Bill Cosby wird achtzig Vom netten Onkel zur Schreckfigur

Bill Cosby war mal ein schwarzer Superstar und Sympathieträger. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Der Komiker, der am 12. Juli achtzig Jahre alt wird, hat sich als rücksichtsloser sexueller Beutegreifer entpuppt.

An seinem achtzigsten Geburtstag hat der einst ungemein populäre Bill Cosbys nicht mehr viele Fans. Foto: AP 7 Bilder
An seinem achtzigsten Geburtstag hat der einst ungemein populäre Bill Cosbys nicht mehr viele Fans. Foto: AP

Stuttgart - Gutmütiger, bärbeißiger Spott war seine Wunderwaffe, ein Kratzbürstenlachen, das alles Peinliche, Ärgerliche, Schmerzliche, Beunruhigende wegschmirgeln konnte: Der afroamerikanische Arzt Cliff Huxtable war mal der Inbegriff bürgerlicher Geborgenheit, die charismatische Verkörperung einer Das-schaffen-wir-und-das-heilt-schon-wieder-Mentalität. So verschroben und verdreht dieser Familienvater oft wirken mochte, so zuverlässig wollte und bewirkte er nur das Beste für die Menschen um sich her.

Dass dieser Cliff Huxtable eine Erfindung war, die Hauptfigur der in acht Staffeln produzierten US-Sitcom „The Cosby Show“, störte da wenig. Denn Bill Cosby, der Darsteller des netten Kerls, schien für die Möglichkeit so einer Figur zu bürgen, die beiden kamen in der öffentlichen Wahrnehmung zur Deckung. Fast ein Vierteljahrhundert lang galt der millionenschwere Superstar, der am 12. Juli 1937 als Kind einfacher Leute zur Welt kam, als Amerikas nettester Onkel – keine kleine Imageleistung in einem Land, das noch immer von Rassismus geplagt wird.

Kann man Werk und Cosby trennen?

Am 17. Juni 2017 hat Cosby, angeklagt wegen Vergewaltigung, ein Gericht in Norristown, Pennsylvania, als freier Mann verlassen. Für unschuldig aber hält ihn kaum mehr jemand. Unter dem Druck vieler Zeugenaussagen, nach dem Offenbarwerden vieler außergerichtlicher Einigungen hat Cosby bereits eingestanden, immer wieder seine Position, sein Image und auch Drogen eingesetzt zu haben, um Frauen gefügig zu machen. Cosby war einen Großteil seiner Karriere über ein rücksichtsloser sexueller Beutegreifer. Viele seiner Opfer würden den Begriff Serienvergewaltiger vorziehen.

Kann, soll und darf man Person und Werk trennen? Man darf, wird jeder zugestehen, der bei Kunst aller Art auch an Genuss denkt, an einen positiven Gebrauchswert fürs eigene Leben. Aber kann diese Ich-pick-mir-was-raus-Haltung bei Bill Cosbys Werk noch funktionieren?

Auch wenn deutsche Fernsehzuschauer neben der Huxtable-Rolle wohl zuerst an Cosbys bahnbrechende frühe Rolle in der TV-Krimiserie „Tennis, Schläger und Kanonen“ (1965-1968) denken mögen, für das schwarze wie das weiße Amerika setzt sich die Karriere des nun Achtzigjährigen ganz anders zusammen. Von Beginn an hat Cosby am konsequenten Gegenentwurf zu fiesen Stereotypen gearbeitet, deren Wurzeln in die Zeit der Sklaverei zurückreichen. Er hat sich schon in den frühen Sechzigern einen Namen als Stand-up-Comedian gemacht. Aber während seine afroamerikanischen Kollegen die derbe Sprache der Gettos auf die kleinen Klubbühnen und auch auf Schallplatten brachten, während sie sich in verbaler Gegengewalt gegen die Mehrheitsgesellschaft übten, wich Cosby ins allgemein Menschliche aus, schöpfte für seine Programme aus Kindheitserinnerungen, erzählte Witze und Anekdoten, die oft weiße Kollegen ohne die kleinste Änderung hätten übernehmen können.

Gegen die Zerrbilder

Außer ein wenig Pigmentierung gibt es keinen Unterschied zwischen uns, schien Cosbys Botschaft zu lauten, gerade auch in den Sitcom-Formaten „The Bill Cosby Show“ (1969-1971) „The Cosby Show“ (1984-1992) und „ Cosby“ (1996-2000). Der verantwortungs- und arbeitslose Tagdieb, der Dealer, Junkie, Zuhälter, der sexuell aggressive, ja, animalische Asoziale – das waren die Zerrbilder des schwarzen Mannes, die Cliff Huxtable weglachte.

Einige Afroamerikaner sahen Cosbys Übernahme weißer Mittelstandsideale höchst kritisch, fürchteten, hier propagiere einer, Schwarze seien eben nur dann akzeptabel, wenn sie sich als dunklere Klone des weißen Amerika definierten. Aber auch all jene, die im Schaffen Cosbys eine viele Hindernisse durchdringende Kraft gesellschaftlicher Versöhnung zu erkennen meinten, sehen nun mit Entsetzen, wie die Kluft zwischen dem Schauspieler und den TV-Figuren den Rassisten gelegen kommt. Der nette, bürgerliche, wertefeste Afroamerikaner scheint nun bloß als Maske für etwas ganz anderes entlarvt. Cosby hat so das seine dazu beigetragen, die USA zurückzuwerfen in Frontstellungen aus ganz anderen Zeiten. Wer sein einst tröstlich komisches Schaffen anschaut, wird nun vor allem Wut und Enttäuschung spüren.