InterviewBinninger und Pitterle Der Mann für die Steuer, der Mann für die Sicherheit

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)
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Hören Sie sich die Reden von Herrn Pitterle und Sie, Herr Pitterle, vom Kollegen Binninger an?
Pitterle Nein, wir haben ganz unterschiedliche Themen. Wenn ich rede, sind die Finanz- und Steuerpolitiker da, wenn der Kollege redet, die Sicherheitsexperten.
Binninger Ich erkläre das auch immer den Schulklassen. Wenn im Fernsehen der Kameraschwenk über das Plenum geht und nur etwa 80 der 631 Abgeordneten da sind, heißt das nicht, die anderen haben nichts zu tun oder kein Interesse. Wir haben eine Arbeitsteilung. Das Parlament tagt zum Beispiel heute von 9 Uhr am Morgen bis Mitternacht. Da kann kein Kollege die ganze Zeit da sein, deshalb sind bei jeder Debatte in erster Linie die zuständigen Fachpolitiker im Plenum.
Herr Pitterle, Sie haben aber besonders sperrige Fachthemen: Steuer- und Finanzpolitik. Wie bringen Sie diese Ihren Wählern nahe?
Pitterle Wenn wir hier im Bundestag diskutieren, wie die Dividende zu versteuern ist, kann ich damit niemanden hinter dem Ofen hervorlocken, auch wenn das eine wichtige Frage ist. Da haben es Politiker einfacher, die Themen wie Menschenrechte beackern.
Sie, Herr Binninger, müssten ja mit Ihren Themen Terrorismusbekämpfung, NSA-Abhöraffäre, Untersuchungsausschuss zu den rechtsextremen NSU-Morden um einiges besser ankommen.
Binninger Einerseits ja, andererseits habe ich früh die Erfahrung gemacht, dass meine großen Themen als Berichterstatter im Wahlkreis nur begrenzt interessieren. Die Leute sagen: Da bist du Experte, und wir sehen dich häufig im Fernsehen, aber reden wollen sie mit mir über Wahlkreisthemen wie die Überdeckelung der A 81 oder den Schießlärm der Amerikaner.

Zweite Erkenntnis: Abgeordnete müssen sportlich sein, denn die Wege zwischen den Sitzungssälen sind weit. Den ganzen Tag eilen die Politiker zu Fuß zwischen dem Reichstagsbau und den drei anderen Häusern des Bundestags hin und her – durch unterirdische Tunnel, die unter den Straßen und der Spree verlaufen. Auf 8000 Schritte pro Tag komme er, erzählt Richard Pitterle, 56. Das hat er einmal mit einem Schrittmesser erfasst. Nach einem schnellen Mittagessen mit seinen Mitarbeitern in der Kantine im Keller des Jakob-Kaiser-Hauses eilt Pitterle zu Fuß zu einer Anhörung des Finanzausschusses im Maria-Elisabeth-Lüders-Haus. Professoren beziehen Stellung zur geplanten Steuerreform. Trockener kann kein Stoff sein. Doch der Steuerfachmann Pitterle ist bestens vorbereitet, stellt sachkundige Fragen. Noch vor dem Ende der Anhörung sprintet er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Achim Vahle und der slowakischen Hospitantin Eva Ludik durch den Tunnel ins Reichstagsgebäude. Dort beginnt im dritten Stock die Sonderfraktionssitzung zu Griechenland. Zwischendurch muss er raus zum Fototermin mit der Stuttgarter Zeitung. Clemens Binninger wartet schon. Die CDU-Fraktion tagt erst etwas später.

Mal ehrlich, Herr Binninger, Sie sitzen häufig in TV-Talkshows bei Maybrit Illner oder bei Anne Will und diskutieren über wichtige Themen wie NSA und NSU. Aktuell müssen Sie den Euro retten. Und dann kommen Sie in den Wahlkreis: Haben Sie da überhaupt noch Lust auf Gespräche über Krötenwanderung in Aidlingen?
Binninger Sich immer wieder auf unterschiedlichste Gesprächspartner und Themen einzustellen und vorzubereiten ist anspruchsvoll, aber auch faszinierend. Ob Minister oder Schulklasse, von der Eurokrise bis zu Verkehrsproblemen vor Ort. Aber klar ist auch, der Wahlkreis ist meine Basis, und Themen wie die Ansiedlung von Bosch oder der Ausbau der Altdorfer Kreuzung in Holzgerlingen mögen keine großen Themen im Land sein, aber sehr wichtig für die Menschen, die dort wohnen und deren Interessen ich vertrete.

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