Biontech plant Schließung Curevac in Tübingen – ein Niedergang mit Ansage

Bis Ende 2027 will Biontech den Standort Tübingen aufgeben. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Biontech will den vor Monaten übernommenen Standort Tübingen schließen. Dies ist auch ein Rückschlag für die Landesregierung und die Biotechnologiebranche, meint unser Autor.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Es ist fast ein Jahr her, als der damalige Curevac-Chef Alexander Zehnder noch schwärmte, dass er die angekündigte Übernahme durch Biontech mittel- bis langfristig als sehr positiv für den Standort Tübingen bewerte. War es Opportunismus? Naivität? Selbsttäuschung? Kompetenzmangel? Nun steht der Standort ein halbes Jahr nach der abgeschlossenen Integration vor dem Aus. Dies ist ein schwerer Schlag nicht nur für die Beschäftigten, die sich Hoffnungen auf sichere Arbeitsplätze gemacht haben, sondern auch für den Forschungsstandort Baden-Württemberg und die Innovationshochburg Tübingen. Dies ausgerechnet zum Start einer Landesregierung, die mit Schlüsseltechnologien der Zukunft punkten will.

 

Die Abwicklung könnte lange vorbereitet sein

Allein die Übernahme war anrüchig; Biontech konnte so rechtliche Streitigkeiten mit hohen finanziellen Risiken elegant aus dem Weg räumen. Immerhin sollen die Mainzer bei der Entwicklung des Covid19-Impfstoffs Comirnaty Patentrechte des Wettbewerber verletzt haben. Denkbar ist, dass damals der Plan ausgeheckt wurde, den Standort Tübingen alsbald ganz abzuwickeln. Warum dann jetzt noch mit der Arbeitnehmervertretung verhandeln?

Bei Curevac war schon zuvor lange Zeit vieles schiefgelaufen. Insbesondere ist es während der Pandemie nicht gelungen, ein marktfähiges Vakzin zu etablieren. Über Jahre wurden tiefrote Zahlen geschrieben, wichtige Impfstoffrechte mussten verkauft werden. Den Reibach mit Corona machten andere, vor allem Biontech, das nun ebenso Verluste ausgleichen muss.

In der Forschung hingegen waren die Tübinger mRNA-Pioniere – angefangen mit Gründer Ingmar Hoerr – stets ausgezeichnet. Dies weckte auch Begehrlichkeiten der Konkurrenz. Denn für die Zukunft besteht insbesondere in der Krebsbekämpfung ein riesiges Spielfeld, auf dem sich mit Innovationen viel Geld verdienen lässt. Doch nun sind die Abbaupläne von Biontech für mehrere Produktionsstätten auch ein Rückschlag für die deutsche Biotechnologie-Branche.

Aufrufe zu Rettungsmaßnahmen könnten verhallen

Letztlich wird der schwäbische Erfindergeist einer kühlen Logik von Managern geopfert, die den Finanzmärkten stete Wertsteigerungen in Aussicht stellen müssen. Ingmar Hoerr war ohnehin schon auf Distanz zum Unternehmen. Nun sieht er sein Lebenswerk am Boden und kritisiert den Kahlschlag so heftig wie kein anderer. Mit Nostalgie lässt sich im internationalen Wettbewerb aber nicht bestehen. So werden alle Aufrufe zu Rettungsmaßnahmen für den Standort wahrscheinlich fruchtlos bleiben.

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