Biologe aus Großerlach Ein Freund der Wölfe

Peter Herold hinter einem Zaun, der Weidetiere gut vor dem Wolf schützt. Foto: Gottfried Stoppel

Peter Herold ist Biologe, Weidetierhalter und Wolfsfan. Der Großerlacher engagiert sich für ein konfliktfreies Zusammenleben mit dem Beutegreifer. Zur Gefahr von Wölfen für Menschen hat er eine klare Meinung.

Fragt man Peter Herold nach Wildtieren, die dem Menschen in Deutschland gefährlich werden könnten, fallen dem Biologen mehrere Kandidaten ein, vom Wildschwein über den Rehbock bis zur Zecke. Der Wolf gehört nicht dazu. „Es gibt hierzulande kein anderes Raubtier, das für Menschen weniger gefährlich ist“, sagt Peter Herold mit Überzeugung, „sämtliche empirischen Daten belegen das.“

 

Seit einigen Jahren engagiert sich der Großerlacher ehrenamtlich für die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe. Im 1992 gegründeten Verein ist er der regionale Ansprechpartner für Anfragen aus Baden-Württemberg. Er ist regelmäßig präsent bei Veranstaltungen wie beispielsweise Naturparkmärkten, um über den Wolf zu informieren und Vorurteile gegenüber dem größten hierzulande vorkommenden Beutegreifer abzubauen. „Die Spitze der Nahrungskette hat mich immer besonders interessiert“, sagt der Diplom-Biologie mit Fachrichtung Naturschutz und promovierte Agrarwissenschaftler. Obendrein hält er seit gut 30 Jahren Hunde: „Da liegt der Wolf nahe.“

Ungeschützte Weidetiere sind eine leichte Beute

Dass ein Vertreter von Canis lupus im April durch Teile des Rems-Murr-Kreises streifte, ist erwiesen. Das Tier riss zwei Lämmer in Rudersberg und verschwand wieder von der Bildfläche. Es handelte sich wohl um einen Wolf auf der Durchreise. Diese Jungwölfe, Einzelgänger auf der Suche nach einem Revier oder Partner, laufen in einer Nacht bis zu 70 Kilometer. „Die haben immer Kohldampf und brauchen ständig etwas zu fressen.“ Anders als Wölfe, die im Familienverband leben, müssen sie allein jagen. So ist es schwierig, ein Reh zu erlegen. Schafe oder Ziegen, die ungeschützt auf einer Weide stehen, sind aber leichte Beute.

Vom Wolf gerissene Weidetiere seien zu 80 bis 90 Prozent nicht oder nur unvollständig geschützt gewesen, sagt Peter Herold, der jahrelang rund 25 Ziegen auf Weiden in Großerlach gehalten hat. Dass der Wolf die Weidetierhaltung in Deutschland gefährdet, bestreitet Peter Herold vehement. Das jährliche Monitoring habe zuletzt eine Zahl von 4500 gerissenen Tieren in ganz Deutschland ergeben. „Jeder Weidetierriss ist einer zu viel, vor allem emotional für den einzelnen Weidetierhalter“, sagt Herold. Aber die Zahl relativiere sich ein Stück weit beim Blick auf die Tiere, die wegen Krankheit oder Unfällen beim Abdecker landeten: „Das sind allein in Bayern Jahr für Jahr um 160 000 Rinder, 55 000 Schafe und 8000 Ziegen.“

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht

Ein ordnungsgemäßer Herdenschutz biete keine 100-prozentige Sicherheit, aber doch eine sehr hohe. „Absolut wolfssicher gibt es nicht, aber wolfsabweisend“, sagt Peter Herold. Dafür brauche es qualitativ gutes Zaunmaterial mit einer hohen elektrischen Leitfähigkeit, ein zur Zaunlänge passendes Weidezaungerät mit mindestens drei Joule Schlagstärke und eine funktionierende Erdung. Bei Schafen sollte der Zaun 90, besser 120 Zentimeter hoch sein – mit weiteren Litzen auf 20, 40 und 60 Zentimeter Höhe. „Die erste Stelle, an der es der Wolf versucht, ist unten. Deshalb darf die unterste stromführende Litze maximal 20 Zentimeter über dem Boden sein.“ Wenn alles passt, habe der Zaun überall mindestens 3000 Volt Spannung. „Wenn ein Wolf versucht, unter dem Zaun durchzugehen, kriegt er drei Joule oder mehr auf die Nase. Das tut richtig weh.“

