Biografie über Grünen-Kandidaten Joschka Fischer: „Özdemir muss eine an Wunder grenzende Aufgabe bewältigen“

Joschka Fischer und Cem Özdemir am Montag bei der Buchvorstellung auf einem Weingut in Stuttgart-Mühlhausen. Foto: Lichtgut

Zum Start in den Wahlkampf kommt eine Biografie über den Grünen-Kandidaten Cem Özdemir auf den Markt mit Vorwort von Joschka Fischer. Der rät zu starken Nerven.

Entscheider/Institutionen: Annika Grah (ang)

Dass Politiker sich zu Wahlkampfzeiten mit Büchern schmücken, ist nichts Neues. Dass gleich eine ganze Biografie erscheint, ist aber nicht so gewöhnlich. Denn nicht immer ist ein Politikerleben vor einem großen Amt so prall gefüllt, dass es schon den Platz zwischen zwei Buchdeckeln füllen würde. Beim Grünen-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Cem Özdemir, reicht es kurz vor seinem 60. Geburtstag im Dezember immerhin für 250 Seiten. Am Montag wurde das Werk vorgestellt – von niemand Geringerem als Joschka Fischer. Der frühere grüne Außenminister nutzt die Gelegenheit, für seinen Parteifreund zu werben: „Cem ist heute eine Stimme in unserem Land. In der Form gibt es keine Zweite“.

 

In dem Band „Cem Özdemir – Brücken bauen“, der am 12. November im Bonifatius-Verlag erscheint, zeichnen die Journalisten Johanna Henkel-Waidhofer und Rolf Henkel den Weg Özdemirs entlang zeitgeschichtlicher Ereignisse nach. In einer dichten Erzählung beschreiben die beiden das Auf und Ab des Politikers: erst Talkshow-Liebling als Jungstar im Bundestag, dann der Sündenfall mit der Bonusmeilen-Affäre. 2009 kehrte der spätere Bundeslandwirtschaftsminister erst als Grünen-Chef auf die Bühne der Bundespolitik, 2013 in den Bundestag zurück. „Diese Eigenschaft des Comeback-Kids“, sagt Fischer, sei eine sehr politische Eigenschaft.

Die Autoren kennen Özdemirs Vorgänger Kretschmann gut

Dass die bei den Grünen bestens vernetzte Journalisten Johanna Henkel-Waidhofer und ihr Mann Rolf die Biografie geschrieben haben, ist kein Zufall. Das Paar veröffentlichte 2011 wenige Wochen nach der Landtagswahl bereits ein ähnliches Werk über den, den Özdemir beerben möchte: Den damals einer großen Öffentlichkeit eher unbekannten Winfried Kretschmann.

Es ist durchaus Usus, dass Wahlkämpfer sich den Glanz von Promis holen. CDU-Hoffnungsträger Manuel Hagel hat sich erst vor wenigen Tagen von CSU-Chef Markus Söder flankieren lassen. Auch Özdemir lehnt trotz hoher Bekanntheitswerte die Unterstützung eines langjährigen politischen Weggefährten nicht ab.

Fischer lässt bei Özdemirs Griff nach der Macht Unsicherheit anklingen

Die beiden kennen sich spätestens seit 1994, als der Jüngere in den Bundestag einzog. Damals machte Fraktionschef Fischer dem jungen Abgeordneten nicht nur das Büro und die Mitarbeiterin streitig, die Özdemir sich weitsichtig von einem ausgeschiedenen Abgeordneten gesichert hatte. Fischer ließ den Novizen auch den Platz im Innenausschuss für einen altgedienten Parteikollegen räumen. Schon damals sei das politische Talent aufgefallen, sagt Fischer, räumt aber auch ein: „Cem als damals junger Mann hat auch ein bisschen Leidenschaft dafür gehabt, Mist zu bauen.“

Schon vor einem Jahr nutzte Özdemir kurz nach seinem Bekenntnis zur Spitzenkandidatur die Gelegenheit für seinen ersten öffentlichen Auftritt in der neuen Rolle, um Fischer zu würdigen, bevor jener zu einem der „Württemberger Köpfe“ gekürt wurde. Diesmal lobt der andere: Im Vorwort zur Biografie äußert Fischer keinen Zweifel daran, dass Özdemir „der Beste ist, ein anatolischer Schwabe, reif für das höchste Amt in Baden und Württemberg“. Er lässt aber Unsicherheit mitschwingen, wenn er schreibt, dass es an ein Wunder grenzen würde, wenn die Grünen die Staatskanzlei bei der Landtagswahl 2026 verteidigen würden. Am Montag schiebt er nach: „Aber wenn es einer schafft, dann Cem.“ Und rät ihm zu starken Nerven.

Die jüngsten Umfragen zeichnen ein anderes Bild. Die Grünen liegen im Südwesten zwar immer noch über dem Bundestrend, waren zuletzt aber nur noch drittstärkste Kraft hinter der AfD und der CDU, die mehr als zehn Prozentpunkte Vorsprung hat. Deren 37 Jahre alter Spitzenkandidat, Manuel Hagel, hat noch keine Biografen, will aber dennoch seinen Namen vor der Landtagswahl am 8. März 2026 in den Buchhandlungen sehen. Der Freiburger Verleger Manuel Herder, selbst CDU-Mitglied, will gemeinsam mit seinem Parteifreund einen Band zum 75. Landesjubiläum veröffentlichen. Das wird zwar erst 2027 gefeiert. Das Buch, in dem 75 prominente Baden-Württemberg zu Wort kommen sollen, wird aber im Januar 2026 erscheinen – mit einem Vorwort von Manuel Hagel.

Özdemirs eigenes Buch war nie erschienen

Ein Buch aus der Feder von Cem Özdemir hätte es fast gegeben. Noch vor einem Jahr hatte der Ullstein-Verlag einen Titel vom Autor Cem Özdemir im Programm: „Übertreibt nicht! Eine Intervention zu Identität und Freiheit“ lautete der. Erscheinungsdatum: 27. November 2025, was damals Spekulationen anheizte. Doch das Manuskript wurde zu den Akten gelegt. Es hätte, so Özdemir, schon 2021 erscheinen sollen vor der Bundestagswahl. Damals machte Annalena Baerbock, die Spitzenkandidatin der Grünen, mit ihrem Buch Negativschlagzeilen. Eine Neuauflage seines Buchs habe er noch nicht überlegt, sagt Özdemir. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass er es umschreiben müsse. Die Debatte habe sich weitergedreht, viel sei erschienen. Was Fischer bestätigt: „Ich schreibe gerade ein Buch darüber“, sagt er. Und Özdemir scherzt: „Willst Du ein Vorwort von mir?“ Der nächste Gemeinschaftsauftritt dürfte also nicht lang auf sich warten lassen.

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