Jörg Obergfäll entdeckt die erste rote Erdbeere in seinem Anbauzelt. Die Saison beginnt bald. Foto: Simon Granville
Erdbeeren gab es in Discountern in diesem Jahr schon für 99 Cent. Das drückt die Stimmung bei regionalen Anbietern. Jörg Obergfäll aus Remseck will mit hoher Qualität dagegenhalten.
Sonnig ist es an diesem April-Vormittag, wenn auch etwas kühl und windig – aber im Anbauzelt von Jörg Obergfäll ist es spürbar wärmer. Obergfäll geht langsam die Reihen entlang, hebt vorsichtig ein Blatt an – und lächelt. Die erste rote Erdbeere. Noch klein, aber reif genug, um zu zeigen, was kommen wird.
Hier, unter Folie und Vlies, staut sich die Wärme. Die Wintersonne wird eingefangen, verstärkt, konserviert. Es ist ein fein austariertes System aus Geduld, Erfahrung und Improvisation. Die Erdbeersaison im Mai wirft ihre Schatten voraus. Es ist für Obergfäll die schönste Zeit im Jahr. Aber dafür muss er hart arbeiten: Schon im Januar hat der Landwirt das Verfrühungszelt aufgebaut, in kalter Luft und mit steifen Fingern.
Die Frische und der kurze Weg vom Feld direkt in den Laden spreche für seine Erdbeeren im Wettbewerb mit den übermächtigen Lebensmittelketten, sagt Obergfäll. Foto: Simon Granville
Der Anbau bedeutet viel Aufwand für eine Frucht, die im Supermarkt vor einigen Wochen für schlappe 99 Cent pro Schale zu haben war und in einigen Discountern immer noch nur wenig mehr kostet. Auch vergangene Woche zahlte man etwa bei Lidl für 500 Gramm Erdbeeren aus Spanien oder Griechenland nur 1,29 Euro. Ein Preis, der Landwirte wie Obergfäll im Landkreis Ludwigsburg aufhorchen – oder eher verstummen ließ. Sie verlangten in der vergangenen Erdbeersaison zwischen vier und fünf Euro für das halbe Kilogramm.
Später am Feldrand spricht der Lebensmittelerzeuger Klartext. „Die aktuellen Supermarktpreise spiegeln unsere Realität nicht wider.“ Der 58-Jährige steht dort, wo seine Felder leicht zum Neckar hin abfallen. Vor fast 30 Jahren habe er den Betrieb von seinen Eltern übernommen. Für Milchvieh seien die Flächen zu klein gewesen, sagt er, „außerdem wollte ich schon immer Obst- und Gemüsebauer werden.“
„Es wird immer Menschen geben, die vielleicht gar nicht wissen, wie richtige Erdbeeren schmecken.“
Es ist kein romantischer Beruf, auch wenn dieser Vormittag das suggerieren könnte. Obergfäll spricht offen über Frust – wenn etwas schiefläuft, wenn das Wetter nicht mitspielt, wenn Mitarbeiter einen schlechten Tag haben. Und doch gibt es diese Momente, die alles aufwiegen: wenn die Pflanzen gesund bleiben, und der Ertrag stimmt.
Noch aber ist Vorsaison. Die eigentliche Ernte beginnt, wenn das Wetter mitspielt, Anfang bis Mitte Mai. Dann wird hier schon früh gearbeitet. Um sechs Uhr morgens werden die Beeren gepflückt, von Hand, vollreif. Um halb neun liegen sie im Hofladen. „Frischer geht es nicht“, sagt Obergfäll. Und meint damit nicht nur die Zeit, sondern auch den Geschmack.
Genau im Gaumenerlebnis liegt für Jörg Obergfäll der entscheidende Unterschied zur Importware. Seine Erdbeeren seien weicher, aromatischer, empfindlicher. Sie müssten nicht transportfähig sein, keine langen Wege überstehen. „Das schmeckt man“, sagt er. Und fügt hinzu: „Es wird immer Menschen geben, die nur im Supermarkt kaufen – und vielleicht gar nicht wissen, wie richtige Erdbeeren schmecken.“
Dass er preislich nicht mithalten kann, weiß er. Will er auch nicht. „Wir können nur über Qualität, Transparenz und Vertrauen gehen.“ Seine Kunden sehen die Felder, kennen die Wege, wissen, wer hinter den Früchten steht. Und sie kommen wieder – viele von ihnen, Jahr für Jahr. Etwa die Hälfte der Fläche ist für Selbstpflücker reserviert: Familien, die im Mai und Juni zwischen den Reihen stehen und ihre eigenen Körbe füllen.
Für den höheren Lohn verlang Obergfäll Leistung
Doch der Aufwand wächst. Nicht nur gefühlt, sondern messbar. „Allein die Lohnkosten sind in den letzten fünf Jahren um 60 Prozent gestiegen“, sagt Obergfäll. Ohne Erntehelfer aus Polen und Rumänien würde es nicht gehen. Sie wohnen direkt auf dem Hof, in Einzelzimmern, mit Küche, Waschmaschine – und sie benutzen sogar Obergfälls Auto. „Sie haben eine bessere Dusche als ich“, sagt der Familienvater und schmunzelt.
Dem Landwirt ist wichtig, dass seine Kritik an den Personalkosten nicht missverstanden wird. Er zahle mehr als nur den Mindestlohn, erwartet dafür aber auch Leistung. „Ich kann es mir nicht mehr leisten, schwache Helfer einzustellen.“ Gleichzeitig weiß er: Für viele seiner Arbeiter ist das Geld, das sie hier verdienen, in der Heimat viel wert.
Während er spricht, greift der handwerklich geübte Bauer nach einem Schlauch am Feldrand. Beim Wässern entdeckte er darin kleine Löcher, oft von einem Tier, manchmal auch durch Maschinen. „Das passiert ständig“, sagt er. Die Schäden werden verursacht von Hasen, anderen Nagern, seltener durch Mitarbeiter – die Tiere nagen, was ihnen in den Weg kommt, und die Menschen geben manchmal nicht acht. Für ihn bedeutet das: reparieren, warten, Zeit verlieren.
Politiker sollten mehr mit Landwirten sprechen
Zeit, die ohnehin knapp ist in diesen Wochen vor der Saison. Kontrolle der Bestände, Pflege der Pflanzen, Organisation der Ernte. Alles muss ineinandergreifen, damit am Ende diese eine Frucht entsteht, die für ihn mehr ist als Ware.
Mit der Politik hadert Obergfäll dennoch. Die steigenden Kosten, die Energiepreise, die Auflagen – vieles sei weit weg von der Praxis. „Man sollte öfter mit Menschen reden, die sich auskennen“, sagt er. Und dann ist da wieder dieser Blick auf die erste rote Erdbeere im Tunnel. Klein, aber verheißungsvoll. Ein Anfang.
Trotz allem freut sich Jörg Obergfäll auf die Saison. Auf die ersten Kunden, die zwischen den Reihen stehen. Auf Kinderhände, die nach den süßesten Früchten greifen. Auf Tage, an denen alles zusammenpasst. Vielleicht ist es genau das, was ihn weitermachen lässt: dieser kurze Moment, in dem aus all der Arbeit etwas entsteht, das sich nicht in Cent pro Schälchen messen lässt.