Seit fast 500 Jahren wird die evangelische Landeskirche in Württemberg von Männern geleitet. Bei der Bischofswahl am kommenden Donnerstag im Stuttgarter Hospitalhof könnte sich das ändern. Dann bewirbt sich die Theologin Viola Schrenk um die Nachfolge von Frank Otfried July, der im Juli die Altersgrenze von 68 Jahren erreicht. Sie konkurriert dabei mit zwei Männern. Es dürfte spannend werden. Wegen der geforderten Zwei-Drittel-Mehrheit könnten sich die konservativen und die progressiven Kräfte gegenseitig blockieren.
Der bekannteste unter den drei Kandidaten für die künftig auf zehn Jahre begrenzte Amtszeit als Bischof ist Ernst-Wilhelm Gohl. Der 58-jährige Dekan am Ulmer Münster war zuletzt wegen einer Impfaktion an Weihnachten Ziel von Hassmails geworden. Landesweites Aufsehen erregte er auch, als er eine als rassistisch empfundene Königsfigur aus der Weihnachtskrippe des Münsters entfernte. Zuletzt engagierte er sich bei Friedensgebeten und Demonstrationen gegen den Ukraine-Krieg. Der 56-jährige Gottfried Heinzmann ist Vorstandsvorsitzender der „Zieglerschen“ in Wilhelmsdorf, einem diakonischen Unternehmen mit 56 Standorten vor allem in Oberschwaben, den Kreisen Esslingen und Tübingen. Vorher war er neun Jahre lang Landesjugendpfarrer. Die 51-jährige Viola Schrenk arbeitet als Studieninspektorin am Evangelischen Stift in Tübingen, wo der württembergische Pfarrernachwuchs ausgebildet wird. Zuvor promovierte sie am Institut für Christlich-Jüdische Studien der Humboldt-Universität Berlin und war später Gemeindepfarrerin in Waldhausen. Sie wäre die erste Frau in diesem Amt in der Landeskirche Württemberg. Auch die badische Landeskirche hat vor kurzem eine Frau an ihre Spitze gewählt.
Wer darf wählen?
Zuständig ist die Landessynode, die sich diese Woche zu ihrer Frühjahrstagung trifft. Die 90 Synodalen werden vom Kirchenvolk direkt gewählt, eine württembergische Besonderheit. Deutschlandweit einzigartig ist auch die Aufteilung der Mitglieder in Fraktionen, die in der Synode Gesprächskreise heißen. Der größte davon ist die liberale „Offene Kirche“ (OK, 31 Sitze), gefolgt von der konservativen „Lebendigen Gemeinde“ (LG, 30 Sitze) und der Mittelgruppierung „Evangelium und Kirche“ (EuK, 17 Sitze). Der Gesprächskreis „Kirche für Morgen“ (KfM, 12 Sitze) hat wie die LG pietistische Wurzeln, verbindet dies aber mit moderneren Positionen. Einen Zusatzsitz hat ein Vertreter der Theologischen Fakultät Tübingen inne.
Wer besitzt die größten Chancen?
Für Heinzmann haben sich im Vorfeld LG und KfM ausgesprochen, von der geforderten Zwei-Drittel-Mehrheit (61 Stimmen) wäre er damit (42 Stimmen) aber noch weit entfernt. Schrenk weiß die OK hinter sich, Gohl kann auf die Stimmen von EuK bauen. Er ist in der Synode der Vorsitzende dieses Gesprächskreises. Laut dem Wahlsystem scheidet der Drittplatzierte nach dem dritten Wahlgang aus. Das könnte nach dieser Rechnung Gohl sein, allerdings gibt es zuvor viel Raum für taktische Neuausrichtungen. Nach dem fünften Wahlgang wird dann auch der Zweitplatzierte gestrichen. Bei Stimmengleichheit drohen weitere Wahlgänge. Sollte der verbliebene Kandidat in einem letzten Wahlgang immer noch an der Zwei-Drittel-Mehrheit scheitern, wäre der Nominierungsausschuss wieder am Zug.
Was unterscheidet die Kandidaten?
Inhaltlich liegen sie nicht allzuweit auseinander. Alle drei gehören zu den gemäßigten Vertretern ihrer theologischen Richtungen. Bei der zuletzt besonders heftig umstrittenen Frage der Segnung queerer Paare stehen alle hinter dem damals vor allem von Gohl vermittelten Kompromiss, es in die Verantwortung der Gemeinden zu stellen und auch nur in einem Drittel der Gemeinden zuzulassen. Eine Weiterentwicklung können sich aber alle vorstellen. Unterschiede bestehen eher in der Persönlichkeit. Gohl ist ein Macher, der auch Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg geht; Heinzmann steht für ein Zusammenrücken von Kirche und Diakonie, von ihm sind allerdings klare Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Themen kaum zu erwarten; Schrenk dürfte die wissenschaftlich versierteste Kandidatin sein. Ihr fehlt es aber an Führungserfahrung.
Und wenn keiner die Zwei-Drittel-Mehrheit schafft?
Sowohl Pietisten als auch Liberale verfügen über eine Sperrminorität. Zumindest eine Seite muss am Ende über ihren Schatten springen, sonst steckt die Landeskirche tief im Schlamassel. Erhält auch der letzte Kandidat keine Zwei-Drittel-Mehrheit, müsste der Nominierungsausschuss der Synode entscheiden, mit welchen neuen oder alten Kandidaten es weiter geht. Die Wahl würde dann voraussichtlich am Freitag nach dem gleichen Wahlsystem von vorne beginnen. Bischof July war übrigens 2005 – damals noch ohne zehnjährige Amtszeitbeschränkung – bereits im ersten Wahlgang erfolgreich. Gewählt wurde er von LG und EuK, die damals noch gemeinsam eine Mehrheit hatten. Kurzzeitig gab es Irritationen, als herauskam, dass July Fördermitglied bei der OK war, die allerdings seine Gegenkandidatin unterstützte.
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