Litauens Regierung hat im Biotech-Sektor ehrgeizige Ziele. Foto: Imago/Alexander Limbach
Litauen wirbt mit qualifizierten Fachkräften, schnellen Genehmigungsprozessen und niedrigen Steuern um Investoren aus dem Ausland. Große Hoffnungen setzt das Land im Baltikum auf seinen schnell wachsenden Biotech-Sektor.
Neben dem Eingang steht ein mannshohes Modell des Erbmoleküls DNA. Auf der Treppe im Foyer setzt sich die wendelförmige Struktur fort. Virgilijus Kupinas öffnet die Tür zu einem Besprechungsraum, der mit dunklem Holz getäfelt ist. Der junge Mann ist Marketingleiter bei Northway Biotech in Litauens Hauptstadt Vilnius. Das Unternehmen wurde 2004 gegründet und produziert für andere Pharmafirmen therapeutisch wirksame Proteine – etwa Antikörper zur Bekämpfung von Krankheitserregern.
In den Labors sieht man hinter dicken Glasscheiben chromglänzende Behälter, dazwischen Rohre, Messgeräte und Pumpen. Die größten dieser Bioreaktoren fassen 5000 Liter. Im Inneren wachsen in Nährlösungen Bakterien oder Säugetierzellen, denen per Gentechnik der Bauplan der gewünschten Moleküle eingebaut wurde. Daher das DNA-Modell im Eingangsbereich. Künftig will Northway auch Produkte für Gentherapien herstellen oder aus Stammzellen künstliche Gewebe und Organe züchten. Bislang hat die Firma mit gut 160 Mitarbeitern nach eigenen Angaben weder öffentliches Fördergeld noch Steuervergünstigungen erhalten.
„Litauer lieben Innovationen“
Northway Biotech gilt in Litauens Biotechbranche als Vorzeigeunternehmen. Litauen rühmt sich unter anderem mit einem großen Angebot hoch qualifizierter Fachkräfte. Tatsächlich hatten 2022 laut der EU-Statistikbehörde gut 58 Prozent der erwachsenen Bevölkerung einen Hochschulabschluss oder eine vergleichbare Qualifikation. Der EU-Durchschnitt liegt bei 42 Prozent. Bei höher gebildeten Frauen liegt Litauen mit gut 67 Prozent auf Platz eins.
Ein wichtiger Pluspunkt ist aus Sicht der Wirtschafts- und Innovationsministerin Ausrine Armonaite auch die fortschrittsfreundliche Einstellung der Bevölkerung. „Wir Litauer lieben Innovationen“, sagt die 34-Jährige. Das zeige sich auch in der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung oder des Gesundheitswesens. Es gebe sogar bereits Überlegungen für eine rein digitale Staatsbürgerschaft – man könnte dann gewissermaßen E-Litauer werden, ohne in dem Land zu wohnen. Wenn ein Reiseteilnehmer aus Deutschland zum Arzt muss, geht das allerdings noch nicht komplett digital über die Bühne: Die Formulare, die er ausfüllen muss, sind immer noch aus Papier.
Litauen: ein aufstrebender Kleinstaat Foto: Zapletal
Die Ministerin, die nach einer Klavierausbildung Politikwissenschaften studiert hat, verweist zudem auf schnelle Verwaltungsprozesse. Firmengründungen seien in 24 Stunden online möglich. „Der Autozulieferer Continental hat in neun Monaten eine neue Fabrik hingestellt – von der Genehmigung bis zur Fertigstellung“, berichtet Armonaite stolz.
Biotech-Umsatz soll sich verdoppeln
Besonders ehrgeizige Ziele verfolgt das Land in den Lebenswissenschaften – neudeutsch: Life Sciences. Dazu zählen neben Biotechnologie und Pharmazie auch medizinische Geräte oder Dienstleistungen rund um die Entwicklung von Medikamenten. Bis 2030 soll der Sektor fünf Prozent zur Wirtschaftsleistung beitragen. Gemessen am aktuellen Stand von 2,7 Prozent wäre das in sieben Jahren fast eine Verdopplung. Zum Vergleich: In Deutschland stammen etwa 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus den Lebenswissenschaften.
