Gelber Sack in der Region Stuttgart Abfallprofis schlagen wegen Plastikmüll Alarm

Der Gelbe Sack ist der Inbegriff der Mülltrennung. Zurzeit erscheint es sinnlos, ihn zu füllen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Verpackungsmüll, der wegen Corona deutlich zugenommen hat, wird wieder weniger. Die Abfallwirtschaft hat dennoch ein massives Problem. Es gibt aktuell zu wenig Abnehmer für das recycelte Material. Was müsste passieren?

Region: Verena Mayer (ena)

Stuttgart - Die Zeitenwende ist bestens vorbereitet gewesen, die Vorfreude war groß – und doch kam alles anders: Von April an hätte auf dem Ludwigsburger Wochenmarkt ein Verbot von Plastiktüten gelten sollen. Offiziell gilt dieses Verbot zwar, nur geahndet wird es nicht. „Jeder ist gebeutelt“, sagt Melanie Mitna, die den Wochenmarkt bei der Stadt Ludwigsburg organisiert. Da müsse man den Händlern das Leben nicht noch schwerer machen.

 

Aber nicht nur, dass die Maßnahme, die den Verbrauch von Plastik reduzieren sollte, vorerst auf Eis gelegt wurde, coronabedingt ist im März und im April deutlich mehr Verpackungsmüll angefallen. Im Landkreis Ludwigsburg waren es etwa 20 Prozent mehr. Natürlich lag das nicht an den Plastiktüten vom Wochenmarkt, sondern daran, dass die Bürger sich überwiegend zuhause aufgehalten und deshalb mehr selbst gekocht haben. Oder sie haben sich Essen liefern lassen und so den Einwegverpackungsmüllberg wachsen lassen. Nicht nur in Ludwigsburg, sondern in ganz Deutschland ist das zu beobachten.

Abfallprofis sind in Sorge

Nach Angaben des dualen Sammel- und Verwertungssystems Der Grüne Punkt ist die Menge an Plastikverpackungen in Privathaushalten im Schnitt um zehn Prozent gestiegen. In konkreten Zahlen heißt das zum Beispiel in Stuttgart: Im März fielen in der Landeshauptstadt 1040 Tonnen Verpackungsmüll an, 149 Tonnen oder fast 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Im April verursachten die Stuttgarter 1077 Tonnen Verpackungsmüll, ein Jahr zuvor waren es 77 Tonnen oder acht Prozent weniger.

Inzwischen registrieren die Entsorgungsunternehmen zwar wieder sinkende Abfallmengen. Das Problem ist damit aber nicht beseitigt, vielmehr wird es noch größer und lässt sämtliche Bemühungen, Kunststoffverpackungen wenigstens zu recyceln, absurd erscheinen. Für diese so genannten Rezyklate gibt es momentan nämlich keinen Markt. Wegen des seit Monaten extrem niedrigen Ölpreises ist es ungleich günstiger, neuen Kunststoff zu produzieren als recycelten zu verwerten. „Diese Entwicklung konterkariert die großen Anstrengungen unserer Bürger, Abfälle sorgfältig zu trennen“, sagt Benjamin Lutsch, der Sprecher des Böblinger Landratsamts. Dirk Kurzschenkel, der Leiter des Göppinger Abfallwirtschaftsbetriebs, sieht „die Grundfeste unserer Abfallwirtschaft“ erschüttert. Diese Grundfeste besteht darin, dass jedwedes Material und Produkt so lange wiederverwendet, aufgearbeitet oder recycelt wird wie nur möglich. Die diversen Bestandteile bleiben also so weit wie möglich im Wirtschaftskreislauf, und Abfälle können auf ein Minimum reduziert werden.

So weit die Theorie. Damit diese Kreislaufwirtschaft auch in der Praxis funktioniert, gibt es Quoten. Für die Kunststoffe, die klassischerweise im Gelben Sack gesammelt werden, gilt, dass 58,5 Prozent davon recycelt werden müssen. Trotzdem gibt es in der Praxis nun Probleme, weil es für das recycelte Material keine Abnehmer gibt. Oder genauer: Weil die Abnehmer auf billige Neuware aus Erdöl setzen.

Viel Druck auf die Politik

Lesen Sie hier: Was in den Gelben Sack gehört

Was also tun?

Ideen haben die Abfallwirtschaftsbetriebe in der Region viele. Die dringlichste unter ihnen ist die, Hersteller von Verpackungsmaterial zur Abnahme von Rezyklaten zu verpflichten. Bislang ist deren Einsatz jedem Unternehmen selbst überlassen. Allerdings haben die Abfallwirtschaftsbetriebe der Landkreise nichts zu melden. Verpackungsmüll ist die Sache des privatwirtschaftlichen Dualen Systems. Doch sie haben einflussreiche Verbündete auf beiden Seiten.

Noch mehr Aufklärung

Auf der einen Seite sind das natürlich die Umweltschützer. Neben der Verteuerung von Neumaterial über eine Plastiksteuer fordert etwa auch die Deutsche Umwelthilfe eine gesetzlich vorgeschriebene Mindesteinsatzquote für Recyclingmaterialien. Auf der anderen Seite machen die Entsorgungsunternehmen Druck auf Berlin. Würden keine Maßnahmen zur Sanierung des Sektors ergriffen, werde Kunststoffrecycling nicht mehr rentabel sein, prophezeit Ton Emans, der Präsident des europäischen Branchenverbands PRE – und warnt vor „gravierenden Umweltfolgen“.

Die Landkreise werden die Entwicklung allerdings nicht ohnmächtig verfolgen. Ein Nachlassen der Disziplin, Müll korrekt zu trennen, haben ihre Betriebe bis jetzt nicht festgestellt. Das soll auch so bleiben. Die Landratsämter setzen deshalb verstärkt auf Infokampagnen, die die Bürger dazu bringen sollen, Plastikmüll am besten ganz zu vermeiden.

Freiwilliger Verzicht auf Plastik

Dass die Bereitschaft dazu erfreulich groß ist, hat die Marktorganisatorin Melanie Mitna überrascht festgestellt. Obwohl das Obst und Gemüse auf dem Ludwigsburger Wochenmarkt noch immer straflos in Plastiktüten gepackt werden kann, passiert das in immer weniger Fällen. Die Kunden, sagt Melanie Mitna, kämen inzwischen sehr gut vorbereitet mit ihren eigenen Taschen auf den Markt. „Man darf definitiv Hoffnung haben.“

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