Birgit Hannemann in Weinsberg Was eine Bürgermeisterin aushalten muss: Chefin der Weibertreustadt erzählt

Birgit Hannemann am Wahrzeichen ihrer Gemeinde – der Burgruine Weibertreu Foto: Philipp Schulte

Birgit Hannemann ist Bürgermeisterin von Weinsberg, wo einer Sage nach besonders mutige Frauen leben. Da passt es, dass sich jetzt alle Bürgermeisterinnen des Landes hier treffen.

Sie nimmt die Sachen gerne selber in die Hand. Wenn nötig, auch mal einen Schrankenzaun. Birgit Hannemann hält mitten auf der schmalen Straße an, die sich hoch zur Burgruine schlängelt. Sie hebt die Barriere an und stellt sie am Straßenrand ab. Dann zieht sie noch die schwarze Fußplatte von der Fahrbahn. Weg frei.

 

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Birgit Hannemann, 45, als Bürgermeisterin der Kleinstadt Weinsberg, wenige Kilometer entfernt von Heilbronn. Sie ist die erste Frau an der Spitze der Stadt und sagt über ihren Job: „Es ist der „schönste, den ich mir vorstellen kann.“ Obwohl man immer wieder von Kommunalpolitikern hört und liest, denen viel Gegenwind entgegenschlägt? Obwohl es ein Job ist, der viele Herausforderungen und ständige Termine mit sich bringt?

Weinsberger Frauen retteten ihren Männern mit einem Trick das Leben

Ja. Denn Birgit Hannemann kann genau das machen, was sie am meisten mag: Gemeinsam mit anderen Menschen etwas auf die Beine stellen. Das heißt für sie vor allem eines: Viele Gespräche führen – und dabei, das ist ihr wichtig, selbst stets eine normale Bürgerin und am Boden zu bleiben.

Birgit Hannemann ist eine besondere Bürgermeisterin. Denn es gibt zu Weinsberg mit seinen 13 200 Einwohnern eine Geschichte. Birgit Hannemann erzählt sie gerne. „Weibertreustadt“ wird die Stadt genannt, weil einer Sage zufolge im Mittelalter die Frauen des Ortes ihre Männer vor dem sicheren Tod bewahrten. Stauferkönig Konrad belagerte anno 1140 die Weinsberger Burg, drohte sie einzunehmen und alle Bewohner umzubringen. Er gewährte nur den Frauen, die Burg zu verlassen. Sie durften lediglich mitnehmen, was sie tragen konnten. Also schleppten die Frauen ihre Männer auf dem Rücken den Berg hinunter. Der König staunte – und ließ alle gehen.

Mit Mut und Zusammenhalt

Heute spielen sie in Weinsberg das Ereignis mindestens einmal im Jahr nach, mit deutlich verkürztem Weg wohlgemerkt. Sogar Bürgermeisterin Hannemann machte bereits bei der Aufführung mit und trug einmal einen Mann und zweimal einen Jungen auf dem Rücken. Sie beeindruckt der Mut und Zusammenhalt der Weiber von Weinsberg. „Mit Mut und Zusammenhalt“ – so möchte sie auch die Geschicke der Stadt führen. Nach vier Männern ist sie die erste Rathauschefin der Nachkriegszeit in Weinsberg.

Sie ist nicht zum ersten Mal Bürgermeisterin: Von 2012 bis 2020 war sie Rathauschefin im nahe gelegenen Erdmannhausen, danach Geschäftsführerin eines Vereins für Familienpflege und organisierte Nachbarschaftshilfe. Doch sie merkte schnell: Ihr fehlte das Amt. Und als in Weinsberg ein Bürgermeister gesucht wurde, entschied sie sich für eine erneute Kandidatur.

Das Bürgermeisteramt ist ihr Traumjob. Auch wenn das Arbeitspensum sportlich ist, auch wenn zum Traumjob beispielsweise gehört, regelmäßig stundenlange Gemeinderatssitzungen zu leiten – manchmal bis Mitternacht. Außerdem Dokumente abzuzeichnen, Baupläne zu lesen, Jahreshauptversammlungen zu besuchen, häufig kein freies Wochenende zu haben. Jeden Tag hat Birgit Hannemann im Schnitt fünf bis sechs Termine, muss stets freundlich sein. Eine richtige Mittagspause macht sie nicht – stattdessen checkt sie die zahlreichen E-Mails und isst nebenbei ein Rosinenbrötchen.

