Biontech, Moderna, Curevac & Co. Strategien für den Corona-Impfmarathon

Impfungen gelten als Schlüssel für die Coronafreiheit – aber sie werden weitergehen müssen. Foto: imago images/Eibner/Fleig

Wie bereiten sich die Corona-Impfstoffhersteller für die nächste Phase der Pandemiebekämpfung vor? Anpassung an Varianten oder Impfauffrischung versprechen ein Milliardengeschäft.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Das Rennen um einen Impfstoff gegen Corona war lange ein Sprint – und verwandelt sich jetzt in einen Marathon. Hoffnungen, dass durch die Impfkampagne und die damit angepeilte, sogenannte Herdenimmunität das Virus weitgehend verschwinden würde, sind obsolet. Neue Coronavarianten stellen bereits genehmigte Impfstoffe auf den Prüfstand. Und es ist absehbar, dass schon im Herbst Auffrischungsimpfungen notwendig werden. Wie steht es in dem Rennen um dieses Milliardengeschäft? Hier ein Überblick über die Strategien von Unternehmen mit EU-Verträgen.

 

Biontech: Der Platzhirsch will wenig ändern

Wenn man Biontech-Chef Ugur Sahin zuhört, muss sich für sein Unternehmen eigentlich nichts ändern. Sahin hat auch auf der jüngsten Hauptversammlung seines Unternehmens nachdrücklich betont, dass der aktuell verabreichte Impfstoff weiter funktioniert, höchstens mit leicht abgeschwächter Wirkung. Schon jetzt dominiert Biontech den Markt in der EU: In Deutschland stammen beispielsweise drei Viertel aller bisher verabreichten Dosen von diesem Unternehmen.

Und mit einem Anschlussvertrag über 1,8 Milliarden Dosen für die EU bis 2023, was für ein zweimaliges, vollständiges Durchimpfen der EU-Bevölkerung reichen würde, ist man in Europa zum Hoflieferanten geworden – und dürfte auch die entscheidende Rolle spielen, wenn sich die EU dafür entscheidet, Impfdosen an andere Länder weiterzugeben. Es ist sicher, dass auch Biontech an Impfstoffen für Varianten oder ein breiteres Wirkungsspektrum forscht. Doch solange die Geschäfte so gut laufen, muss man wenig ändern.

Moderna: Premium-Impfstoff für Europa

Hier sind die vereinbarten Impfstoffmengen in Europa geringer als die von Biontech. In Deutschland sind das bisher gut acht Prozent der Dosen – darunter war die Zweitimpfung von Angela Merkel. Bis Ende 2022 hat die EU inklusive Optionen 460 Millionen Impfdosen bestellt.

Doch Moderna wirbt mit der Anpassung auf Varianten und macht auch gut Wetter durch verlässliche und sogar vorgezogene Lieferungen in Europa. Aufgrund von Herstellungskapazitäten etwa in Spanien und der Schweiz kann man auch das EU-Kriterium der Liefersicherheit gut erfüllen. Als mit Abstand teuerster und in der Handhabung wegen der Kühlung schwierigster Corona-Impfstoff muss das US-Unternehmen verstärkt auf Märkte in den entwickelten Ländern setzen – und alles tun, um mit der EU im Geschäft zu bleiben.

Astrazeneca: Bei der EU unten durch

Dieses Unternehmen ist in Europa unten durch. Um die Lieferung versprochener Dosen hat man sich sogar vor Gericht gestritten. Im ersten Quartal hat das Unternehmen nur ein Viertel der vereinbarten Impfdosen geliefert. Und die EU hat klargemacht, dass man keinen weiteren Vertrag schließen wird. Astrazeneca arbeitet wie Moderna schon offensiv an einem Impfstoff für Varianten. Doch hier sind klar die mit Impfstoffen unterversorgten Märkte außerhalb Europas und Nordamerikas im Visier, wo auch die etwas niedrigere Wirksamkeit gegenüber den mRNA-Impfstoffen eine geringere Rolle spielt, der niedrigere Preis aber ins Gewicht fällt, der etwa bei einem Zehntel einer Dosis von Moderna liegt.

Johnson & Johnson: Einmalimpfstoff als Außenseiter

Trotz seiner auf den ersten Blick bestechenden, weil einfachen Dosis wird auch dieses Unternehmen in Europa wohl ein Außenseiter bleiben. In Deutschland stammen nur 2,5 Prozent der verimpften Dosen von diesem Hersteller. Auch dieser Hersteller fällt durch einen drastischen Lieferverzug auf. Zudem gibt es zur Wirksamkeit gegenüber der aktuellen Delta-Variante bisher keine belastbaren Daten. Es läuft allerdings bereits eine Praxiserprobung, ob der Impfstoff mit zwei Dosen wirksamer ist als mit einer. Und so kann man hoffen, etwas von anstehenden Ergänzungsimpfungen abzubekommen.

Curevac: Prinzip Hoffnung in Tübingen

Prinzip Hoffnung – mehr ist dem einstigen Hoffnungsträger aus Tübingen nach enttäuschenden Studienergebnissen nicht geblieben. Nachdem auch in der finalen Auswertung über alle Altersgruppen der Impfstoff unter der 50-Prozent-Wirksamkeitsschwelle liegt, setzt man nun darauf, dass man zumindest in der Altersgruppe von 18 und 60 in Europa eine Zulassung erreichen kann, weil man hier mit 53 Prozent die Schwelle erreicht hat und gegen schwere Verläufe immerhin auf 77 Prozent kommt. Falls es eine Zulassung gibt, sieht man die EU auch in einer vertraglichen Abnahmepflicht von 405 Millionen Dosen einschließlich Optionen. Das Unternehmen richtet seine Produktion weiterhin darauf aus, auch wenn Deutschland bereits signalisiert hat, dass der Curevac-Impfstoff nicht mehr Teil der Impfkampagne ist. Denkbar ist beispielsweise, dass der relativ leicht handhabbare Impfstoff von Europa an andere Länder abgetreten wird, wo es noch für längere Zeit an Vakzinen mangeln wird.

Curevac muss jetzt langfristig denken. Im Gegensatz zu Biontech, wo man sich auf dem bestehenden Produkt etwas ausruht, könnten die Tübinger bei Impfstoffen der zweiten Generation, die ein größeres Spektrum an Virenvarianten abdecken, noch eine Rolle spielen. Hier ist man in Zusammenarbeit mit dem britischen Pharmakonzern GSK Anfang des Jahres früh gestartet. Für ein Erfüllen der bestehenden Verträge mit der EU kommt dieser Impfstoff aber zu spät.

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