Black-lives-matter-Protest in Stuttgart Der alltägliche Kampf gegen das N-Wort

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Lionel Njoya glaubt, dass seine Generation viel bewirken kann. Deswegen organisiert der Student aus Rottweil Demos gegen Rassismus in der Bewegung „Black lives matter“

Lionel Njoya glaubt, dass seine Generation viel bewirken kann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Lionel Njoya glaubt, dass seine Generation viel bewirken kann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Was Lionel Njoya an rassistischen Erlebnissen hinter sich hat, erzählt er nicht. Nach ein paar Minuten Gespräch wird klar, warum: Der 20-Jährige ist keiner, der zurückschaut und sich beklagt. Er schaut nach vorne und hofft. Deswegen hat er sich auch dem Team angeschlossen, das vor einer Woche die Bewegung „Black lives matter“ und den „Silent Protest“ nach Stuttgart brachte. Tausende kamen und hörten zu, schwiegen gemeinsam, demonstrierten gegen Rassismus. „Wir sind eine Generation, die etwas verändern kann“, sagt der junge Mann aus Rottweil. Staatswissenschaften studiert er, und in die Politik zieht es ihn voraussichtlich später einmal, das verrät er schon. Einer Partei hat er sich dabei noch nicht angeschlossen.

Der Schock über den Tod des Amerikaners George Floyd hat weltweit Protest gegen Rassismus ausgelöst. Warum gerade dieser Akt der Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten die Menschen rund um den Globus so aufscheuchte? Das erklärt Lionel Njoya mit den Worten des Hollywoodschauspielers Will Smith: Rassismus werde nicht schlimmer heutzutage, aber aufgrund der Smartphones werde er gefilmt, die Filme verbreiten sich in Sekundenschnelle weltweit. Außerdem sei der Tod des Mannes „die Spitze des Eisbergs“, es passierten unglaublich viele rassistische Taten. Deswegen habe sich die Bewegung nun überall derart stark aufgestellt.

Mit Lionel Njoya zu sprechen ist auch ein kleiner Sprachkurs. Man lernt, welche Wörter verletzen, welche den richtigen Ton treffen, damit sich Menschen verschiedener Hautfarben – People of Color nennt er sie – nicht ausgegrenzt fühlen. Dunkelhäutig mag er nicht. „Ich bin schwarz“, sagt der 20-Jährige. Andere Wörter findet er so schlimm, dass er sie nicht einmal ausspricht: „Das N-Wort“, sagt Lionel Njoya. „Das kommt aus der Kolonialzeit, und es ist schlimm, wie geläufig es noch ist“, sagt er. Wenn jemand erkläre, es sei doch nicht böse gemeint, mache es das nicht besser. „Es muss den Leuten bewusst werden, aus welcher Zeit solche Begriffe kommen und wie sie gemeint sind“, sagt Lionel Njoya. Rassismus ist erlernt, man kann ihn auch wieder verlernen. Das ist eine zentrale Botschaft der Bewegung „Black lives matter“, und gelte für die Sprache ebenso wie für Verhaltensweisen, davon ist der Student überzeugt.

Njoya ist glücklich und zufrieden, in Deutschland und Baden-Württemberg zu leben. Als er sieben Jahre alt war, kam seine Familie aus Kamerun hierher. In Rottweil wuchs er auf, machte ein Abitur mit einem sehr guten Schnitt, spricht Englisch und Französisch, lernt gerade noch Spanisch. Überall war er in seinem Heimatort Rottweil dabei, auch in der traditionellen Fasnet habe er als Kind und Jugendlicher mitgemischt und es genossen, und er spielte in der Baden-Württemberg-Auswahl Rugby. Wie schmerzlich es für einen jungen Mann mit Deutschem Pass sein muss, zu hören „Du sprichst aber gut Deutsch!“ und „Wo bist Du wirklich her?“ kann man sich vor diesem Hintergrund nur zu gut vorstellen.

Die christliche Nächstenliebe motiviert den Studenten

Ein zentraler Beweggrund für sein Engagement gegen jedwede Form der Diskriminierung ist der christliche Glaube. In einer überkonfessionellen Gruppe ist Njoya engagiert. Und möchte die zentrale Botschaft des Christentums leben und weitergeben: die Nächstenliebe. „Aus Liebe ist Jesus für mich gestorben“, sagt er, und das gibt ihm Kraft für sein Engagement. Das Grundgebot des guten Umgangs miteinander liest er ansonsten aus einem alten Sinnspruch: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge keinem anderen zu“, zitiert der Student. Das Einbringen für die wachrüttelnden Kundgebungen in Stuttgart und an anderen Orten begann mit der Vernetzung im Internet. Dort fanden sich die jungen Menschen zusammen, die innerhalb nur einer Woche die erste „Black lives matter“-Demo am vergangenen Wochenende auf die Beine stellten. Mit ein paar Hundert Menschen hatten sie gerechnet. Aber es kamen Tausende. „Die Menge war richtig bunt“, sagt Lionel Njoya. Jung und alt, schwarz und weiß, Menschen unterschiedlichster Herkunft standen im Schlossgarten zusammen. Die Form des Silent Protests, welche Njoya zusammen mit mehreren Gleichgesinnten in die Veranstaltung einbrachte, liege ihm dabei sehr am Herzen. „Wir machen immer wieder Schweigephasen, das ist das Wesen des Silent Protests“, erklärt er. „Wir wollen nicht nur laut sein, sondern den Menschen auch Zeit geben, das Gehörte zu verarbeiten, etwas nachzudenken, damit es sacken kann.“

Der Protest der Bewegung „Black lives matter“, innerhalb derer der Silent Protest eine Untergruppe ist, richtet sich nicht nur gegen Rassismus, sondern natürlich auch gegen den Auslöser der aktuellen Protestwelle, die Polizeigewalt in den USA. Das Verhältnis zur hiesigen Polizei sei hingegen gut. „Wir wissen, dass die anders sind“, sagt Njoya. Die Polizei habe die Demo gut begleitet und die Organisierenden unterstützt. Man habe sich nach der Veranstaltung gegenseitig gelobt und sich bedankt. Umso bedauernswerter finden es Njoya und seine friedlichen Mitstreitenden, dass Gruppen aus dem offenbar linken Spektrum sich nach dem Ende der „Black lives matter“ Veranstaltung und am Rande – wegen der Festnahme eines Betrunkenen – gegen die Beamten stellten. „Wir sind friedlich“, betont er.

Dennoch benennt er das Problem des Racial Profiling, ein Vorwurf, der immer wieder gegen die Polizei erhoben wird: „Es darf bei einer Kontrolle niemand aufgrund seiner Hautfarbe rausgezogen werden. Da müssen schon andere Faktoren dazukommen“, sagt Njoya.

In dieser Woche sind andere in den Vordergrund getreten, um die Kundgebung bei der Stadt anzumelden. Dabei und im engen Austausch mit der Gruppe ist Lionel Njoya aber auf jeden Fall.

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