„Black 47“ bei 3 Sat Ein Rachewestern aus Irland
Eindringlich schildert der Spielfilm „Black 47“ auf 3 Sat die große irische Hungersnot im 19. Jahrhundert. Ein Ex-Soldat rächt seine Familie.
Eindringlich schildert der Spielfilm „Black 47“ auf 3 Sat die große irische Hungersnot im 19. Jahrhundert. Ein Ex-Soldat rächt seine Familie.
Stuttgart - Lord Kilmichael, englischer Grundherr in Irland, hat eine klare Haltung: Er brauche die Bevölkerung nicht, sagt er, seinetwegen könne sie ruhig verhungern. Dann fügt er noch eine Vision hinzu. Eines Tages könne Irland so frei sein von Iren „wie heute Manhattan von Rothäuten“. Draußen vor der Tür droht sein menschenverachtender Zynismus gerade Wirklichkeit zu werden.
Der beklemmende Historienfilm „Black 47“ spielt während der großen Hungersnot, die von 1845 bis 1852 rund eine Million Iren das Leben kostete und mehr als zwei Millionen zur Auswanderung zwang. Der Filmtitel zitiert eine in Irland noch immer geläufige Wendung: 1847 gilt als das brutalste Jahr der „An Drochshaol“, wie die Hungersnot dort genannt wird.
Der Regisseur Lance Daly ist nicht der erste Filmemacher, der diese Katastrophe für erinnernswert hält. Schon John Ford, Hollywood-Regisseur mit irischen Wurzeln, wollte in den Vierzigern nach seinem sozialkritischen Großwerk „Früchte des Zorns“ einen Film vor dem Hintergrund der „An Drochshaol“ drehen. Wie viele Nachfolger scheiterte er am Zaudern der Produzenten und Studios. Jede halbwegs wahrhaftige Schilderung der Hungersnot werde das entsetzte Publikum in Scharen aus den Kinos treiben, fürchteten die nicht ganz zu Unrecht.
Daly aber wählt einen niedrigschwelligen Zugang: Er erzählt einen Rachethriller, besser gesagt, einen Rachewestern. James Frecheville spielt den einsamen, schweigsamen Reiter, den einst in englische Militärdienste getretenen Martin Feeney, der desertiert ist, weil er ahnt, dass ihn seine Familie in all dem Elend brauchen wird. Aber er kommt zu spät.
Die vielen grimmigen Details, all die Bosheiten mitten in der Katastrophe, die den Weg von Feeney säumen, musste sich Daly nicht ausdenken. Dass die Landherren die Ernten einfahren ließen, während das Volk verhungerte, dass die Vorratskammern geschlossen blieben, während die Bettelnden vor den Gutstoren tot umfielen, dass man Verarmte aus ihren Häusern trieb und im tiefsten Winter die Dächer von den Katen jener Familien riss, in denen jemand der Aufrührerei verdächtig war – all das sind historische Fakten.
Feeney macht keine großen Worte, als er hört, wie seine Angehörigen zu Tode kamen. Er kämpft sich als selbst ernannter Sensenmann durch zu allen, die er für verantwortlich hält. So eine Filmstruktur könnte schnell plump werden, aber Daly macht zwei entscheidende Sachen komplett richtig. Er zeigt die individuelle Rache nicht als patente Lösung, nur als Gradmesser für die Empörung, die wir alle spüren müssten. Und er lässt die Wut Feeneys nicht zur Kette adrenalinsatter Shownummern entarten.
Wichtiger als die Gewaltentladungen sind die Gesichter und Orte, die Posen und Stimmungen. Das Feiste der Ordnungshüter, das arrogante Gockeln der britischen Soldaten, die Gebeugtheit der Hungernden, dazu eine grimmige Reifkühle der Landschaft, als wende sich die Natur selbst von den Menschen ab – das sind die wichtigen Teile des Films. Jim Broadbent als Kilmichael, Hugo Weaving als mieser Häscher in Ungnaden, Stephen Rea als kompromittierter Beobachter zwischen den Fronten, Freddie Fox als Schnösel in Uniform – sie alle nehmen sich zurück und wirken dadurch überlebensgroß.
Verfügbarkeit: 3 Sat, Freitag, 12. Februar 2021, 22.25 Uhr. Auch im Flatrate-Angebot von Amazon Prime sowie als DVD/Blu-ray bei Ascot Elite.