Biomüll-Diskussion in Stuttgart Warum Kaffeekapseln nicht kompostierbar sein müssen

Von Alexander Ikrat 

Die Teilnehmer bei „Die Höhle der Löwen“, Julian Reitze und Stefan Zender aus Stuttgart, setzen in der aktuellen Debatte um kompostierbare Kaffeekapseln, die nicht in die Biotonnen dürfen, auf ein anderes Pferd.

Bekannt aus „Die Höhle der Löwen“: Julian Reitze (links) und Stefan Zender Foto: Björn Springorum
Bekannt aus „Die Höhle der Löwen“: Julian Reitze (links) und Stefan Zender Foto: Björn Springorum

Waiblingen/Stuttgart - Sie haben in „Die Höhle der Löwen“ überzeugt, Millionen-Investoren gefunden und sind sich mit diesen im Nachhinein doch nicht einig geworden. Julian Reitze und Stefan Zender reden in der aktuellen Debatte um kompostierbare Kaffeekapseln, die nicht in die Biotonnen dürfen, mit. „Unsere Kapseln sind zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen“, sagt Reitze – das sei anders als bei allen anderen Kapseln und habe genug Schlagkraft für Werbung.

Das Duo mit seiner Firma Rezemo hat Verständnis für Verbraucher, die sich hinters Licht geführt fühlen, wenn ein Hersteller seine Kapseln als „kompostierbar“ bewirbt. Denn die Kapseln dürfen gemäß deutscher Bioabfallverordnung nicht in die Biomüllverwertung, weil sie zu lange für die Zersetzung brauchen, und die meisten Verbraucher haben zu Hause eher eine Biotonne als einen Komposthaufen. „Es ist naheliegend, dass eine solche Werbung auf die falsche Spur führt. Das Kompostierbarkeitssiegel hat keinen Wert, weil es nichts über die Entsorgung aussagt“, sagt Stefan Zender, und Julian Reitze ergänzt: „Die Aussage ist aber richtig, da ist nichts dran auszusetzen.“

Kein Mikroplastik in die Umwelt

Nach den einschlägigen europäischen Normen ist etwas kompostierbar, wenn es sich innerhalb von zwölf Wochen unter bestimmten Bedingungen zu 90 Prozent zersetzt, oder zu Teilen, die kleiner als zwei Millimeter sind. „Wir haben uns gefragt, was mit den restlichen zehn Prozent ist“, sagt Jungunternehmer Reitze. „da reden wir dann von Mikroplastik, der in den Kreislauf gerät, und das ist für mich eine Farce.“ Dasselbe gilt für den Anteil von nachwachsenden Rohstoffen, der bei der Konkurrenz zwischen 30 und 62 Prozent beträgt. Nun sagen zwar Wissenschaftler wie Michael Kern vom Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie, dass auch Kunststoffe aus Rohöl abgebaut werden können, wenn sie nur in der richtigen Struktur hergestellt werden. Doch Reitze und Zender führen auch kompostierbare Kapseln vor, die in ihrem Inneren Aluminiumanteile haben und sagen: „Das Problem ist, dass die Hersteller versuchen, die Aluminiumkapseln mit nachwachsenden Rohstoffen 1:1 zu kopieren“ (Zender). Zum Beispiel die Haltbarkeit, die im Handel üblicherweise 18 Monate betrage. „Das schafft man mit nachwachsenden Rohstoffen nicht“, räumt Reitze ein. Dafür sind die Materialien zu durchlässig etwa für Sauerstoff.

Neun Monate Haltbarkeit reichen

Die beiden Wirtschaftsingenieure, die seit Anfang 2018 mit ihren Kaffee- und Espressokapseln auf dem Markt sind, gehen davon aus, dass deren Haltbarkeit von neun Monaten angesichts der aktuellen Debatte um Kunststoffprodukte locker reicht. „Unsere Kunden aus dem In- und Ausland bestellen alle vier bis sechs Wochen“, belegt der 27-jährige Reitze. Die Rezemo-Kapseln sind aus Holz aus baden-württembergischer Forstwirtschaft, aus Spänen von hiesigen Sägewerken und aus Pflanzenstärke (Mais, Zuckerrüben) aus Minnesota (USA). Ihre Kapseln können in der Restmüllverbrennung klimaneutral zu Energie verwertet werden, sich auf Müllkippen in anderen Ländern rückstandslos zersetzen, oder auch auf dem heimischen Komposthaufen zersetzen. „Da bleibt nichts hinterlassen“, sagt Reitze.

Die Geschäfte laufen so gut, dass die beiden gerade vom Stuttgarter Westen nach Waiblingen umgezogen sind und sich vergrößert haben. Sechs Mitarbeiter sind inzwischen an Bord. Auch andere Investoren als die Löwen haben sie gefunden.

Warum es mit letzteren dann doch nicht geklappt hat, wollen die beiden auch jetzt noch nicht verraten. Nur so viel: „Wir sind im Guten auseinander gegangen.“

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