Stuttgart - Das Einläuten einer neuen Ära geschieht dann doch holpriger als gedacht. Als die Präsidentin der württembergischen Landessynode, Sabine Foth, am Samstagmorgen zur Abstimmung über das Gremium bittet, das eine mögliche Nachfolgerin oder einen Nachfolger für Bischof Frank Otfried July finden soll, stockt der Vorgang überraschend. Einige der 81 teilnehmenden Kirchenparlamentarier haben sich bei dieser auch im Internet stattfindenden Tagung in den falschen Chat verirrt. „Es ist gut, dass wir hier noch etwas zu lachen haben“, sagt Foth amüsiert zu der kleinen Panne. Bald läuft aber alles reibungslos: der 14-köpfige Nominierungsausschuss wird einstimmig gewählt. Er bereitet nun dem Abschied des dienstältesten aller Bischöfe der Evangelischen Kirche in Deutschland den Weg.
Seit 2005 steht July an der Spitze der Landeskirche. Er kam in demselben Jahr ins Amt wie die Bundeskanzlerin, und er wird – wenn er in einem Jahr zu seinem 68. Geburtstag in den Ruhestand tritt – länger durchgehalten haben als Angela Merkel. Wer July beerbt, darüber berät nun der Nominierungsausschuss. Er soll höchstens drei Kandidaten zur Wahl im nächsten Frühjahr vorschlagen.
Die schmerzhaften Beschlüsse sind umstritten
Doch nicht nur wegen der personellen Erneuerung an der Spitze brechen andere Zeiten an – wegen des absehbaren Minustrends werden es vermutlich auch härtere Zeiten für die Landeskirche sein. Die Mitgliederzahlen sinken, die finanziellen Spielräume schwinden. Waren im vergangenen Jahr die Kirchensteuereinnahmen wegen der Wirtschaftskrise in der Pandemie um fast zehn Prozent auf rund 715 Millionen Euro eingebrochen, gibt es 2021 vermutlich ein leichtes Plus auf etwa 720 Millionen Euro.
Gleichwohl rechnet der Finanzdezernent der Landeskirche damit, dass die Einnahmen inflationsbereinigt deutlich sinken werden. „Es besteht eine erhebliche Lücke zwischen Ertrag und Aufwand“, sagt Martin Kastrup vor der Synode. Um den „wirtschaftlichen Absturz“ zu vermeiden, müsse gekürzt werden. Die Kirchenleitung schlage jährliche Einsparungen von 0,9 Prozent vor, sagt er. Bei den Gemeinden sollen es 0,7 Prozent sein. Doch die absehbar schmerzhaften Beschlüsse sind umstritten. Zwar hat ein Sonderausschuss eine Kriterienliste vorgelegt dafür, wo die Schwerpunkte der kirchlichen Arbeit liegen sollen, aber was daraus konkret folgt, bleibt zunächst unklar. Der progressive Gesprächskreis „Offene Kirche“ (OK) etwa lehnt die 0,9-Prozent-Vorgabe ab. „Es gibt enorme Haushaltsüberschüsse“, meint Martin Plümicke von der Gruppe. Das Geld wandere aber in den Sparstrumpf. Es werde eine depressive Stimmung verbreitet, doch mit Investitionen lasse sich der Mitgliederrückgang womöglich stoppen.
Die Kürzung „mit dem Rasenmäher“ droht
Ganz anderer Meinung ist da Tobias Geiger von der „Lebendigen Gemeinde“. Die Austritte stiegen, die Taufen würden weniger. Die anderen Landeskirchen müssten ebenso sparen wie Württemberg, sagt der Vorsitzende des Finanzausschusses und fordert die OK zum „Faktencheck“ auf. Christoph Schweizer von „Evangelium und Kirche“ wiederum mahnt, „Hierarchien auf den Prüfstand“ zu stellen. Außerdem solle die Medienkompetenz in der Fläche erhöht werden. Förderbedarf sieht auch Marion Blessing von „Kirche für morgen“: Die Ehrenamtlichen seien zu stärken. „Sie sind die DNA unserer Kirche“. Einen weiteren Wunsch hat Rainer Köpf. Der Pfarrer verlangt mehr Beachtung für die Kirchenmusik: „Da gibt es eine Gerechtigkeitslücke.“
Einige Redner mahnen aber auch die Verringerung des Gebäudebestands an. Für Kastrup jedenfalls ist wichtig, dass die Kirche sich nächstes Jahr an die Umsetzung macht. Andernfalls, so lässt er durchblicken, drohe die Kürzung „mit dem Rasenmäher“.