Bildung in Baden-Württemberg Land beim Ganztagsschulangebot Zweitletzter

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Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist Baden-Württemberg im Ländervergleich Vorletzter, was flächendeckende Angebote von Ganztagsschulen angeht. Das Kultusministerium sieht darin kein Problem.

Schätzungen, wie viele Ganztagsschulen es 2009 in Baden-Württemberg gab, waren viel zu hoch. Foto: dpa
Schätzungen, wie viele Ganztagsschulen es 2009 in Baden-Württemberg gab, waren viel zu hoch. Foto: dpa

Stuttgart - Beim Thema Bildung im Land heimst das Kultusministerium eine schlechte Zensur nach der anderen ein. Erst am Freitag attestierte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Schülern in Baden-Württemberg einen Absturz im Länder-Ranking in allen Fächern – den gravierendsten von allen Bundesländern. Jetzt sagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung: Auch beim Thema Ganztagsschulen hat das Kultusministerium Nachholbedarf. Im Bundesdurchschnitt belegt Baden-Württemberg bei der Ganztagsbetreuung von Schülern im Schuljahr 2015/16 mit einem Betreuungsanteil von 23,7 Prozent den vorletzten Platz.

Das Kultusministerium sieht das Ergebnis gelassen – obwohl selbst die einst für 2023 angestrebten 70 Prozent Ganztagsschulen im Grundschulbereich demnach illusorisch erscheinen. Denkbar ist auch, dass das ehrgeizige Ziel der damaligen grün-roten Landesregierung den falschen Zahlen geschuldet ist, mit denen früher gerechnet wurde: Von 2009 auf 2010 wurden damalige Schätzungen um knapp zehn Prozentpunkte herunterkorrigiert. Tatsächlich besuchten statt 25 Prozent zu dieser Zeit nur 16 Prozent der Schüler Ganztagsschulen.

Laut der Studie hat auch bundesweit das Bestreben, den Ausbau der Ganztagstagschulen voranzubringen, an Schwung verloren. Von 9,8 Prozent aller Schulen im Schuljahr 2002/03 sei der Anteil der Ganztagsschulen über 2009/10 auf 27,1 Prozent geklettert, heute liege er bei 39,3 Prozent. Bei gleich bleibendem Wachstum dauere es aber noch mehr als vier Jahrzehnte, bis ein flächendeckendes Angebot für Schüler bereitstehe. „Die neue Bundesregierung muss dem Ganztagsausbau Priorität geben“, fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Rechtsanspruch für Ganztagsschulplätze gefordert

Einer Modellrechnung nach sei eine Verdoppelung des bundesweiten Ganztagsangebots bis 2025 möglich. Um 80 Prozent aller Schüler zu erreichen, müssten bis dahin 3,3 Millionen Ganztagsplätze geschaffen werden. Dementsprechend groß wäre der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften: 31 400 neue Stellen für Lehrer müssten geschaffen werden, rechnen die Studienmacher – plus 16 200 weitere für pädagogische Fachkräfte. Jährliche Personalkosten: 2,6 Milliarden Euro – und zusätzlich 15 Milliarden Euro für den Schulausbau, um eine entsprechende Infrastruktur herzustellen.

Den gewaltigen Kosten zum Trotz hält Jörg Dräger die Umsetzung für machbar: „Der Ganztagsausbau ist von den Eltern gewollt, pädagogisch geboten und finanziell machbar. Wir brauchen jetzt einen nationalen Kraftakt für gute Ganztagsschulen.“ Laut einer aktuellen Bildungsstudie des Kinderbekleidungsgeschäfts Jako-O wünschen sich 72 Prozent aller Eltern einen Ganztagsplatz für ihr Kind. Um diesem Wunsch zu entsprechen, könnten Bund, Länder und Kommunen die nötigen Investitionen nur gemeinsam bewältigen, so Dräger. Ähnlich dem geltenden Rechtsanspruch von Kita-Plätzen fordert er von der Politik auch einen Rechtsanspruch auf Ganztagsschulplätze.

Das einzige Land, in dem der Anspruch der flächendeckenden Ganztagsschule bereits annähernd erfüllt ist, ist der Stadtstaat Hamburg: Hier besteht laut der Bertelsmann-Studie bereits ein Angebot von 91,5 Prozent, gefolgt von Sachsen mit 77,5 Prozent. Insgesamt schneiden die östlichen Bundesländer in der Studie etwas besser als die westlichen ab. Die niedrigste Versorgung an Ganztagsschulangeboten habe Bayern, wo nur 16 Prozent aller Schüler dieses Schulmodell nutzten.

Flächenmodell steht zur Disposition

Über das Modell Ganztagsschule brechen auch die Diskussionen in Baden-Württemberg nicht ab. „Auf unseren beiden Ganztagsgipfeln wurde deutlich, dass sich viele Kommunen und Schulen sowie eine Mehrheit der Eltern neben der verbindlichen rhythmisierten Ganztagsschule auch flexible Betreuungsangebote wünscht“, sagt Kai Gräf, ein Sprecher des Kultusministeriums. Diese Realität müsse wahrgenommen und passende Antworten entwickelt werden. Sprich: Die Ganztagsschule als flächendeckendes Angebot steht in Baden-Württemberg heute womöglich wieder zur Disposition.

Wohl unstrittig ist dagegen, dass die Bedarfe in Zukunft weiter steigen werden. Die Verantwortlichen der Studie der Bertelsmann-Stiftung schreiben: „Aufgrund steigender Geburtenzahlen und verstärkter Zuwanderung ist mit einem neuen Schülerboom zu rechnen.“ Darauf hat das Kultusministerium bis jetzt keine klare Antwort geliefert.

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