Bilderbuch-Tipp Über Geräusche, die ein Haus macht
Molly sucht das Knack: Die Stuttgarter Autorin Jonna Struwe inszeniert in einem Bilderbuch sehr spannend die Geräusche, die ein altes Haus macht.
Molly sucht das Knack: Die Stuttgarter Autorin Jonna Struwe inszeniert in einem Bilderbuch sehr spannend die Geräusche, die ein altes Haus macht.
Kinder mögen’s laut. Gäbe es die Geräusche einer Stadt als Hör-Installation im Museum, dann würden Erwachsene nur die Register für Vogelgezwitscher und Brunnenplätschern ziehen, Kinder dagegen alle gleichzeitig, so dass die Stadt aus vollen Rohren und fetten Motoren aufjault.
Wer Lärm liebt, lässt sich hoffentlich auch für seine Feinheiten begeistern. Genau das hat die Stuttgarter Kinderbuchautorin Jonna Struwe im Sinn. In ihrem neuen Bilderbuch „Molly, Trappel und das Knack“ hat sie ganz genau auf die Geräusche gehört, die ein altes Haus macht, und sie zur akustischen Kulisse einer spannenden Geschichte arrangiert. Junge Menschen ermuntert dieses Buch, selbst die Ohren zu spitzen und die eigene Umwelt aufmerksam wahrzunehmen.
„Ping, ping, ping“ kichern die Gläser im Schrank, wenn das Mädchen Molly durchs Zimmer rennt, „suuhuu“ säuselt der Wind durch die Ritzen der Fenster, „hoho“ ächzen die Holzdielen unter den Schritten des Vaters, „pföh-pföh“ schnauft Hund Trappel beim Schlafen. Doch an diesem Morgen hört Molly plötzlich ein neues Geräusch, ein „Knack“, das nicht zu ihrem Haus gehört. Und so macht sie sich auf die Suche nach der Quelle. Durch typografische Spielereien gelingt es der Illustratorin Arabell Watzlawik, die Geräusche von Mollys Zuhause fast hörbar zu visualisieren. Mädchen und Hund sind schablonenhaft angelegt, mit flirrenden Haaren und flitzenden Beinen aber von großer Lebendigkeit. Und durch die vielen Geräusche, die es produziert, wirkt Mollys Haus beseelt wie ein weiterer Protagonist.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Das Meer strandet im Kinderbuch
So locker das glückliche Zusammenspiel von Erzählung und Illustration in „Molly, Trappel und das Knack“ wirkt, so wenig selbstverständlich war das Erscheinen dieses Bilderbuchs. Denn der anhaltende Mangel von Altpapier macht nicht nur Verlagen Sorge. Auch Jonna Struwe stand bei ihrem Buchprojekt durch die steigenden Papierpreise vor einer unerwarteten Finanzierungslücke. Erst eine Crowdfunding-Aktion machte ein Erscheinen in Eigenverlag und hochwertigem Druck möglich.
Schade, wenn dieses Buch seine Leser verpasst hätte. Denn wie Jonna Struwe da im Verbund mit Arabell Watzlawik das akustische Eigenleben eines alten Hauses erlebbar macht, steckt nicht nur voll überraschender Einfälle, sondern erschließt dem Kinderbuch ein neues Thema: Die humorvoll erzählte, liebenswert gezeichnete Hommage ans genaue Hin- und Zuhören könnte sich sicherlich auch in vielen Verlagsprogrammen bewähren. Warum hat die Autorin diesen Weg nicht gewählt? „Durch die Coronapandemie sind die Pipelines bei den Verlagen voll, und mir fehlte die Geduld, möglicherweise bis 2024 zu warten, denn dieses Buchprojekt war aus dem Moment heraus geboren“, erklärte Jonna Struwe vor dem Erscheinen ihres Buchs dessen Motivation. Nach einem USA-Aufenthalt und dem Leben in einem modernen Wolkenkratzer lauschte die Autorin bei der Rückkehr nach Sillenbuch verwundert auf die vielen Geräusche, die ein altes Haus produziert.
Viele Verlage machten bei Bilderbüchern zudem Vorgaben bei der Wahl der Illustratoren, erklärt Struwe. „Ich wollte mich aber auch dabei einbringen, wie mein Haus zum Leben erweckt wird, und das gemeinsam entwickeln.“ Über die neue Plattform der Kinderbuchmanufaktur, die eine Autorin und eine Kleinverlegerin vor einem Jahr in der Coronapandemie gegründet haben, fanden Struwe und Watzlawik dann zusammen für diese empfehlenswerte Phonetik der Architektur.
Jonna Struwe, Arabell Watzlawik (Illustration): Molly, Trappel und das Knack. 32 Seiten. Nova MD. 15,90 Euro. Ab 4 Jahren.