfies macht. Diesen Song öffnet die Band ins fast schon Jazzige. An dieser Stelle kann das ansonsten eher straight durchgezogene Konzert etwas atmen, und plötzlich covert Eros Ramazzotti sogar Bob Marleys „No Woman No Cry“.

Hervorragender Saxofonist: Marco Scipione Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mit einer fantastischen Selbstverständlichkeit führen der Sänger und seine Band eine letztlich sehr italienische Art von Poprock auf. Diese Musik unterstreicht einen absoluten Sinn für Perfektion, die Songs sind perfekt ästhetisierte Emotion und Ausdruck eines lässigen, gleichwohl gut sortierten und damit übersichtlichen Weltbilds.

Mal kurz bei den Töchtern anrufen

Dazu gehört auch, die Töchter von der Bühne aus per Videocall anzurufen und sich zu versichern, dass der Enkel mittlerweile im Bett ist. Gefolgt, logo, vom Überhit „Più Bella Cosa“. Die dazu taghell erleuchtete Schleyerhalle ist mit einer sehr gut durchmischten, gegen Ende auch ausgelassenen Menge Besucherinnen und Besucher bevölkert, die aus ganz unterschiedlichen Gründen hier sein dürften. Ja, diese Musik bringt Menschen vieler Couleur zusammen. Sie wehrt sich nicht dagegen, Nostalgie zu erzeugen.

Hübsch illuminiert: die Bühne in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Aber sie bekommt eben eine zweite Ebene, dank der Videos auf der Leinwand und den Einspielern zwischen den Songs. Immer wieder ziehen Stürme auf, es blitzt, einmal meint man New York überschwemmt zu sehen. Und dann: „Lasst uns nicht aufgeben, es gibt wunderbare Menschen auf der Welt“, gefolgt von „Se Bastasse Una Canzone“, also einem Lied übers Liedersingen, für den Frieden.

Der Song wird heute sicherlich anders gelesen als in seinem Erscheinungsjahr 1990. Ja, der Abend ist auch eine kleine Flucht in eine Zeit, in der sich das Leben vielleicht noch leichter und optimistischer anfühlte. Aber seine nunmal wirklich guten Songs sind eben auch zu schade, um sie nur in die Formatradio- und Pizzerien-Ecke zu stecken. Wer es nicht glaubt, sollte mal auf ein Eros-Ramazzotti-Konzert gehen.

Setlist:

  • Taxi Story
  • Quanto Amore Sei
  • Un Cuore Con Le Ali
  • Un’ Emozione Per Sempre
  • Stupide Parole Romantiche
  • I Belong To You
  • Stella Gemella
  • Adesso Tu
  • Una Storia Importante
  • Come Nei Film
  • Domani
  • Più Che Puoi
  • Dove C’è Musica
  • La Luce Buona Delle Stelle
  • Se Bastasse Una Canzone
  • Musica È
  • Un’Altra Te
  • No Woman No Cry
  • Terra Promessa
  • Fuoco Nel Fuoco
  • Cose Della Vita
  • Più Bella Cosa

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