Biologie Geschickte Jäger

Haarige Haftpolster an den Spinnenbeinen halten die Beute fest. Foto: Wolff
Haarige Haftpolster an den Spinnenbeinen halten die Beute fest. Foto: Wolff

Spinnen sind auch ohne Netz erfolgreiche Jäger. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass haarige Haftpolster an den Tieren beim Beutefang helfen: So lässt sich die Beute besser festhalten.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Auch wenn viele Menschen es nicht gern hören werden: Spinnen zählen zu den erfolgreichsten Tiergruppen der Welt. Die eher unbeliebten Achtbeiner haben mehr als 43 000 verschiedene Arten hervorgebracht und so gut wie alle Landlebensräume der Erde erobert. Wie aber haben sie das geschafft? Vielleicht mit haariger Unterstützung, meinen Jonas Wolff und Stanislav Gorb von der Universität Kiel. Spezielle Haarpolster an den Beinen könnten die Tiere zu besonders geschickten Jägern gemacht haben, argumentieren die Forscher im Fachjournal „Plos One“.

Die raffinierten Methoden, mit denen Spinnen Beute machen, faszinieren Biologen schon lange. Bisher stand dabei allerdings vor allem die Spinn- und Webkunst der Tiere im Mittelpunkt des Interesses. Denn für ihre Netze produzieren sie ein Material, von dessen Eigenschaften menschliche Faserfabrikanten nur träumen können. Manche Spinnweben sind widerstandsfähiger als ein ähnlich dicker Stahldraht, keine Kunstfaser ist gleichzeitig so elastisch und so stabil.

Trotz allem scheint der Erfolg der Spinnen aber nicht nur auf der Erfindung der Seidenproduktion zu beruhen. Schließlich betätigt sich keineswegs jeder Achtbeiner als Webdesigner. „Etwa die Hälfte aller bekannten Spinnenarten hat den Netzbau als Beutefangmethode wieder aufgegeben“, sagt Jonas Wolff. Denn die Fallenstellerei hat auch ihre Nachteile: Ständig müssen zum Beispiel Schäden im Netz repariert werden, wer sein Jagdrevier verlegen will, muss die Falle völlig neu konstruieren – und das kostet Material und Energie. Da scheint ein direkter Überfall in vielen Fällen effektiver zu sein. Die große Familie der Springspinnen etwa hat sich darauf verlegt, ihrer Beute aufzulauern und sie dann anzuspringen.

Das Jagen ist ziemlich riskant

Allerdings ist die netzfreie Jagd ziemlich riskant – vor allem, wenn man es auf wehrhafte Opfer abgesehen hat. Zwar verfügen viele Spinnen über wirksame Gifte, um ihre Gegner außer Gefecht zu setzen, allerdings müssen sie dazu erst einmal nahe genug an ihr Opfer herankommen, um es zu beißen. Und dann dauert es eine ganze Weile, bis die chemische Waffe wirkt. Da kann der Angegriffene leicht noch zu einem Verteidigungsschlag ausholen. „Die Tiere müssen also in der Lage sein, die Beute festzuhalten und zu kontrollieren, ohne selbst verletzt zu werden“, erklärt Jonas Wolff. Und dabei helfen vermutlich die Polster aus feinen Härchen, die an den Beinen vieler Spinnen wachsen.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Wolfgang Nentwig von der Uni Bern haben die Kieler Forscher diese Haftpolster genauer unter die Lupe genommen. Sie bestehen aus speziellen Haaren, die sich an der Spitze in viele kleine Ästchen aufspalten. Dadurch können sie sich so eng an eine Oberfläche anlagern, dass molekulare Anziehungskräfte wirksam werden. Dieser Trick erlaubt es Geckos und manchen Insekten, an glatten Wänden oder sogar Fensterscheiben hochzulaufen. „Auch bei Spinnen hat man bisher angenommen, dass die Haftpolster vor allem zur Fortbewegung dienen“, sagt Wolff. Allerdings fanden die Forscher die vermeintliche Kletterausrüstung auch an Teilen der Beine, die beim Laufen keinen Kontakt zum Untergrund haben. Handelt es sich also doch eher um ein Hilfsmittel für die netzfreie Jagd?

Um das herauszufinden, haben die Forscher den Stammbaum der Spinnen nach Vertretern mit und ohne Hafthärchen durchkämmt. Tatsächlich besitzen mehr als 80 Prozent der frei jagenden Spinnen Haftpolster, bei den Netzbauerinnen dagegen ist es nur gut ein Prozent. Und es gibt noch ein weiteres Indiz dafür, dass die Härchen ursprünglich zum Beutefang gedacht waren: Im Laufe der Evolution haben verschiedene Spinnengruppen den Netzbau unabhängig voneinander aufgegeben – und dann fast jedes Mal ganz ähnliche Haftpolster entwickelt. „Spezielle Fußpolster zum Klettern an glatten Oberflächen sind Weiterentwicklungen aus diesem Beutefangapparat“, meint Wolff. Erst kamen die Jäger, dann die Akrobaten.

Unsere Empfehlung für Sie