Bioethik Die Vision vom menschlichen Schimpansen

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Der Deutsche Ethikrat mahnt die Forschung zur Vorsicht bei Mensch-Tier-Mischwesen. Das Experimentieren mit Tieren bleibt aber wichtig.  

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Stuttgart - Einer der frappierenden Aspekte am Film "Planet der Affen", der kürzlich im Kino lief, ist die Sorglosigkeit der Wissenschaftler. Der Protagonist Will Rodman entwickelt Gentherapien für Mensch und Tier, und hat nur eine einzige Hürde zu überwinden: der Vorstand der Gentechnikfirma, bei der er arbeitet, muss das Geld für die Versuche bewilligen. Als der Vorstand den Antrag ablehnt, probiert Rodman seine Therapie zu Hause an seinem alzheimerkranken Vater aus. Die Behandlung wirkt: Die eingeschleusten Gene lassen neue Nervenzellen wachsen und die verloren geglaubte Erinnerung kommt wieder. Auch der Schimpanse Cäsar, den Rodman privat beherbergt, trägt diese Gene in sich und entwickelt eine menschlich anmutende Intelligenz.

Die Experimente sind nicht weit von der Realität des biotechnologisch Möglichen entfernt; Gentherapien gegen Demenz werden bereits klinisch erprobt. Aber man hofft, dass sich Rodman in der wirklichen Welt mit rechtlichen Einschränkungen auseinandersetzen müsste. In der EU sind solche Versuche mit Menschenaffen verboten; in Deutschland experimentieren Forscher laut Tierschutzbericht der Bundesregierung schon seit vielen Jahren nicht mehr in dieser Weise mit Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans.

Doch es gibt andere Experimente, die auf Lebewesen abzielen, die menschlich und tierisch zugleich sind - und daher Chimären oder Hybride genannt werden. Zum Beispiel haben Forscher am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen vor einigen Jahren menschliche Nervenzellen in die Gehirne von zwei Weißbüschelaffen implantiert; fünf Wochen später wurden die Tiere eingeschläfert und seziert. Der Versuch war genehmigt, doch die Gesetze erfassen längst nicht alle Varianten, die in der Forschung möglich sind. Nachdem Großbritannien vor drei Jahren nachgebessert hat, hat am Dienstag der Deutsche Ethikrat erläutert, wo er die Forschung einschränken würde.

Aussicht auf wichtige Erkenntnisse

Ein Experiment wie das mit den Weißbüschelaffen halten die 26 Ethikratsmitglieder weiterhin für ethisch zulässig. Sie fordern nur eine fachübergreifende Begutachtung jedes Forschungsprojekts und schlagen vor, den nationalen Ausschuss mit der Prüfung zu beauftragen, der nach der neuen EU-Tierschutzrichtlinie ohnehin gegründet werden muss.

Zu diesem Votum kommt der Ethikrat nicht, weil er die Folgen für die Tiere unterschätzen würde. Es sei durchaus denkbar, dass sich die Affenhirne durch die menschlichen Zellen irgendwie verändern, heißt es in der 100-seitigen Stellungnahme. "Die Eingriffstiefe kann ganz erheblich sein", schreibt der Ethikrat. Man erwarte zwar nicht, dass die Affen menschlich denken, denn die Arbeit der menschlichen Nervenzellen werde im Affengehirn in erheblichem Maß durch das Affengehirn gesteuert, zum Beispiel durch die dort vorhandenen Botenstoffe. Aber Auswirkungen auf das Verhalten seien möglich.

Es ist vielmehr die Aussicht auf wichtige Erkenntnisse, die den Ethikrat davon abhält, ein Verbot dieser Forschung zu fordern. "Primatenversuche waren entscheidend für etliche Durchbrüche in der Medizin", heißt es in der Stellungnahme, und es folgt eine Liste von der Erforschung von Impfstoffen bis zur Suche nach einer Therapie gegen Parkinson. Die Göttinger Max-Planck-Forscher hatten im Versuch mit den Weißbüschelaffen untersucht, ob sich das Gehirn dazu anregen lässt, mehr Dopamin zu produzieren - eine Substanz, an der es bei Parkinson mangelt.

Artfremde Verhaltensweisen lassen sich übertragen

Eine Grenze ziehen die Ethikratsmitglieder bei der Erzeugung von Affen mit menschlichem Material. Sie erinnern an ein Experiment aus den 80er Jahren, in dem Hühnerembryos das Hirngewebe von Wachtelembryos eingepflanzt wurde. Nachdem sie geschlüpft waren, riefen fünf der Hühnchen wie Wachteln. Demnach lassen sich artfremde Verhaltensweisen übertragen - eine klare Warnung vor allzu freizügigen Versuchen mit Mensch und Affe. Die Vision aus dem Film "Planet der Affen" scheint nicht ganz abwegig zu sein.

Inwieweit Affen menschliche Verhaltensweisen annehmen könnten, ist in der Forschung jedoch völlig ungeklärt. Der Ethikrat unternimmt auch keinen Versuch, genauer zu sagen, nach welchen Kriterien Transplantationen gestattet werden sollten. Der nationale Ausschuss, der abwägen soll, ob die Aussicht auf medizinische Erkenntnisse das Risiko einer Transplantation menschlichen Hirngewebes schlägt, wird nicht zu beneiden sein. Er wird auf unsicherem Terrain entscheiden müssen.

Was ist von einem Mensch-Kuh-Embryo zu halten?

Dennoch sind sich die 26 Mitglieder des Ethikrats in diesem Punkt einig. Gespalten sind sie bei einer anderen Frage, die näher an den früheren Debatten über die Forschung mit embryonalen Stammzellen liegt: Darf man den Kern einer menschlichen Zelle, in dem fast das gesamte Erbgut gespeichert ist, nutzen, um daraus Stammzellen zu gewinnen? Vor drei Jahren hatten Wissenschaftler der britischen Universität Newcastle einen solchen Zellkern in die Eizelle einer Kuh injiziert und den Embryo drei Tage wachsen lassen. Was ist von einem Mensch-Kuh-Embryo zu halten?

Etwa die Hälfte der Ratsmitglieder fordert ein Verbot solcher Mensch-Tier-Embryos, die anderen sind gegen ein Verbot. Für die einen ist der Embryo zu menschlich, um ihn herstellen zu dürfen, für die anderen gehört er hingegen gar nicht zur Art Homo sapiens. Solange man den Mensch-Kuh-Embryo keiner Frau in die Gebärmutter einpflanze, sei der Fall ethisch unkompliziert, sagen sie. Gerade weil das Austragen des Embryos möglich ist, sieht die andere Seite jedoch ein gewaltiges Problem. Einig ist man sich nur darin, dass keine Frau mit einem Mensch-Tier-Embryo schwanger werden darf. Ein entsprechendes Verbot gibt es bis jetzt nicht.

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