Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Fettleibigkeit als globale Epidemie. Am Tübinger Uniklinikum forscht Katrin Giel über die sogenannte Binge-Eating-Störung. Im Interview spricht sie darüber, wie Menschen beim Essen komplett die Kontrolle über sich verlieren – und wie ihnen geholfen werden kann.
Frau Giel, um was genau handelt es sich bei einer Binge-Eating-Essstörung?
Die Betroffenen leiden unter wiederkehrenden Essanfällen. Der englische Begriff „binge“ lässt sich in diesem Zusammenhang am besten mit „Gelage“ übersetzen. Die Betroffenen können nicht mehr kontrollieren, was und wie viel sie essen, es handelt sich oft um außergewöhnlich große Mengen.
Also zwei oder drei Pizzen statt einer?
Manche Patienten nehmen deftige Sachen wie Pizza zu sich, andere essen einen Liter Eiscreme auf einmal oder drei oder vier süße Stückle. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass sie nicht aufhören können. Es wird gegessen, bis die Packung leer ist, oft hochkalorische Lebensmittel. Es ist oft schwierig, die genauen Mengen zu erheben, weil die meisten alleine und heimlich essen. Viele haben ein ganz bestimmtes Nahrungsmittel, das sie bei ihren Essanfällen bevorzugen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: The Biggest Loser kommt aus Plüderhausen
Worin unterscheidet sich Binge-Eating von anderen Essstörungen?
Es gibt drei Hauptdiagnosen: die Magersucht, die Bulimie und die Binge-Eating-Störung. Bei der Magersucht sind die Betroffenen schwer untergewichtig, weil sie ihre Nahrungszufuhr auf gefährliche Weise einschränken. Bei der Bulimie kommt es auch zu Essanfällen, aber viele Patienten führen anschließend selbst Erbrechen herbei, nehmen Abführmittel oder treiben exzessiv Sport. Diese Kompensation findet bei der Binge-Eating-Störung nicht statt. Die Folge ist in den meisten Fällen Fettleibigkeit.
Wie hat sich die Coronapandemie auf diese Essstörung ausgewirkt?
Dazu gibt es eine sehr gute Datenlage: Wir haben selbst Patientinnen untersucht, auch international gibt es etliche Studien. Diese zeigen, dass es durch die Pandemie zu einer Verschlechterung bei den Essstörungen gekommen ist. Es sind mehr Menschen neu erkrankt – und von denjenigen, die vor der Pandemie vermeintlich stabil waren, haben etliche einen Rückfall erlitten.
Welche gesellschaftlichen Gruppen sind besonders gefährdet?
Grundsätzlich sind Frauen von Essstörungen häufiger betroffen, dies trifft auch auf die Binge-Eating-Störung zu. Auf einen Mann kommen im Schnitt zwei Frauen. Woran das liegt, weiß man nicht ganz genau. Es gibt biologische und psychische Einflussfaktoren – wahrscheinlich spielen Geschlechterhormone auch eine Rolle, die auf das Gehirn einwirken.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Anlaufstellen für Adipositas-Erkrankte
In welchem Lebensalter tritt diese Störung häufig auf?
Oft entwickelt sie sich im Teenageralter, wir vermuten jedoch, dass es auch bei Älteren mehr Betroffene gibt. Noch fehlen uns dazu Daten, was daran liegt, dass die Binge-Eating-Störung als Diagnose erst seit 2013 offiziell anerkannt ist.
Kann man sagen, dass Singles während der Lockdowns anfälliger für Essstörungen waren?
Die Lockdowns haben viele Menschen stark gestresst und unter Druck gesetzt. Wer zu Hause allein mit dem Kühlschrank war, blieb auch mit seinen Ungewissheiten und Ängsten allein. Hört das jemals auf? Werde ich oder werden Angehörige erkranken? Essen kann grundsätzlich ein Mittel sein, um mit dem eigenen Stress umzugehen. Das ist an sich nichts Schlimmes, aber für manche Menschen ist es tückisch: Sie regeln ihre Emotionen zu stark über das Essen. Das kann entgleisen, wenn die Leute ihr Essverhalten nicht mehr kontrollieren können.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der Mann, der 80 Kilo abnahm
Wie können erfolgreiche Therapien aussehen?
Es gibt medikamentöse Therapien und psychologische Ansätze. Bei den Medikamenten brauchen wir noch mehr Forschung, um belastbare Empfehlungen aussprechen zu können. Das Mittel der Wahl ist daher die Psychotherapie. Es gibt gute Belege für deren Wirksamkeit bei Binge-Eating-Störungen. Sie hilft, um die Zahl der Essanfälle zu verringern.
Welchen Beitrag kann die Politik leisten, um die daraus resultierende Fettsucht zu bekämpfen?
Bessere Aufklärungsangebote – beispielsweise an Schulen – wären sinnvoll und nützlich. Die Politik muss sich fragen: Wie leicht verfügbar sollen hochkalorische Lebensmittel sein, die Menschen mit einer Essstörung bevorzugt konsumieren? Wir diskutieren zudem schon länger über das Thema Werbung und darüber, wie wir gerade Kinder und Jugendliche davor schützen können, dass sie gezielt mit ungesunden Produkten angesprochen werden. Ganz allgemein geht es um besseren Verbraucherschutz.
Wirkt sich unkontrolliertes Essverhalten auch auf die Lebenserwartung aus?
Menschen, die von dieser Essstörung betroffen sind, entwickeln häufig eine ganze Reihe von schwerwiegenden körperlichen Folgen: Diabetes mellitus, auch Tumorerkrankungen. Wir stellen fest, dass starkes Übergewicht eine ganze Reihe von Krebserkrankungen begünstigt. Daher lässt sich klar sagen: Menschen mit starkem Übergewicht sterben im Schnitt früher.
Wie können Ärzte helfen?
Vielen Menschen, die unter starkem Übergewicht leiden, ist selbst gar nicht bewusst, dass sie unter einer Essstörung leiden. Oder sie sprechen es beim Arzt aus Scham gar nicht an. Wenn die Ärzte nicht gezielt danach fragen, empfehlen sie Übergewichtigen oft eine Standardtherapie, das ihnen helfen soll, Gewicht zu verlieren.
Schlägt das nicht an?
Bei Menschen mit einer Binge-Eating-Störung funktionieren Gewichtsreduktionsprogramme nur selten langfristig. Für die Betroffenen ist das eine frustrierende Erfahrung. Die Diagnostik muss sich verbessern, damit die Patientinnen eine bessere Therapie bekommen.
Das Essverhalten erforscht
Aufgaben
Katrin Giel, 41, ist klinische Psychologin und Professorin an der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen. Dort leitet sie den Arbeitsbereich Psychobiologie des Essverhaltens und den Forschungsbereich an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen.
Publikation
In einer aktuellen Studie hat Katrin Giel die Auswirkungen der Pandemie auf Essstörungen untersucht. Bei 94 Prozent der Betroffenen besteht demzufolge eine zusätzliche psychische Erkrankung. Die Krankheit dauert bei Erwachsenen im Schnitt 14 bis 16 Jahre an.