Biontech-Verknappung Südwest-Ärzte greifen Spahn an: „Denkbar miserabler Abgang“

Künftig soll vermehrt der Impfstoff von Moderna gespritzt werden. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam
Künftig soll vermehrt der Impfstoff von Moderna gespritzt werden. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Der Noch-Gesundheitsminister steht wegen der Entscheidung, die Biontech-Lieferungen an die Praxen zu drosseln, heftig in der Kritik. Am schärfsten attackiert der Chef der Landes-KV, Norbert Metke.

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Berlin - Die Ankündigung das noch geschäftsführenden Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU), die Arztpraxen mit weniger Biontech-Impfstoff zu versorgen, hat am Wochenende zu heftiger Kritik sowohl aus den Reihen der Politik als auch seitens der Ärzteschaft geführt.

In einem Schreiben an die Länder hatte der Minister angekündigt, dass Praxen vorerst maximal 30 Dosen Biontech pro Woche bestellen können, Impfzentren und mobile Impfteams 1020 Dosen. Der Grund ist, dass das Präparat von Moderna bei den Auffrischungsimpfungen vermehrt zum Einsatz kommen soll. Andernfalls drohten eingelagerte Moderna-Dosen ab Mitte des ersten Quartals 2022 zu verfallen, was vermieden werden müsse. Für Bestellungen von Moderna soll es deswegen auch keine Höchstgrenzen geben.

Ankündigung kam „völlig überraschend“

Die Reaktionen aus der Ärzteschaft fielen äußerst massiv aus. Norbert Metke, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg, nannte die Entscheidung Spahns einen „denkbar miserablen Abgang eines Ministers, der vor allem durch hektische, handwerklich schlechte Betriebsamkeit in seiner hyperaktiven Gesetzgebungsmaschinerie aufgefallen war“. Spahns Hinweis, dass Moderna ebenfalls ein hochwirksamer Impfstoff sei, sei zwar richtig, treffe das Problem aber nicht. Die Ankündigung werde „zu weiterer Verunsicherung in der Bevölkerung führen, was wiederum zahlreiche Diskussionen in den Praxen zur Folge hat. Genau dafür haben die Praxen aber keine Zeit.“ Hinzu komme, „dass es die Praxen zusätzlich organisatorisch belastet, was ebenso aktuell inakzeptabel ist“. Die Ankündigung sei für die Ärzte „völlig überraschend“ gekommen.

„Absolut nicht nachvollziehbar“

Stephan Hofmeister, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), warf Spahn vor, den Ärzten „Knüppel zwischen die Beine zu werfen“. Das sei „fatal“, weil die Praxen gerade auf einen Impfrekord zusteuerten. „Das Impftempo droht verlangsamt zu werden“, kritisierte auch der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen. Das Problem von Spahns Idee sei, dass das Ministerium für den Impfstoff die Bestellmengen kontingentiere, „mit dem die meisten Patienten ihre Grundimmunisierung erhalten haben und den sie gewohnt sind“.

Auch der baden-württembergische Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) übte Kritik. Er nannte Spahns Entscheidung „absolut nicht nachvollziehbar“. Sie schwäche die Impfkampagne und lasse „all unsere Kraftanstrengungen ins Leere laufen“. Die Menschen jetzt kurzfristig zu überreden, Moderna statt Biontech zu wählen oder sich für eine Kreuzimpfung zu entscheiden, sei „in dieser Phase der Pandemie widersinnig“. Lucha fürchtet: „Am Ende haben wir wieder unendlich viele Impfangebote, aber nicht genügend Impfstoff, wie im vergangenen Frühjahr.“ Er forderte den Bund auf, die Entscheidung zu korrigieren.

Zwei hochwirksame Impfstoffe

Spahn widersprach Luchas Befürchtung. Mit Biontech und Moderna gebe es zwei exzellente und hochwirksame Impfstoffe. Von beiden gebe es in Deutschland genug, um bis Jahresende 50 Millionen Menschen zu impfen, sagte Spahn. „Ich kann versprechen, dass jeder, der sich impfen lassen will, einen guten, sicheren und wirksamen Impfstoff bekommt.“ In manchen Studien zur Wirkung von Auffrischungsimpfungen schneide eine dritte Impfung mit Moderna sogar besser ab als eine mit Biontech.

Auch aus den Reihen der Ampelkoalitionäre kamen kritische Reaktionen. Der grüne Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen warnte vor einer „Handbremse beim Impfen“. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wies darauf hin, dass das nahende Verfallsdatum der Moderna-Impfdosen bekannt gewesen sei. Man hätte darauf früher reagieren können, etwa durch Verteilung an andere Länder. Der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich hat im Gespräch mit unserer Zeitung vorgeschlagen, einen weiteren Impfweg zu eröffnen und Moderna in Apotheken verimpfen zu lassen. „Das könnte schnell gehen und der Impfkampagne neuen Schub verleihen“, sagte Hennrich.




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