Blick hinter die Krimi-Kulissen Besuch im „Tatort“-Haus des SWR

Von Ulla Hanselmann 

Ludwigshafen, Stuttgart und jetzt auch Freiburg unter einem Dach? Der Südwestrundfunk macht’s möglich – im „Tatort“-Haus in Baden-Baden, wo die Dienststellen aller drei SWR-Sonntagskrimis untergebracht sind.

Außenaufnahme vom „Tatort-Haus“ in Baden-Baden Foto: dpa 11 Bilder
Außenaufnahme vom „Tatort-Haus“ in Baden-Baden Foto: dpa

Stuttgart - Baden-Baden, Jägerweg 10. Ein Nachkriegsbau mit Flachdach, daneben hat eine Event-Akademie ihren Sitz, gegenüber liegt der Wald. Früher waren hier im Stadtteil Cité die französischen Streitkräfte zuhause, die Nummer 10 beherbergte eine Schule mit Internat. Ein Stück banales Baden-Baden? Irrtum. Sobald man die Türschwelle des Hauses passiert hat, erlebt man ein Zeit-Raum-Wunder, wie es sonst nur Science-Fiction-Helden vorbehalten ist. Denn hier sind Orte, die Hunderte Kilometer voneinander entfernt liegen, unter einem Dach gestapelt: unten Ludwigshafen, oben Stuttgart, dazwischen Freiburg. Wobei Freiburg da ist, wo früher Konstanz war.

Unmöglich. Aber unmöglich kennt man beim Fernsehen nicht.

Die Nummer 10, das ist das „Tatort“-Haus des Südwestrundfunks. Sechs SWR-„Tatorte“ werden pro Jahr gedreht, zwei pro Lokalausgabe. Um Hotelkosten für die in Baden-Baden beheimateten Produktionsteams zu sparen, hat der Sender hier sämtliche Kommissariate untergebracht, wie Annette Gilcher vom SWR, die heute als Fremdenführerin hier ist, erklärt. Für die Außenaufnahmen und das so für die jeweilige Lokalidentität wichtige Kolorit müssen die Gewerke dann aber doch in die jeweiligen Städte oder Regionen ziehen.

Frau Gilchers Co-Führer ist Markus Lorenz. Der Requisiteur hat das Kommissariat der Schwarzwald-Ermittler miteingerichtet, die an diesem Sonntag mit „Goldbach“ ihre vom „Tatort“-Volk fiebrig erwartete TV-Premiere feiern. Bevor wir die Freiburger Amtsstuben sehen dürfen, führt die Reiseroute aber erst nach Ludwigshafen und Stuttgart. Bei Odenthal, Lannert und Bootz seien die Kulissen gerade nicht für einen Dreh hergerichtet – bei den Freiburgern ist dagegen noch alles eins zu eins wie in „Goldbach“. Markus Lorenz macht es spannend.

Höchstmöglicher Realismus

Also zuerst ab an den Rhein: Schon stehen wir in dem Flur mit den Stahlträgern, die Industrieatmosphäre verströmen sollen, blicken durch gläserne Trennwände auf Lena Odenthals verwaisten Schreibtisch und sehen bei der Sekretärin Edith Keller im Raum mit der Nummer „ 01574, Kriminaldelikte“ George Clooney von einem gerahmten Foto im Regal herunterlächeln. Im Konferenzraum ist vom jüngsten Dreh eine Stellwand aus Plexiglas übriggeblieben, Calogero Castello „Don Calo“ steht da in weißer Schrift. In „Kopper“, dem nächsten Ludwigshafen-„Tatort“, geht es um die italienische Mafia, verrät Annette Gilcher – es ist der letzte mit Andreas Hoppe. Von dem cowboybestiefelten Italo-Mann bleibt nicht viel: auf dem Sideboard seine Espressomaschine, auf dem Schreibtisch seine heiß geliebte „Giuila“ – ein Modellauto, an dem eines der Hinterräder fehlt. Alles nicht mehr frisch, vielleicht hat Andreas Hoppe die richtige Entscheidung getroffen.

Zwei Stockwerke drüber dann: Stuttgart. Die Kollegen Bootz und Lannert ermitteln in wilhelminisch gefärbtem Altbau-Ambiente. Parkett und Holzvertäfelungen vermitteln gediegene Eleganz, orangefarbene Plastikschalen-Stühle verorten die Einrichtung in den Siebzigern. Überall lugen Braun, Beige und Ocker aus den Ecken – man hat das Bedürfnis, Fenster und Türen aufzureißen, doch die führen, wie Annette Gilcher an einem Beispiel demonstriert, manchmal nur zur Fassadenwand. Und trotzdem ist man sich im Gang mit den Milchglas-Kugellampen und dem Eichenparkett, das in Wirklichkeit ein PVC-Bodenbelag ist, sicher, dass gleich die schöne Staatsanwältin auf ihren Pumps um die Ecke geklackert kommt.

