Zu den Stärken eines Sportlers gehört es, Fehler nicht zweimal zu machen. Beim Giro d’Italia 2022 feierte Biniam Girmay als erster schwarzer Radprofi einen Etappensieg, was schön und schmerzhaft zugleich war. Denn beim Öffnen der Sektflasche auf dem Treppchen unterlief dem Eritreer ein Missgeschick, der Korken knallte voll in sein linkes Auge. Er musste das Rennen aufgeben, fürchtete zehn Tage lang um seine Sehfähigkeit. Und kehrte mit vollem Durchblick ins Peloton zurück.
Nun, zwei Jahre später, steht Girmay bei der Tour de France im Fokus. Bei den Ehrungen nach seinen zwei Etappensiegen ging nichts ins Auge, stattdessen appellierte er, die Perspektive des afrikanischen Radsports nicht zu übersehen. „Bisher gab es keinen schwarzen Fahrer, der auf großer Bühne geglänzt hat“, sagte er, „aber jetzt ist die Zeit, um unsere Stärke und unser Potenzial zu zeigen.“ Er selbst hat damit längst begonnen.
Eritrea liegt im Osten Afrikas am Roten Meer, die Hauptstadt Asmara, aus der Biniam Girmay stammt, befindet sich auf 2325 Metern Höhe. Es ist vermutlich das einzige Land der Welt, in dem Radsport die Sportart Nummer eins ist. Mit 15 Jahren stand Biniam Girmay am Straßenrand, als zu Ehren von Daniel Teklehaimanot, der kurz zuvor bei der Tour vier Tage das Bergtrikot getragen hatte, ein Autokorso stattfand. Seine Vorbilder waren Peter Sagan und Mark Cavendish, er träumte von großen Sprintsiegen. Und davon, in Asmara gefeiert zu werden wie Teklehaimanot. Lange wird es nicht mehr dauern.
Girmay schreibt Geschichte
Denn bei der Tour 2024 schreibt Biniam Girmay, der vor drei Jahren U-23-Vizeweltmeister wurde, erneut Geschichte. Er gewann in Turin die dritte Etappe, es war der erste Sieg eines schwarzen Afrikaners beim größten Rennen der Welt. Dann übernahm er das Grüne Trikot des besten Sprinters, in dem er am Ende der achten, hügeligen Etappe in Colombey-Les-Deux-Eglises noch einmal triumphierte – so wie er und sein Team es sich ausgemalt hatten. „Dieser Tag war schon in unseren Wintermeetings ein Thema“, sagte Georg Zimmermann, der Teamkollege von Biniam Girmay bei Intermarché-Wanty, „in einem Sport, in dem es immer anders kommt, als man denkt, ist es doppelt schön, wenn ein Plan mal aufgeht. Biniam ist wahnsinnig gut!“ Auf dem Rad. Und im Kopf.
Denn wie selbstverständlich nutzte Girmay („Ich bin so stolz“) die Chance, rund um seine Erfolge ein paar grundsätzliche Gedanken zu platzieren. „All die Profis, die wir in Eritrea haben und hatten, sind sehr stark – mental und physisch. Uns fließt Radsportblut durchs Herz“, sagte der Mann, der ab dem 19. Lebensjahr im Cycling Center des Radsport-Weltverbandes in Aigle in der Schweiz ausgebildet worden ist, „für einen Afrikaner ist es nicht leicht, Profi zu werden. Es gibt auf unserem Kontinent viele Talente, aber es hängt immer davon ab, wie die Teams sich dort umschauen. Ich kann nur sagen: Bitte macht weiter und sucht die jungen Talente, unterstützt sie und lasst sie Teil der europäischen Rennen werden!“ Ob Biniam Girmay dafür als Türöffner taugt?
„Großes Reservoire an Talenten“
Im Gespräch mit „Radsport-News.com“ stellte der äthiopische Ex-Profi Tsgabu Grmay die Erfolge von Girmay bei der Tour auf eine Stufe mit dem Olympiasieg des Barfußläufers Abebe Bikila 1960 in Rom. „Das war der Durchbruch für die Talente aus Afrika. Und schau, wie viele afrikanische Weltklasseläufer es jetzt gibt“, meinte Grmay und betonte, es könne nun für den Radsport in Afrika – zumal auch noch 2025 in Ruanda die Straßen-WM stattfindet – einen ähnlichen Effekt geben. Andere sind da weit weniger euphorisch. Zu ihnen zählt Aike Visbeek.
„Afrika hat ein großes Reservoire an Talenten, das wissen wir alle“, sagte der Sportliche Leiter von Intermarché-Wanty, „doch wir kümmern uns zu wenig um sie. Das Problem ist, dass schon die 14-, 15- oder 16-Jährigen nach Europa kommen müssten, um hier ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Sonst wird die Lücke zu den gleichaltrigen Europäern zu groß.“ Deshalb, erklärte er, werde Biniam Girmay die Ausnahme bleiben – „und die Tür, die er geöffnet hat, wieder zufallen“.
Girmays Ziel: in Grün nach Nizza
Was den Eritreer nicht davon abhalten wird, nach weiteren Erfolgen zu streben. Bei der Tour ist sein neues Ziel, das Grüne Trikot zu behalten. Derzeit hat er 224 Punkte auf dem Konto, 96 mehr als Jasper Philipsen, der 2023 vier Etappen und das Shirt des besten Sprinters bei der Tour gewann. Das ist ein ordentliches Polster, denn es gibt nur noch vier Etappen für die schnellen Männer, auf denen es Girmay nicht an der nötigen Lockerheit fehlen wird. „Eigentlich habe ich alle Aufgaben erledigt“, sagte er vor Beginn der zweiten Woche, „bei meiner zweiten Tour zwei Etappen im Sprint zu gewinnen, ist unglaublich. Selbst wenn ich bis Nizza nichts mehr hole, komme ich dort glücklich an.“
Und sollte es doch noch irgendwann eine Flasche Sekt zu öffnen geben: Biniam Girmay ist keiner, der Fehler zweimal macht.