Frauen sind in diesem Beruf selten

Nachdem Bürgermeisterin Birgit Hannemann die Straßensperre ordnungsgemäß wieder aufgebaut hat, nähert sie sich der Burg. Von unten sieht man zwei gut erhaltene Türme und die Ringmauer. Je höher man kommt, desto steiler wird’s, irgendwann parkt Birgit Hannemann ihren Audi Q4 auf einer Seitenstraße.

Hannemann in ihrem Büro Foto: Philipp Schulte

Als Bürgermeisterin ist Birgit Hannemann in Deutschland eine Ausnahme, die meisten Amtsinhaber sind männlich. Es gibt hierzulande rund 10 750 Städte und Gemeinden, die einen haupt- oder ehrenamtlichen Bürgermeister haben. In nur etwa jeder siebten Gemeinde leitet eine Frau die Geschäfte. Der Frauenanteil liegt im Bundesdurchschnitt bei 13,5 Prozent. Das sind Schätzungen, exakte Daten fehlen, da das Geschlecht nicht offiziell erfasst wird. Die höchsten Frauenanteile verzeichnen Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mit rund 18 Prozent. Schlusslicht ist das Saarland mit sechs Prozent. Baden-Württemberg weist – auf der viertletzten Position – zehn Prozent Frauenanteil auf, was gut einhundert Bürgermeisterinnen entspricht.

Jetzt treffen sich alle Bürgermeisterinnen in Weinsberg

Seit mehr als drei Jahrzehnten treffen sich die Oberbürgermeisterinnen und Bürgermeisterinnen aus Baden-Württemberg einmal im Jahr. Das Treffen findet dieses Jahr von Donnerstag bis Samstag, 11. bis 13. September, in Weinsberg statt – zum ersten Mal überhaupt. 115 Kolleginnen hat Birgit Hannemann eingeladen. Angekündigt haben sich 36. Alle Bürgermeisterinnen Baden-Württembergs sind auch in einer Whatsapp-Gruppe miteinander verbunden.

Ins Leben gerufen wurde das Treffen 1994 von Monika Chef (Gemmrigheim, Kreis Ludwigsburg), Anette Rösch (Wannweil, Kreis Reutlingen) und Isolde Schäfer (Stühlingen, Kreis Waldshut). Das erste Treffen fand in Wannweil statt. Dieses Jahr beginnt es in Weinsberg mit einer Führung durch die Landesversuchsanstalt für Wein- und Obstbau, abends geht es in eine Kneipe. Am Freitag schauen sich die Bürgermeisterinnen den Breitenauer See zum Thema Hochwasserschutz an. Danach reden sie über aktuelle Themen wie die Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Am Samstag steht unter anderem ein Besuch der Burg Weibertreu an. Die Kinder der Bürgermeisterinnen erhalten ein separates Programm: Sie werden in einer Kita betreut, zwei Pädagogen kümmern sich „mit einem bunten Programm“ um die älteren Kinder. Auf der Burg Weibertreu erhalten sie eine eigene Führung.

Apropos Kinder. Dass das Bürgermeisteramt mit den vielen Abendterminen nicht gerade familienfreundlich sei, sagt Hannemann, Mutter von drei Kindern, ganz offen. Und zu den Terminen am Abend kommen dann noch die am Samstag und Sonntag hinzu. An Wochenenden besucht sie oft Jahreshauptversammlungen der Feuerwehr und des Sportvereins, Erdbeerfeste und Ballettvorführungen. Auch zu Geburtstagsfeiern von Bürgern, die 80, 90 oder 100 Jahre alt werden, ist sie eingeladen.

Neben dem Kernort verteilt sich Weinsberg auf die drei weiteren Ortsteile Gellmersbach, Grantschen und Wimmental, die dörflichen Charakter und eigene Vereine haben. Sie wollen ebenfalls, dass die Bürgermeisterin vorbeischaut. Zeit, für jede Veranstaltung eine lange Rede zu schreiben, hat Birgit Hannemann nicht. Sie geht häufig bei der Anfahrt kurz im Kopf durch, was sie sagen will. Meistens knüpft sie an das letzte große Event des Vereins an. Das klappe immer ganz gut, meint sie.

Hannemann ihr Ex-Mann betreuen die drei Kinder im Wechselmodell

Bei der Weinsberger Bürgermeisterwahl 2023 setzte sich Birgit Hannemann als parteilose Kandidatin gegen vier männliche Konkurrenten durch. 52 Prozent der Stimmen erhielt sie, im Januar 2024 wurde sie ins Amt eingeführt, sie verdient rund 8000 Euro monatlich. Als Bürgermeisterin ist sie auch Chefin der Feuerwehr, die sie „meine Jungs“ nennt. Und außerdem Chefin von 280 Mitarbeitern der Stadtverwaltung.

