Biografie über den Kirchheimer Flugpionier Wolf Hirth Die vielen Leben einer Legende

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Wolf Hirth war nicht nur ein Wegbereiter des Segelflugs. Der 1959 abgestürzte Flieger war Motorrad-Rennfahrer, Flugzeugkonstrukteur und Unternehmer. Der Autor Karl Buck hat jetzt eine lesenswerte Biografie über des Multitalent veröffentlicht.

Der Flugpionier Wolf Hirth in seiner Bücker 131 auf einem  Überführungsflug  nach Südafrika im Jahr 1938.Repro:Horst Rudel Foto:   8 Bilder
Der Flugpionier Wolf Hirth in seiner Bücker 131 auf einem Überführungsflug nach Südafrika im Jahr 1938. Repro:Horst Rudel Foto:  

Kirchheim - Als der damalige Bundespräsident Theodor Heuss am 26. Juli im Stuttgarter Neckarstadion die Deutschen Leichtathletikmeisterschaften 1959 eröffnet, weicht er überraschend vom Protokoll ab. Überleitend mit „über diesem Tag liegt ein Schatten“ würdigt er den am Vortag verunglückten Wolf Hirth. Der Flugpionier war mit seinem Segelflugzeug am Fluggelände an der Teck in den Tod gestürzt. „Wolf Hirth wird in der Sportgeschichte um seiner Leistung und und seiner Menschlichkeit willen lebendig bleiben“, fährt Heuss fort.

Wer ist der Mann, dem vom obersten Repräsentanten der Republik eine solche Würdigung zuteil geworden ist? Der Autor Karl Buck beantwortet die Frage auf 340 lesenswerten Seiten. Seine reich bebilderte Biografie über Wolf Hirth zeichnet die Facetten eines Lebens nach, das eigentlich nicht zwischen zwei Buchdeckel passt. Auf dem Einband hat Buck sich denn auch auf eine kleine Auswahl der vielen Leben des Wolf Hirth beschränkt. „Wolf Hirth - Rennfahrer, Segelflieger-Legende, Flugzeugkonstrukteur, Unternehmer“, steht da.

Der Name Wolf Hirth besitzt in Fliegerkreisen einen magischen Klang

Dass der Name Wolf Hirth in Fliegerkreisen immer noch einen magischen Klang besitzt, der nicht zuletzt im Firmennamen des Kirchheimer Segelflugzeugbauers Schempp-Hirth nachhallt, ist angesichts der fliegerischen Leistungen dieses Luftfahrtpioniers nicht verwunderlich. Dass dem am 28. Februar 1900 in Stuttgart geborenen Wolf Hirth trotz seiner Behinderung – er hatte in jungen Jahren bei einem Motorradunfall ein Bein verloren – auch als Motorrad-Rennfahrer Ruhm und Ehre zuteil geworden sind, ist bisher allerdings nur eine Fußnote im bewegten Leben des Aviatikers gewesen. Beim Stuttgarter Solitude-Rennen 1924, auf einem von seinem Bruder entwickelten Zweitakter-Doppelkolbenmotor, holt er sich den Sieg.

Zwei Jahre später gewinnt Hirth das Rennen auf der legendären Berliner Avus – mit einem in der 250-ccm-Klasse bis dahin nicht erreichten Durchschnitt von mehr als 100 Stundenkilometern. Eine Leistung, die das Fachblatt „Motor und Sport“ mit den Worten kommentiert: „Wolf Hirth ist wieder in Form gekommen und zeigt mit seiner alten Maschine und einem neuen Holzbein dem übrigen Feld die Kehrseite.“

Das Motorrad dient Hirth allerdings in erster Linie dazu, wann immer möglich von Stuttgart aus in das Segelfluggebiet Wasserkuppe unweit des hessischen Fulda zu fahren. Dort nimmt er mit seinen Fliegerkameraden vom Flugtechnischen Verein erfolgreich an den im Jahr 1920 erstmals ausgetragenen Röhnwettbewerben teil.

