Bizarre Kriminalfälle in Ditzingen und Leonberg Abgesägte Bäume, nächtliche Ausritte und Brände in Serie

Der Unbekannte auf dem Korntaler Talhof Foto: privat

Entsetzen, Wut und Ratlosigkeit, vor allem aber Unverständnis. So lassen sich die Reaktionen auf vier besondere Kriminalfälle zusammenfassen, die bis heute ungelöst sind. Betroffene und Polizei stehen vor einem Rätsel.

„Man erkennt sein Gesicht, aber ich habe den Mann noch nie in meinem Leben gesehen.“ Philipp Hartmeyer, Betriebsleiter des Korntal-Münchinger Talhofs, zeigte sich fassungslos – und noch immer gibt der Fall Rätsel auf. Ende August war auf dem Reiterhof ein Unbekannter spätabends in die Stallungen eingestiegen. Er sattelte seelenruhig mit deutlich für die Überwachungskameras erkennbarem Gesicht ein Pferd und ritt davon. Ob er draußen abgeworfen wurde oder nicht, ist nicht bekannt. Er kehrte jedoch zurück und versuchte gleiches noch bei einem anderen Tier. Allerdings kehrte das erste Pferd zurück und machte gemeinsam mit den anderen einen solchen Radau, dass die Hofbetreiberin wach wurde und er schließlich flüchtete – mit dem Fahrrad in Richtung Neuwirtshaus.

 

Wer der Unbekannte ist, was er vorhatte und ob es sich um denselben Mann handelt, der zuvor in Weil der Stadt nahe des Güthlerhofs gesichtet wurde, ist weiterhin nicht bekannt. Einige Tage vor dem Vorfall in Korntal hatte dort ein Autofahrer am späteren Abend den Hof ausgekundschaftet, während er in einem SUV im Schritttempo vorbei fuhr. Sowohl er als auch der Unbekannte vom Talhof trugen eine markante Brille. Seitens der Polizei existieren keine neuen Erkenntnisse zu den mysteriösen Vorkommnissen.

Aufklärungsquote rund 60 Prozent

Hin und wieder gibt es sie: Fälle, die die Polizei im Dunkeln tappen lassen – auch noch Jahre nach den entsprechenden Vorfällen, und obwohl das Ausmaß oder die Absurdität in der Region für reichlich Aufsehen sorgte – und zugleich eben nicht auf den ersten Blick erklärbar sind. So merkwürdig es zunächst anmutete, dass eines Tages die Edelstahlplatten an den Ortseingangstoren von Hirschlanden gestohlen waren, so erklärbar war die Tat: die Platten, die die Figur des Hirschlander Kriegers zeigen, der ältesten bisher gefundenen lebensgroßen Statue aus der Eisenzeit nördlich der Alpen, waren aus Metall – es war wohl schlicht um Metalldiebstahl gegangen. Aber warum sattelt man nachts ein Pferd?

Um ungelöste Fälle geht es auch dann immer, wenn das Polizeipräsidium Ludwigsburg jedes Jahr seine Kriminalstatistik vorstellt. Das für die Landkreise Böblingen und Ludwigsburg zuständige Präsidium liegt mit seiner Aufklärungsquote seit Jahren nah am landesweiten Durchschnitt – 2023 konnte in 63,9 Prozent, 2022 in 62,6 Prozent der polizeilich erfassten Fälle ein Tatverdächtiger ermittelt werden.

Während etwa Einbrüche eine niedrige Chance auf Aufklärung haben, gibt es laut Polizeipräsidium besonders bei Rohheitsdelikten wie Raub, Erpressung oder Körperverletzung, Ladendiebstählen, Fälschungs- oder Rauschgiftdelikten oft eine „bekannte Täterschaft“, die auch zu einer höheren Aufklärungsquote beitragen.

Wer ist der Autokratzer?

Keine Spur von den Tätern gibt es hingegen auch im Fall der zerkratzten Autos im Leonberger Haldengebiet. Seit nunmehr fast zwei Jahren werden dort in unregelmäßigen Abständen Fahrzeuge beschädigt, die am Straßenrand geparkt sind. „Wir kennen ungefähr 20 Personen aus der Nachbarschaft, die mittlerweile betroffen sind“, sagte Anwohnerin Carmen Busch im März dieses Jahres. Seit Frühjahr hat es sie – und vor allem das Fahrzeug ihres Sohnes – erneut mehrfach erwischt. Und auch die Nachbarn sind nicht verschont geblieben. Der letzte ihr bekannte Fall ist ungefähr einen Monat her. „Die Polizei nimmt zwar die Schäden auf, ansonsten bekommen wir nichts mit“, klagt sie.