Herold plädiert für eine finanzielle Hilfe von Weidetierhaltern

Das merke sich der Wolf – und meide diese Zäune. Nur so sei eine Koexistenz langfristig möglich, sagt Peter Herold, der eine finanzielle Förderung von Weidetierhaltern befürwortet: „Das verhindert Stress und sozialen Unfrieden. In Baden-Württemberg ist diese Förderung vorbildlich, sollte aber präventiv auf der gesamten Landesfläche erfolgen und nicht nur in den Fördergebieten.“ Nur in wenigen Bereichen, etwa Teilen des Südschwarzwalds, seien Zäune keine Option: „Da gibt es Flächen, die Geröllhalden aufweisen und extrem steil sind. Dort ist ein Zaun nicht möglich oder nicht zumutbar.“ Für solche Gebiete müsse man andere Herdenschutzkonzepte überlegen – etwa die Behirtung. Andernfalls könnten sie bei Wolfsvorkommen nicht mehr beweidet werden. Mancher Wolf lerne, über Zäune zu springen. „Dann helfen nur noch Herdenschutzhunde, und die sind nicht für jeden etwas.“

Wölfe dürfen niemals gefüttert werden

Wenn ein Wolf systematisch über ordnungsgemäße Herdenschutzzäune springe, spreche sich auch sein Verein nicht gegen einen Abschuss aus. „Diese Tiere müssen gehen. Allerdings gibt es noch kein funktionierendes Konzept, sie eindeutig zu identifizieren und gezielt zu entnehmen.“ Das Schicksal ereilte einen jungen Wolf in Niedersachsen, der Menschen nahe kam und anbettelte. Soldaten hatten ihn zuvor angefüttert. „Das Risiko war zu hoch, dass er vielleicht mal jemanden beißt. Wenn Wölfe Menschen mit Nahrung in Verbindung bringen, fordern sie diese irgendwann ein. Weil er ein Senderhalsband trug, war er eindeutig identifizierbar und konnte geschossen werden.“

Trotz steigender Zahlen werden nur sehr wenige Menschen hierzulande einen Wolf in freier Wildbahn sehen. Warum also die teils große Aufregung? Peter Herold ist überzeugt, dass es mit daran liegt, dass Menschen die Welt einteilen – in Natur und in die Kulturlandschaft, in der der Mensch das Sagen hat. „Der Wolf zeigt uns aber, dass er prima in der Kulturlandschaft zurechtkommt. Er bricht in unsere geordnete Welt ein, hält sich nicht an unsere Spielregeln und überschreitet die von uns gesetzten Grenzen.“ Herold sieht einen Widerstreit zwischen zwei Weltbildern: dem des Menschen als Krone der Schöpfung und dem, das ihn als Lebewesen unter vielen sieht. „Jeder von uns steht irgendwo zwischen diesen Polen.“ In erster Linie gehe es aber nicht um den Wolf, sondern um die Frage, wer die Regeln bestimme.

Der Wolf hilft Förstern beim Umbau der Wälder

Auf Social Media wird teils heftig Stimmung gegen Wölfe gemacht, doch Peter Herold denkt, dass eine Mehrheit der Deutschen aufgeschlossen gegenüber dem Wolf ist. Nicht jeder müsse Wolfsfan sein – aber bitteschön bei den Fakten bleiben. Dazu gehöre: „Eine faktische Bedrohung durch den Wolf gibt es für Menschen nicht.“ Hunden könne er gefährlich werden, wenn diese allein im Wolfsterritorium unterwegs sind.

Für Jäger bedeute ein Wolf im Revier, dass Wildtiere dort unberechenbarer und die Jagd beschwerlicher werde, sagt Herold, der selbst den Jagdschein hat. Andererseits nehme der Wolf Jägern Arbeit ab, weil er bevorzugt sehr junge, alte, kranke und verletzte Tiere jage. Förster seien meist Wolfsfans, denn dank ihm hätten die Rehe weniger Muße zum Verbiss, der Wolf helfe beim Umbau der Wälder.

Peter Herold ist sich sicher, dass die Zeit für den Wolf arbeitet: „Es wird einen Gewöhnungseffekt geben, wie zum Beispiel in Sachsen, wo schon lange Wölfe leben. Von dort hört man kaum noch etwas.“

Anlaufstellen zum Herdenschutz

Beratung
 Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) ist in Baden-Württemberg für das Wolfsmonitoring zuständig. Beim FVA-Wildtierinstitut können Sichtungen und Risse gemeldet werden, das Institut bietet auch ausführliches Infomaterial zum Herdenschutz.

Verein
 Auch auf der Internetseite der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe findet sich viel Wissenswertes – von allgemeinem Wolfswissen über Tipps zu Elektrozäunen und zu Herdenschutzhunden bis zu Material für Kinder.

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