Nach einer Stunde auf der Burg läuft Birgit Hannemann zurück zum Auto. Es wartet unten, na klar, die Straßensperre, doch auch jetzt ist die schnell beiseitegeschoben. Am Rathaus angekommen, führt der Weg über die Vorzimmer 132 und 133 in Birgit Hannemanns Büro. Auf einem Tisch liegt die Lokalzeitung „Heilbronner Stimme“. Die liest Birgit Hannemann meist schon am Vorabend digital. Ihr Büro ist geräumig, an den Wänden hängen ein Ölgemälde, ein Kunstdruck sowie drei kleinere gerahmte Bilder. Die haben ihre Kinder gemalt.

Birgit Hannemann ist geschieden, ihre drei Kinder sind zehn und zweimal sieben Jahre alt. Ihr Ex-Mann und sie betreuen die Kinder im Wechselmodell. Sie verstehen sich gut, ohne seine Unterstützung und die seiner neuen Frau könnte Birgit Hannemann „den Spagat zwischen dem Amt als Bürgermeisterin und Mutter von drei Kindern nicht meistern“, sagt sie.

Dass sie geschieden drei Kinder großzieht, war im letzten Wahlkampf durchaus mal Thema. Es gab vereinzelt Aussagen wie „Wir halten Sie fachlich zwar für die Beste, aber . . .“ bis hin zu: „Die Kinder brauchen ihre Mutter.“ Hannemann: „Wenn man dann nicht überzeugt ist, das Amt wirklich zu machen, wird es schwierig.“

Doch es gab auch andere Stimmen. Die kamen besonders von Älteren, etwa Mitgliedern der Landfrauen. Da hieß es: „Wir sind früher aufs Feld, unsere Kinder sind auch groß geworden. Die Kinder kamen halt mit oder Oma hat aufgepasst.“ Auch jetzt noch bemerkt Birgit Hannemann immer wieder einen Aha-Effekt. Wenn sie erzählt, dass ihr Vater bei der Kinderbetreuung hilft, hört sie: „Ach ja, Opa-Dienst haben wir auch. Ach ja, wir holen auch das Enkelkind von der Kita ab, sonst könnte unsere Tochter gar nicht so viel arbeiten.“ Oft brauche es einfach ein bisschen Erklärung, sagt Birgit Hannemann.

Manche beschweren sich über Facebook, Rentner maulen am Telefon

Das Bürgermeisteramt ist auch ein Job, in dem Birgit Hannemann viel aushalten muss. Die Leute lassen sich auf Facebook über die Stadtverwaltung aus, weil eine Straße wegen Glasfaserausbaus blockiert ist und sich der Verkehr staut. Sie beschweren sich, dass ein Parkplatz wegen eines Stadtfests gesperrt ist. Rentner rufen an und meckern, weil sie nicht mehr günstiger als andere Badegäste ins Freibad kommen. Im Vergleich zu ihrer ersten Amtszeit in Erdmannhausen sei der Ton rauer geworden, sagt Birgit Hannemann. „Die Leute sehen weniger ihre Vorteile wie schnelleres Internet und ein schönes Stadtfest, sondern eher die Nachteile.“

Entspannung in Oberstdorf

Wenn Birgit Hannemann mal ein paar Tage Urlaub hat, fährt sie gerne allein ins Allgäu. „In ein schönes Hotel“, sagt sie. Sie mag es, in eine Bergbahn zu steigen und oben am Gipfel herumzulaufen. Nach Oberstdorf sind es von Weinsberg aus drei Stunden. „Das bietet sich bei meinem engen Terminkalender an.“ Ein bisschen Abstand, ein bisschen Ruhe: Das kann gelegentlich guttun.

Auch Birgit Hannemanns Kinder begreifen so langsam, was der Job der Mutter bedeutet. Dann heißt es: „Ach ja, du bist ja Bürgermeisterin, da musst du dich darum kümmern.“ Etwa, wenn sie zu einem Feuerwehreinsatz fährt und ihre Feuerwehrjacke mit der Aufschrift „Bürgermeisterin“ anzieht. Wichtig ist ihr: Die Kinder sollen verstehen: Bürgermeisterin zu sein, ist nicht etwas Überragendes. Und sie ist immer auch eine ganz normale Bürgerin.

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