Zum Wachstum des litauischen Life-Science-Sektors tragen bislang maßgeblich ausländische Unternehmen bei, die dem Land investieren. So avancierte die litauische Dependance des US-Labortechnikspezialisten Thermo Fisher in der Coronapandemie zum größten einzelnen Steuerzahler. Neben etablierten Konzernen spielen aber auch neu gegründete heimische Unternehmen eine wachsende Rolle.
Künstliche Organe aus 3-D-Drucker
Einige dieser Start-ups präsentierten sich jüngst auf der Fachmesse Life Science Baltics in Vilnius. Vital 3D Technologies arbeitet etwa an künstlichen Organen aus dem 3-D-Drucker. Das Institut für Biomedizin der Technischen Universität Kanaus hat zusammen mit einem privaten Partner eine Uhr entwickelt, die genauer als gewöhnliche Fitnessuhren die Herztätigkeit überwachen soll. Wichtigstes Einsatzgebiet sei die Rehabilitation von Herzpatienten.
In einem modernen Gebäude mit viel Beton und Glas residiert das Life Science Center der Universität Vilnius. „Derzeit haben wir 1500 Studierende im Bereich Life Science“, sagt Direktor Daumantas Matulis. Zudem beherberge das Zentrum zehn Start-up-Unternehmen. Viele Absolventen aus den Lebenswissenschaften gingen erst mal ins Ausland, um dort Karriere zu machen, erzählt der Professor. Aber in jüngerer Zeit kämen auch etliche von ihnen wieder zurück, um in Litauen zu arbeiten.
Crispr-Pionier als Werbeträger
Beim Rundgang im Life Science Center steht auch ein Besuch bei Caszyme auf dem Programm. Das Unternehmen wurde 2017 von Virginijus Siksnys gegründet. In Fachkreisen ist der Wissenschaftler als Mitentwickler der revolutionären Genschere Crispr bekannt. Sie ermöglicht präzise Eingriffe ins Erbgut und könnte in Zukunft auch bei der Heilung von Erbkrankheiten helfen.
Dass am Ende nicht Siksnys, sondern die Französin Emanuelle Charpentier und die Amerikanerin Jennifer Doudna den Nobelpreis für ihre Crispr-Forschung erhalten haben, ist womöglich einem dummen Zufall geschuldet: Der von ihm eingereichte wissenschaftliche Aufsatz wurde beim Fachblatt „Cell“ nicht angenommen, weil der zuständige Redakteur die Bedeutung der Methode nicht erkannte. Wenige Wochen später erschien dann der Artikel von Charpentier und Doudna im Journal „Science“.
Die Litauer hält das nicht davon ab, Siksnys als Werbeträger zu nutzen. Er gehört gewissermaßen zur DNA des aufstrebenden Biotechstandorts.
Litauen – Aus der Sowjetunion in die Unabhängigkeit
Geschichte Litauen war vom 13. bis ins 18. Jahrhundert ein Großfürstentum. 1569 wurde es ein Teil Polens. 1795 fiel es an Russland und Preußen, das seinen Anteil 1807 an Russland verlor. 1918 erklärte sich Litauen zur souveränen Republik. 1940 wurde es von der Sowjetunion okkupiert, 1990 erlangte es seine Unabhängigkeit zurück. Von 1941 bis 1944 war Litauen von der deutschen Wehrmacht besetzt.
Bevölkerung Zum Zeitpunkt der Loslösung von der Sowjetunion im Jahr 1990 lag die Einwohnerzahl bei 3,8 Millionen. Weil seitdem sehr viele Menschen ausgewandert sind, zählt das Land aktuell nur noch rund 2,8 Millionen Einwohner. 85 Prozent der Bevölkerung sind gebürtige Litauer. Dahinter folgen Polen (6,6 Prozent) und Russen (5,1 Prozent).