„Es wird weitergeflogen.“

Die Fluggeräte der verschworenen Fliegergemeinschaft, die sich da auf der Wasserkuppe trifft, hören auf Namen wie Hols der Teufel, Roter Rand, Heiterer Fridolin, Geheimrat und Blaue Maus. Der Pioniergeist fordert seinen Tribut, doch auch nach tödlichen Abstürzen heißt es seitens der Wettkampfleitung: Es wird weitergeflogen. Die von Buck aus verschiedenen Archiven und Privatbesitz zusammengetragenen Bilder transportieren den Geist der frühen Flieger, von denen Hirths Sohn Hellmut im Rückblick sagt: „Das waren Abenteurer. Die sind rausgegangen und haben sich gesagt: ,Wenn wir das nicht ausprobieren, wissen wir auch nicht, ob das funktioniert.‘“

Nicht aus-, sondern anprobiert hat Hirth auch die Rhönweste. In der in bester Webware zum Preis von 25 Reichsmark angebotenen Jacke steht der junge Flieger für das Stuttgarter Bekleidungshaus Breuninger lächelnd Modell. Auch was Hirth in der Luft probiert, funktioniert. In den 1930er Jahren bricht er Flugrekorde im Dutzend. Seine Expeditionen, meist verbunden mit der Ausbildung heimischen Fliegernachwuchses, führen ihn nach Südamerika, Afrika und Japan. Als Konstrukteur und Teilhaber des von Martin Schempp im Jahr 1935 in Göppingen gegründeten und kurz darauf nach Kirchheim umgezogenen Unternehmens setzt er Maßstäbe. Die Minimoa, mit ihren einer fliegenden Möwe nachempfundenen geknickten Tragflächen, gilt immer noch als das schönste je gebaute Flugzeug.

Kein Parteigänger, aber Patriot

Der Schatten des Dritten Reiches legt sich auch über die Kirchheimer Flugzeugbauer. Am Leitwerk der hundertsten Minimoa prangt schon das Hakenkreuz. Im Oktober 1940 wird Hirth trotz seiner Behinderung in die Fliegerschule der Luftwaffe nach Königsberg einberufen. Buck verschweigt die Widersprüche in der Person Wolf Hirths nicht. Einerseits die Abneigung gegen die NSDAP-Parteibonzen, andererseits eine schon vor Kriegsbeginn bei seinem Fliegerkameraden Ernst Udet abgegebene Meldung zur Luftwaffe. „Hirth empfindet sich als deutscher Patriot, der sich zwar nicht Adolf Hitler, aber der Nation Deutschland gegenüber verpflichtet sieht, seinen Beitrag zu leisten“, so der Autor.

Wieder zurück in Kirchheim, beteiligte sich Hirth unter anderem an der Entwicklung des Lastenseglers Gigant und des Segelflugzeugs Habicht, das wegen seiner Sturzflugfähigkeit zur Ausbildung von Sturzkampfbomberpiloten dient. Die Nattern, bemannte Flakraketen mit Düsenantrieb, die Hirth bauen sollte, kommen nicht mehr zum Einsatz. Vom letzten Versuch des Hitler-Regimes, den Krieg zu entscheiden, zeugen die betonierten Raketenstartplattformen im Wald bei Holzmaden.

Mit dem Bau von Kinderrollern und Wohnwagen über Wasser gehalten

Nach dem Krieg schieben die Amerikaner dem Flugbetrieb im besiegten Deutschland einen Riegel vor. Um den Fortbestand seiner Firma zu sichern, weicht Hirth auf die Herstellung von Handwagen, Einbau- und Kleinstküchen, Kinderrollern, Radiogehäusen und Wohnwagen aus. So gelingt es ihm, das Unternehmen bis zur Wiederaufnahme der Segelflugzeugproduktion im September 1951 über Wasser zu halten. Gezeichnet von mehreren Flugunfällen und einem 1954 erlittenen Herzinfarkt, besteht Hirth immer noch darauf, jedes Flugzeug einzufliegen, das die Produktionshallen des Unternehmens verlässt. So auch am 25. Juli 1959. Im Landeanflug auf des Fluggelände an der Teck schmiert die von im gesteuerte Lo 150 ab und stürzt in ein Getreidefeld. Als die Helfer die Absturzstelle erreichen, ist Wolf Hirth schon tot.

Karl Buck: Wolf Hirth – eine bebilderte Biografie. Selbstverlag, 340 Seiten mit vielen historischen Aufnahmen. ISBN 978-3-00-057860-1. Preis: 29,50 Euro.