Christof Martin will an seiner Schule die Option G 8 anbieten. Foto: Simon Granville
Der Schulleiter Christof Martin und sein Kollegium sind überzeugt, dass G 9 viele Schüler unterfordert. Der G 8-Turbozug des Landes soll am Goethe-Gymnasium aber nicht umgesetzt werden. Man setzt auf ein eigenes Modell.
Die Gymnasien im Land kehren zum Schuljahr 2025/26 zum neunjährigen Gymnasium (G 9) zurück. Die Politik folgt damit dem Wunsch vieler Eltern, die sich mittels eines Volksantrages Gehör verschafft hatten. Mit ihm können Bürgerinnen und Bürger den Landtag zwingen, sich mit einem Thema zu befassen.
Das Ziel ist erreicht: Die meisten baden-württembergischen Gymnasien fokussieren sich künftig auf G 9. Auch das größte Gymnasium im Land, das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach. „Wir werden uns ganz auf G 9 ausrichten, vor allem weil wir gewährleisten wollen, dass weiterhin alle Schüler und Schülerinnen alle Profile und Fremdsprachen belegen können. Dies wäre bei einer getrennten Führung eines G 8-Zuges nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich“, erklärt Schulleiter Volker Müller.
Kritik an Turbozug des Landes
Sein Vorgänger in der Schillerstadt, Christof Martin, leitet inzwischen das Goethe Gymnasium in Ludwigsburg – und geht mit seinem Kollegium bewusst einen anderen Weg. Er gibt seinem Nachfolger aber grundsätzlich Recht. Mit dem vom Land vorgesehenen G 8-Turbozug ließen sich alle Profile nur schwer ermöglichen, sagt auch Martin. „Nach meiner Kenntnis gibt es im Landkreis keine Schule, die das vom Land vorgesehene Modell umsetzen will, weil es sehr kompliziert und umständlich ist.“Es sei für die Schulen vor allem logistisch sehr aufwendig, da wahnsinnig viele Stunden und Klassen gekoppelt werden müssten. Was unter anderem „zerrupfte Stundenpläne“ zur Folge hätte.
Eine gesamte Klasse überspringt Stufe 6
Der Wunsch der Eltern wurde erhört. Foto: dpa/Marijan Murat
Am Goethe-Gymnasium möchte man deshalb bewusst einen anderen Weg gehen. Geplant ist ein G 8-Modell, bei dem die gesamte Klasse eine Klassenstufe überspringt, ansonsten aber nach G 9 unterrichtet wird. „Alle Schüler können alle Profile, die es bei uns gibt, nach individueller Wahl belegen. Es gibt keinerlei Nachteile gegenüber den anderen Zügen“, verspricht Martin. Die Schüler überspringen die Stufe 6, können deshalb schon in Klasse 5 die zweite Fremdsprache wählen und dann in Klasse 8 individuell das fünfte Hauptfach. Ein weiterer Vorteil aus Sicht des Ludwigsburger Schulleiters: Die G 8-Klasse ist bis zur Kursstufe zusammen und hat in der Woche nur einmal nachmittags Unterricht. „Beim Turbozug des Landes wären es drei Nachmittage.“
Martin und sein Kollegium sind überzeugt, dass es viele Kinder gibt, die mit dem neuen G 9 vollkommen unterfordert sein werden. All jene beispielsweise, die von der Grundschule eine Gymnasialempfehlung mit der Note 2 oder besser bekommen. Deshalb das Festhalten an G 8 in abgewandelter Form. Martin: „Wir nutzen die Vorteile des neuen G 9 und vermeiden die Nachteile des G 8.“
Zusatzstunden kompensieren fehlenden Unterricht
Das Überspringen der Klasse 6 sieht der Pädagoge nicht als Problem. In Englisch und Mathematik biete man beispielsweise Zusatzstunden, um den fehlenden Unterricht zu kompensieren. „In der Unterstufe ist viel Luft – da wird viel Unterricht mit Wiederholung gefüllt“, sagt Martin.
Einen Antrag muss das Goethe Gymnasium für den sogenannten G 9-Schnellläuferzug nicht stellen. Beim vom Land vorgesehenen Turbozug – mit einer komplett anderen Stundentafel als G 9 und gegebenenfalls mehr Bedarf an Ressourcen – ist er erforderlich. „Wir bleiben in der Stundentafel des G 9, die vom Land als Basismodell vorgegeben ist und nicht beantragt werden muss, auch wenn eine Stufe übersprungen wird. Und für die Genehmigung des Überspringens einer Klasse durch einen Schüler ist nie das Land zuständig, sondern immer die jeweilige Schule.“ Hierfür müsse die Klassenkonferenz am Ende des Schuljahres tagen und das Überspringen entscheiden und empfehlen. Dem müssen dann noch die Eltern zustimmen.
Regierungspräsidium hat noch keine Zahlen
Das Regierungspräsidium kenne den Plan des Ludwigsburger Gymnasiums, betont Martin. Es habe kein Veto eingelegt. Ob auch wirklich eine Klasse zusammenkommen wird? Christof Martin hofft es. „Wir sind gut erreichbar – auch für Kinder aus anderen Kommunen und wir haben mit diesem Modell meines Wissens nach ein Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Region.“ Am Donnerstag, 13. Februar, gibt es um 19 Uhr am Goethe-Gymnasium eine Infoveranstaltung für den G 9-Schnellläuferzug im Raum 101.
Wie viele Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart ein neues G 8 anbieten werden, ist unklar. Der Entscheidungsprozess sei noch nicht abgeschlossen, erklärt Pressereferentin Lea Gruber. Auch im Kultusministerium liegen derzeit keine Zahlen zu Anträgen auf Einrichtung eines oder mehrerer G 8-Züge vor.
Das neue G 9-Modell
G 9-Modell Das Land möchte mit dem neuen G 9-Modell Kompetenzen in Informatik, Medienbildung und Künstlicher Intelligenz stärken. „Wir setzen bei der Weiterentwicklung des Gymnasiums dort an, wo Baden-Württemberg in der Vergangenheit stark war und auch in der Zukunft stark bleiben soll: Bei den Naturwissenschaften“, so Kultusministerin Theresia Schopper.
Empfehlung Im Rahmen der G 9-Umstellung wird eine verbindlichere Grundschulempfehlung eingeführt. Bereits ab nächstem Schuljahr gilt die Regel: „2 aus 3“. Das bedeutet: Für den Besuch des Gymnasiums sind künftig neben dem Wunsch der Eltern entweder die Empfehlung auf Grundlage entsprechender schulischer Leistungen oder aber – alternativ – die erfolgreiche Teilnahme am landesweiten Kompetenztest „Kompass 4“ ausschlaggebend.