Bio-Selbstversuch im Hinterhofgarten Schluss mit den Zucchini

Wie alles begann: Tomaten und Salat warten auf die Eingliederung ins Beet. Nicht im Bild: die Fritz-Kuhn-Gedächtnis-Mooswand. Foto: Ingmar Volkmann

Die größte Cocktailtomatenproduktion nördlich von Italien, das mit Spannung erwartete Debüt der Wassermelone und ein Holzberg, der dank Schattenwirtschaft verschwindet: Die Arbeit im eigenen Garten ist lehrreich und schmerzhaft zugleich.

Stuttgart - Gegen deutsche Blattläuse hilft nur ein doppelter Espresso. Abgekühlt abgefüllt in einen Spritzbehälter, lassen sich die lästigen Schädlinge lässig von den Tomatensetzlingen schießen. Tod durch Koffeinüberdosis ist deutlich humaner, als im Hinterhofgarten mit Agent Orange Jagd auf Eindringlinge zu machen.

 

Gegen die unverschämte Schlingpflanze ist dagegen immer noch kein Kraut gewachsen. Wie ein falscher Freund rekelt sie sich bereits nach wenigen Tagen an den unschuldigen Stauden entlang in die Höhe, zur Sonne, zur Freiheit. Dabei sollen die Pflanzen doch ungestört zu gelben, roten und schwarzen Tomaten werden. Mein Traum heißt FarmDroid FD20, ein solargetriebener Roboter, den ich beim Kurznachrichtendienst Twitter entdeckt habe: sieht aus wie eine Tischtennisplatte ohne Netz, dafür mit jeder Menge Krallen zum Bearbeiten des Bodens. FD20 bekämpft Unkraut mechanisch, steuerbar dank GPS durch SMS. Ist für meinen kleinen Acker aber vielleicht etwas überdimensioniert. Also doch die Wurzeln per Hand rausreißen, schließlich befinden wir uns hier in einem Stuttgarter Hinterhofgarten und nicht im Dschungel: Hier gibt es keinen Platz für Minilianen, die Tarzan zur Erstbesteigung der Tomaten einladen.

Die eigene Minioase, umgeben von der Feinstaubhülle der Großstadt

Seit drei Jahren beackern wir dieses kleine Stückchen Erde in unserem Hinterhof. Eine Reportage aus der Minioase, umgeben von der Feinstaubhülle der Großstadt, stellte vor drei Jahren meinen bisher größten journalistischen Erfolg dar: Schrebergartenvereine boten mir Ehrenmitgliedschaften an. Leser waren gerührt ob des unbekümmerten Dilettierens und machten Mut, das Projekt Selbstversorgung im Gemeinschaftsgarten weiterzuverfolgen.

Das Schöne am Gärtnern ist, dass man die eigenen Unzulänglichkeiten permanent vor Augen geführt bekommt. Nach dem sensationellen Debüt mit dem Titel „Mein erster Zucchino“ musste ich feststellen, dass diese Gemüsesorte zwar ohne größeres Zutun wie Unkraut wächst, mir aber eigentlich gar nicht schmeckt, höchstens in einer Quiche, in der Ziegenkäse Zucchini überwindet. Der halbe Freundeskreis kündigte uns überdies die Freundschaft, weil wir als Gastgeschenke stets eigene Zucchini mitbrachten.

Die Erfindung des Kollateralgartens geschieht ganz nebenher

Daher konzentriere ich mich mittlerweile auf die größte Cocktailtomatenproduktion nördlich von Italien, ergänzt durch Gurke, Salat, und ganz neu, für etwas Exzentrik auf dem Feld: Wassermelone. Letzteres muss aber unter uns bleiben, damit will ich meinen Sohn, der im Garten fleißig mithilft, überraschen.

Bei der Arbeit in unserem Hinterhof habe ich ganz bescheiden eine neue Form erfunden: den Kollateralgarten, eine Art Gegenentwurf zu den steinigen Schottergärten, die mancherorts als Zeugen der gesellschaftlichen Degenerierung vor den Häusern zu finden sind. Bei meinem System des Kollateralgartens machen sich die Samen, mit denen ich allzu enthusiastisch um mich geworfen habe, außerhalb unseres Ackers selbstständig: Schnittlauch wächst nun gemeinsam mit Zitronenmelisse neben dem eigentlichen Beet.

