Anna Wimschneider auf ihrem Hof bei Pfarrkirchen mit ihren Lebenserinnerungen „Herbstmilch“. Foto: imago stock&people
Viele glauben, ihr Leben sei nicht interessant genug gewesen, um die Erinnerungen weiterzugeben. Dabei ist das Teilen der eigenen Geschichte auch für die Nachkommen von Bedeutung.
Spätestens seit die Bäuerin Anna Wimschneider ihre Lebenserinnerungen aufschrieb und 1984 als Buch mit dem Titel „Herbstmilch“ veröffentlichte, war klar, dass auch die vermeintlich einfachen Menschen Erinnerungen zu erzählen haben, die es wert sind, an die kommenden Generationen weitergegeben zu werden.
Doch was ist der Beweggrund für Menschen, ihre ganz persönliche Lebensgeschichte aufzuschreiben? „Das Teilen der eigenen Geschichte und das Weitergeben ist ein zutiefst menschlicher Wunsch“, erläutert Christiane Bertram. Die Wissenschaftlerin der Universität Tübingen befasst sich mit Zeitzeugenbefragungen und leitet den Bereich Historisches Lernen am Hector Institut. Gerade zum Lebensende hin würde der Wunsch immer wichtiger, auch um sich über das eigene Leben klarer zu werden, führt Bertram weiter aus.
Erinnerungen für die Nachkommen
Andreas Mäckler kann das unterstreichen. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß der Biograf und Gründer des Biographiezentrums, einer Vereinigung für Biografinnen und Biografen: „Es ist ein Grundbedürfnis einen Zusammenhang herstellen zu wollen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und sich selbst darin zu verorten.“ Besonders die Nachkommen schmerze es, wenn sie nichts hinterlassen bekommen. Denn auch für die restliche Familie ist eine solche Biografie von Bedeutung. Auf der Zielgeraden des Lebens würde auch viele Menschen bedauern, ihr Leben nicht aufgeschrieben zu haben.
Die Ausgangssituation kann dabei unterschiedlich sein. So erinnert sich Sabine Tjørnelund, eine Autorin der Agentur Rohnstock-Biografien, hat sich darauf spezialisiert, Menschen beim Verfassen ihrer Autobiografie zu unterstützen. Sie erinnert sich daran, wie ein Paar die Biografie seiner Tochter in Auftrag gegeben hatte. Um das Andenken an sie lebendig zu halten, und damit die Enkelkinder später eine Erinnerung an ihre viel zu früh gestorbene Mama haben.
Gar nicht für sich selbst habe er seine Geschichte aufgeschrieben, sagt Peter Kremser. Der Unternehmer hat seine Lebensgeschichte über die Agentur Rohnstock-Biografien aufschreiben lassen. Eine Idee, auf die ihn sein heutiger CEO gebracht hatte. Das Buch solle ein Dokument sein, das im Archiv, der von ihm aufgebauten Firma an den Gründer erinnern soll. Und auch, um den Urenkeln, die ihn vielleicht nicht mehr kennenlernen werden ein Bild von ihrem Verwandten zu vermitteln, sagt der lebhafte 83-Jährige.
Erinnerung als Teil der großen Geschichte
Doch solche persönlichen Erlebnisse, die in Privatbiografien erzählt werden, sind immer auch Teil einer großen Geschichte. Im Fall von Peter Kremser sind es beispielsweise auch die Schrecken des 2. Weltkrieges, die er im Alter von knapp vier Jahren miterlebt: Als er mit seiner Mutter einen Luftschutzbunker verlässt, sieht er tote Pferde, tote Menschen. Er erinnert sich daran, wie seine Mutter ihm die Augen verdeckt, um dem Sohn diesen Anblick zu ersparen, an die Flucht, im April 1945 erlebt er die Bombardierung Nürnbergs und der Feuersturm über der Stadt bleibt ihm bis heute in Erinnerung.
Allerdings müsse man bedenken, dass persönliche Erinnerungen immer von den Eindrücken und Gefühlen eines Individuums geprägt sind. Denn es gibt nicht nur eine Deutung der Vergangenheit, sondern viele. Die Forschung nennt das: Multiperspektivität. Ein solches Beispiel hat Sabine Tjørnelund selbst erlebt. Bei Interviews für eine Biografie hat sie Vater und Tochter getrennt befragt. Beide haben ein und dieselbe Geschichte erzählt, allerdings völlig anders, was zu großem Staunen beim jeweils anderen führte.
Selbst schreiben und schreiben lassen
Ist die Entscheidung gefallen, sein Leben aufzuschreiben, stellt sich die Frage nach der Umsetzung. Der erste und naheliegendste Schritt ist für viele, selbst zu Stift und Papier zu greifen. Sei es in Form handschriftlicher Aufschriebe, wie es die Eltern von Christiane Bertram gemacht haben oder wie Andreas Mäcklers Großvater vor vielen Jahrzehnten: auf einer Schreibmaschine mit Kohlepapier zwischen den Seiten.
Andreas Mäckler Foto: Frank Zerbst - Fotografie & Gestaltung
Allerdings stellen manche Autoren schon bald fest, dass das Aufschreiben nicht so einfach von der Hand geht, wie man sich das vorgestellt oder gewünscht hatte. Hierbei können Kurse für biografisches Schreiben eine Stütze sein. Darin bekommen Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Handwerkszeug vermittelt, wie eine Biografie verfasst wird. Zeit, Geduld und Einarbeitung vorausgesetzt, kann es losgehen.
Die dritte Möglichkeit ist, wie Peter Kremser es gemacht hat: Er selbst habe ein kaufmännisches Deutsch und das eigne sich nicht für eine Biografie. Also hat er das Verfassen seiner Lebensgeschichte in Auftrag gegeben. In diesem Fall übernehmen Autorinnen und Autoren das Ausformulieren. Auch in diesem Fall ist die Erinnerung elemantar. Die Menschen sollen wieder in das eigene Leben eintauchen: „Wie war der erste Schultag, wie war es als die Geschwister auf die Welt kamen?“, erklärt Andreas Mäckler. Mehrere Stunden Material kommen so zusammen und bilden die Grundlage für die spätere Biografie.
Fotos als Erinnerungshilfe
Nun beginnt die eigentliche Arbeit für die Autoren. Sie schreiben die Aufzeichnungen ab und beginnen damit den Text zu verfassen. Eventuell vorhandene Fotos sind dabei ebenfalls eine wichtige Stütze. Sie zeigen Dinge, an die man sich eventuell nicht mehr erinnert oder, die sich nur unzureichend beschreiben lassen. Der Text selbst ist ebenfalls eine Kunst für sich. So muss der doch zum Charakter der beschriebenen Menschen passen. Es kann durchaus vorkommen, dass die Rückmeldung kommt: „Ich höre meine Mutter, meinen Vater noch nicht aus dem Text sprechen.“
In mehreren Durchgängen korrigieren die Auftraggeber und Autoren gemeinsam den Text, Feinheiten bekommen den letzten Schliff, Probeleser geben ihr Urteil ab und erst wenn die biografierte Person sich selbst und ihre Erlebnisse im Geschriebenen wieder erkennt, geht der Text in den Druck. Wer seine Erinnerungen professionell aufschreiben lassen will, muss allerdings je nach Umfang des Projekts, mit Kosten um die 10 000 Euro rechnen und die Umsetzung kann vom ersten Treffen bis zum fertigen Buch rund ein Jahr dauern.