Wer dafür verantwortlich ist, ist bis heute unbekannt. Sicher ist, dass bislang Schäden von vielen Tausend Euro entstanden sind. Wer dafür verantwortlich ist, darüber lässt sich lediglich mutmaßen. Mutprobe unter Kindern? Ein erzürnter Nachbar? Es bleiben lediglich Vermutungen. Auch ein Vorgehen gegen die Täter müsste wohlüberlegt sein. Denn wie die Polizei mitteilt, sei der Einsatz von Kameras rechtlich umstritten.

Alte Bäume mussten fallen

Nicht Tiere oder Autos, sondern vor allem Bäume sind Opfer eines Täters gewesen, der 2020 und 2021 sein Unwesen in den Wäldern rund um Leonberg und dem Strohgäu trieb. Im Herbst 2020 fällt ein Unbekannter bei Hemmingen sechs Buchen, eine Eiche und eine Fichte. In den darauffolgenden Wochen und Monaten fallen insgesamt rund 40 Bäume dem Täter zum Opfer, teilweise sind sie über 150 Jahre alt. 2021 wurde der Gesamtschaden auf 40 000 Euro beziffert.

Ein Zusammenhang zwischen den Taten konnte zwar bis heute nicht bewiesen werden, wird aber vermutet. „Alle Sachverhalte hatten die Gemeinsamkeit, dass die Bäume augenscheinlich unprofessionell mittels Motorsäge gefällt und zurückgelassen wurden, also kein Holzdiebstahl zugrunde lag“, sagt Steffen Grabenstein, Sprecher des Ludwigsburger Polizeipräsidiums.

Die Polizei stellte diese Serie von Baumfrevel damals vor ein Rätsel – schließlich gab es keine Zeugen und an den Tatorten keine Spuren. „Alle Verfahren wurden daher gegen unbekannt abgeschlossen“, so Grabenstein. „Die Vorfälle endeten schließlich genauso plötzlich, wie sie angefangen hatten.“ Auch das fehlende Motiv hatte damals für Fragezeichen gesorgt – was den Täter an- und umtrieb, ist völlig unklar.

Der Hirschlander Feuerteufel ist bis heute nicht gefuden

Genauso offen ist, was den Hirschlander Feuerteufel antrieb, der 2006 und 2007 kleinere und große Brände legte und dabei einen hohen Sachschaden verursachte. Ein ausgebrannter Jugendtreff, zerstörte Musikinstrumente, äußerst frustrierte Feuerwehrleute – der letzte Beweis blieb aus, aber die Ermittler gingen davon aus, dass wenigstens die Mehrzahl der mehr als drei Dutzend Brände im Ditzinger Teilort auf das Konto ein und derselben Person gingen. Eine Person war dem Vernehmen nach in Verdacht geraten. Beweise fehlten.

„Es entstand insgesamt hoher Sachschaden, den wir nicht mehr genau beziffern können, der aber ins Siebenstellige gehen könnte“, sagt Grabenstein. Es brannten Mülleimer, Waldhütte, der Kiosk bei der Minigolfanlage, eine Feldscheune, die Sporthalle im Seehansen und eben ein Nebengebäude der Theodor-Heuglin-Schule nebst Jugendtreff. 42 Taten wurden registriert.

Jugendtreff war nach Anschlag Geschichte

Auslöser war in allen Fällen Brandstiftung gewesen, das gilt als gesichert. An der Heuglin-Schule hatte es zuvor mehrere kleine Brände gegeben, ehe nach einem wiederholten Brandanschlag im Januar 2007 das Gebäude ausbrannte. Jugendtreff und Proberaum der Bigband nebst deren Instrumente waren Geschichte. Die Wehr konnte nur die Ausbreitung des Brands auf den Schulbau verhindern.

Auf etwa 30 000 Euro schätzte die Feuerwehr den Schaden am Inventar. Die Zerstörung am Gebäude selbst bezifferte die Stadt auf 100 000 Euro. Es war der folgenreichste Brand einer Serie: Seit August 2006 war die Wehr zu 29 Brandeinsätzen gerufen worden.

Es scheint so, als sucht er das Risiko

Die Schuldfrage war immer wieder gestellt worden. Zwischenzeitlich hatte sich sogar die Feuerwehr eines entsprechenden Verdachts erwehren müssen. Sie konnte dies aber alsbald ausräumen – und hatte daraufhin wieder die uneingeschränkte Unterstützung aus der Bevölkerung.

Hatte der Feuerteufel bis dahin im Schutz der Dunkelheit gehandelt, agierte der oder die Unbekannte mehrere Wochen später am helllichten Tag – und zündete eine Scheune an. Die damalige Ortsvorsteherin bezeichnete die Brandstiftung als beängstigend – an einem Weg, der von Landwirten, Spaziergängern, Joggern und Reiter genutzt wurde. „Es scheint fast so, als ob er das Risiko sucht.“ Gefasst wurde der Täter oder die Täterin auch in diesem Fall nicht.

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