Stecken alle Bienen noch im Corona-Homeoffice?

Der Goji-Beeren-Strauch, den ich am Maschendrahtzaun gepflanzt hatte, ist ohne mein Zutun so riesig geworden, dass er nun wunderbar als natürlicher Sichtschutz funktioniert. Und auch das Olivenbäumchen, das daneben nach der Geburt der Tochter eingepflanzt wurde, wird immer wuchtiger. Das Hippie-Gärtner-Arrangement würde nebst den extra bei den Tomaten gepflanzten Blumen der Geschmacksrichtung Bienenretter ein wunderbares Frühstücksbüfett für Maja und ihre Freunde ergeben. Leider habe ich in diesem Frühling noch kein einziges Bienchen begrüßen dürfen. Vielleicht halten die sich aber auch einfach noch an Corona-Regeln, bleiben auf Abstand und essen zu Hause, bis die Luft wieder rein ist.

Da wir sehr zentral wohnen und bei uns der gemeine Feinstaub weitverbreitet ist, braucht es natürlich auch Moos im eigenen Garten. Und zwar nicht das Moos, das von allein kommt, wenn man den Garten eher antiautoritär führt, sondern Moos vom Erzeuger. Eine kleine Mooswand, bei der das Pflänzchen vom selben Produzenten aus dem Schwarzwald stammt, mit dem die Stadt Stuttgart einst versucht hatte, gegen Feinstaub anzukämpfen, trennt unseren Garten von dem der Nachbarn. Diese kleine Wand habe ich Fritz-Kuhn-Gedächtnisbrett getauft, benannt nach dem grünen Stuttgarter Oberbürgermeister. Ich rede mir ein, dass die Luft an dieser Stelle des Gartens besonders rein ist. Zumindest ist die Ecke sehr schattig, weshalb sich die Mooswand erstaunlich gut hält.

Einfache Rechnung: je besser der Boden, desto besser der Ertrag

Herzstück unseres Gartens ist aber der kleine Selbstversorger-Acker. Setzt man sich eine Weile mit Setzlingen auseinander, interessiert man sich automatisch für die Qualität des Bodens. „Aus der Erde sind wir genommen, zu Erde sollen wir wieder werden“: Diesen Leitsatz kennen die Älteren unter uns aus dem Buch, in dem es auch um einen Garten und Schöpfung und noch ein paar andere (Eis-)Heilige geht.

Einfache Rechnung: je besser der Boden, desto besser am Ende der Ernte-Ertrag. Demeter-Produkte finde ich konkurrenzlos besser als alles andere, was ich bisher probiert habe, obwohl ich der Kraft von Kuhhorn, das bei Vollmond vergraben wurde, distanziert gegenüberstehe. Kurz hatte ich überlegt, mir für diese Reportage eine Kuh anzuschaffen. Zur Entschleunigung wäre ich mit dem Vieh in die Redaktion geritten. In der Zahnradbahn hätte ich sie vorne auf den Fahrradhänger neben die Mountainbikes ketten können. Da ich aber nicht weiß, wie man eine Kuh unter Spesen abrechnet, müssen andere Düngemittel her.

Selbst gemachter Dünger riecht eher nicht so gut

Für meine Balkonpflanzen nutze ich einen im Internet bestellten Bio-Dünger. Wenn die Kräuter den einmal pro Woche bekommen, stehen sie anschließend stramm wie Lance Armstrong am Mont Ventoux. Da ich Doping aber kritisch gegenüberstehe und ich für das Mittelchen, umgerechnet auf den Garten, ein Monatsgehalt ausgeben müsste, muss eine andere Lösung her.

Das Thema Dünger selber machen duftet leider mau, wie man am Beispiel von Brennnesseljauche lernt: „Lassen Sie den geschlossenen Eimer eine Woche im Freien stehen, bis die Flüssigkeit übel zu riechen beginnt“, lautet der Tipp im wunderschönen Buch „Dünger. Kraft für Boden und Pflanzen“.

