InterviewBinninger und Pitterle Unsere Männer in Berlin

Für Besucher ist an der Eingangstüre Schluss. Clemens Binninger (links) und Richard Pitterle gehören zu den Auserwählten, die das Allerheiligste, den Plenarsaal mit dem Bundesadler, betreten dürfen. Foto: Christian Schroth
Für Besucher ist an der Eingangstüre Schluss. Clemens Binninger (links) und Richard Pitterle gehören zu den Auserwählten, die das Allerheiligste, den Plenarsaal mit dem Bundesadler, betreten dürfen. Foto: Christian Schroth

Sie jetten hin und her zwischen der großen Politik und dem überschaubaren Kosmos im Wahlkreis. Wie schaffen die Volksvertreter den Spagat? Ein Besuch bei den Böblinger Abgeordneten Clemens Binninger (CDU) und Richard Pitterle (Linke)

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)
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Böblingen/Berlin - Mal eben schnell den Euro retten – das ist im Moment die Aufgabe der 631 Bundestagsabgeordneten in Berlin. Darunter sind auch zwei aus dem Wahlkreis Böblingen: Clemens Binninger, der seit 13 Jahren für die CDU im Parlament sitzt und sich als medial gefragter Experte für den rechtsextremen Terror und die NSA-Abhöraffäre etabliert hat, und der Linke Richard Pitterle, der auch noch Sindelfinger Stadtrat ist und erstmals 2009 in den Bundestag einzog. Er ist Fachmann für Steuerfragen.

Erste Erkenntnis: Politiker sind Meister der Improvisation. Ständig durchkreuzt die aktuelle Politik alle Terminpläne, so auch am Besuchstag der Reporterin. Wegen der Griechenlandkrise gibt es in allen Fraktionen kurzfristig anberaumte Sondersitzungen. Dazu haben Journalisten keinen Zutritt.

Kurzerhand zieht Clemens Binninger, 53, die Bürobesprechung mit seinen drei Mitarbeitern vor. „Was steht an?“, will der Chef von Sabine Karrasch wissen, der Hüterin seines Terminkalenders. Das Gerüst der Planung sind die fixen Termine: Montagabends treffen sich stets die Unionspolitiker aus Baden-Württemberg, am Dienstagnachmittag tagen die Fraktionen, mittwochs die Ausschüsse, donnerstags und freitags das Plenum. In dieser Woche ist Binninger als Redner dran: am Freitagvormittag zur Verfassungsschutzreform. Dazwischen gibt es Journalistengespräche, Treffen von Arbeitsgruppen und mit Lobbyisten sowie Vorträge. Am Wochenende und in den sitzungsfreien Wochen stehen Termine im Wahlkreis an: Firmenbesuche, Gewerbeschauen, Fassanstiche, Vereinsversammlungen.

„Nächste Woche musst du zum Bundesverfassungsgericht als Experte der CDU-Fraktion zu Online-Durchsuchungen“, erinnert Karrasch ihren Chef. Er ist mit allen Mitarbeitern per Du. „Da muss ich mich gut darauf vorbereiten, es kann sein, dass ich der einzige Vertreter des Bundestags bin“, sagt Binninger. Janina Pohl und Matthias Blanarsch, wissenschaftliche Mitarbeiter, berichten von Bürgeranfragen aus dem Wahlkreis. „Die Bürgerinitiative Schießlärm hat angerufen und um einen Vor-Ort-Termin gebeten“, sagt Blanarsch. „Kümmer dich darum“, entscheidet Binninger.

Es klopft. Richard Pitterle kommt herein. „Wir haben das Interview wegen der Fraktionssitzungen heute Nachmittag kurzfristig vorverlegt“, erklärt Clemens Binninger. „Nimm Platz Richard.“

Sie duzen sich, ein Linker und ein CDUler?
Binninger Ich duze auch andere Kollegen, zum Beispiel Petra Pau von den Linken oder Eva Högl von der SPD. Aber Richard und ich, wir kennen uns schon sehr lange.
Pitterle Seit unserem ersten Wahlkampf 2002. Ich bin damals für die PDS angetreten und war chancenlos. Aber Clemens ist in den Bundestag eingezogen. Wir haben gemeinsam an 17 Podiumsdiskussionen teilgenommen.
Binninger Spätestens nach der achten Diskussion konnte jeder die Position des anderen aufsagen. Nach der Wahl hat Richard uns andere Kandidaten alle zu sich nach Hause eingeladen und für uns gekocht. Während des Essens gab es ein leichtes Erdbeben. Das ist kein Witz. Seither sind wir per Du.
Und wie ist es, wenn Sie sich offiziell im Plenarsaal begegnen. Grüßen Sie sich, oder gibt es einen Fraktionszwang zum Ignorieren der Opposition?
Binninger Das wär’ ja noch schöner. Natürlich grüße ich ihn, und natürlich sind wir auch im Plenum per Du miteinander.
Pitterle Ich war auch schon zweimal auf der CDU-Wahlparty von Clemens Binninger und habe mit ihm gefeiert.
Binninger Ich glaube, das muss man auch mal machen. Richard und ich sind beide keine Berufspolitiker. Wir haben eine Ausbildung, langjährige Erfahrung in einem anderen Beruf – ich als Polizeibeamter, er als Rechtsanwalt. Das verbindet. Und trotz aller Unterschiede: bei vielen Themen vergibt man sich nichts, wenn man fair und kollegial miteinander umgeht.

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