Geiztrieb, Kaltauszug und Hühnermist-Suppe: So viele schöne neue Wörter

Beim Gärtnern lernt man mehr schöne Wörter als im Grundkurs Linguistik an der Universität. Mit Geiztrieb ist nicht die schwäbische Libido gemeint, sondern der unfruchtbare Seitentrieb, der bei den Tomaten aus den Blattachseln wächst und rechtzeitig abgebrochen werden kann. Oder Kaltauszug: Klingt wie der erzwungene Wohnortwechsel nach einer ungeplanten Trennung, meint aber eine umweltverträgliche Brühe zum Einsatz gegen Schädlinge, wie ich in meinem zweiten Lieblingsbuch, „Bio-Gärtnern. Der Grundkurs“, gelernt habe.

Die im „Dünger“-Buch empfohlene Hühnermist-Suppe klingt ein bisschen nach freitags in der Kantine, meint aber ebenfalls ein Düngemittel. Wussten Sie, dass Hühnermist im ersten Jahr mehr bringt als Schweinemist, von letzterem im zweiten Jahr aber deutlich geschlagen wird, und zwar um das Doppelte? Was für eine Schweinerei.

Beim Holzberg werde ich zum Sisyphos, ehe die Schattenwirtschaft zur Hilfe schreitet

Der Schlüssel zum durchdüngenden Erfolg wäre ein eigener Kompost. Bevor ich den anlegen kann, muss ich aber einen Holzberg beseitigen, der seit Jahren neben dem Acker lagert. Das Bild von Sisyphos ist abgedroschen, trifft es aber ganz gut: Immer wenn ich an einer Stelle des Haufens etwas wegnehme, wächst er an anderer Stelle wieder. Ich bestelle bei der Stadt Stuttgart online eine Grüngutabholung. Der Termin der Abholung kommt per Postkarte. Das muss diese Digitalisierung sein, von der alle sprechen.

Natürlich reichen meine zehn Säcke nicht einmal, um die Hälfte des Holzbergs loszuwerden. Unerwartete Hilfe kommt von der Straßenseite gegenüber. Eine Gruppe Arbeiter macht das Grün des Nachbargebäudes hübsch. Aus Mitleid nehmen sie meine Holzreste mit – gegen einen geringen Obolus und einen Sixpack Bier. So geht Schattenwirtschaft!

Nächstes Projektlevel: der eigene Wein im eigenen Garten

Unter dem verschwundenen Geäst taucht feine Erde auf. Ob sich dieser Boden aber überhaupt für eine Langzeitbeziehung lohnt? Vielleicht stand hier einst eine Außenstelle des Kernkraftwerks Neckarwestheim? Günter Riederer vom Stuttgarter Stadtarchiv weiß mehr: „Auf der Historischen Flurkarte der Württembergischen Landesvermessung 1822–1834 sieht man, dass Ihr Haus damals mitten in den Weinbergen stand.“ Auch laut den Karten von 1855 und 1871 sei hier noch Wein angebaut worden. Erst 1891 sei eine Bebauung zu erkennen, danach wurde das Haus errichtet, in dessen Hinterhof ich mich ab 2021 also zum Weinbauer fortbilden werde.

Der Stuttgarter Weinhändler Bernd Kreis, 2019 vom Magazin „Falstaff“ zum „Sommelier des Jahres“ gewählt, baut nicht weit weg von uns, am Degerlocher Scharrenberg, einen fantastischen Sauvignon blanc an. Wäre der nicht auch für meinen Hinterhof geeignet? Kreis rechnet vor, wie viele Reben es bräuchte, um sechs Flaschen der Marke „Marienplatz, Südhang“ produzieren lassen zu können: 15 Reben oder eine entsprechend große Spalierrebe. „Bis zur ersten Ernte dauert’s halt lange und die Qualität ist nicht vergleichbar. Die steht aber bei diesen Kleinstmengen auch nicht im Vordergrund“, sagt Kreis. Das nenne ich Motivation in Wein-, Pardon, Reinform. Der Fortsetzung der Gartenreportage im nächsten Jahr steht nichts im Wege.

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