Aber es bleibt still. Wir brechen endlich nach Freiburg auf. Rechtzeitig zum großen Moment ist auch Katharina Dufner, die verantwortliche SWR-Redakteurin, zu uns gestoßen. „Wir wollten ein einsatzfähiges Kommissariat simulieren, eines, in dem man wirklich arbeiten könnte“, erklärt sie. Jedes Kommissariat spiegelt die Figuren, den Look, den Charakter der jeweiligen Regionalausgabe wider. Beim Schwarzwald-„Tatort“ lautet höchstmöglicher Realismus der Nenner; er hat mit Franziska Tobler und Friedemann Berg ja auch ein Ermittler-Duo, das ohne Psychodrama und private Kleinkriege auskommt. Ein eingespieltes Team, das sich auch ohne Worte versteht.

Wo Odenthal und Kopper hausen

Wohingegen die Räume Plappermäuler sind. Akkurat abgelegte Akten, Globuli-Fläschchen, eine Urea-Handcreme, eine tönerne Schildkröte und auf dem Magnethalter im Kreis aufgereihte Büroklammern. Das ist Frau Tobler, gespielt von Eva Löbau. Eine kluge Frau mit Struktur. Bei ihrem Kollegen Berg, den Hans-Jochen Wagner verkörpert, liegen dagegen Fotos, Akten, Papiere kreuz und quer, ein Wollpulli hängt überm Stuhl, Bergschuhe stehen rum. Eher der Bauchtyp, der manchmal Probleme mit Autoritäten hat.

Katharina Dufner zeigt stolz auf ein kreisrundes, drehbares Aktenregal, gefüllt mit Leitzordnern: „Genau so eines gibt es im echten Kommissariat auch“. Tatsächlich hat sich das Schwarzwald-Team gründlich bei der Freiburger Polizei umgesehen; ein Freiburger Kriminalkommissar liest die Drehbücher. So ist der in anderen Krimis oft so strenge Verhörraum mit einer Malecke für Kinder ausgestattet. Eine Küchenzeile mit Mahagoni-Front, tiefhängende schwarze Schirmlampen: Das Besprechungszimmer mit dem großen Tisch wirkt sachlich, aber warm – und erinnert vom Design sehr an die „Wallander“- Krimis. Dass wir hier aber nicht in Schweden sind, macht das Wandbild im Flur klar: Tannenwipfel, ein Jäger mit Gewehr, Hirsch, Auerhahn – ein Künstler durfte hier Schwarzwald-Symbole im schnörkellosen Sechziger-Stil zu einem Hingucker verarbeiten.

Der Aufwand, der betrieben wird, um Wirklichkeit zu simulieren, ist enorm. „Hier ist nichts von der Stange, außer der Laminat-Fußboden“, sagt Markus Lorenz. Fünf Wochen hatte der Requisiteur Zeit, um die CAD-Entwürfe der Szenenbildnerin Myrna Drews in ein lebendes Kommissariat zu verwandeln. Dafür stöberte er bei Ebay, plünderte den SWR-Fundus, lieh Schreibtische bei Möbelgeschäften aus, trieb sich auf Flohmärkten, in Trödelläden herum.

Die Pathologie hütet ihr Geheimnis

Vieles wird selbst hergestellt. Auch die Theaterplakate vom Berliner Ensemble, die bei der Kripo-Chefin Cornelia Harms, gespielt von Steffi Kühnert, die für Harald Schmidt eingesprungen ist, an der Wand hängen, um von ihrer Biografie zu erzählen. Frau Harms residiert übrigens da, wo früher die WG-Wohnung von Lena Odenthal und Kopper war. Inzwischen hat Lena aber ja eine eigene Wohnung, eine „echte“, angemietete in Ludwigshafen, wie Annette Gilcher erzählt, mit Blick über den Rhein, da kommt sie fast ins Schwärmen.

Mitte Oktober wird in der Freiburger Dienststelle der zweite Schwarzwald-„Tatort“ gedreht, erfahren wir noch. Der Jägerweg liegt schon ein Stück hinter uns, da stellen wir fest, dass wir vor lauter Schwarzwald-Zauber vergessen haben, in die Pathologie zu schauen. Der Kühlschrank mit den Ausziehfächern für die Leichen ist im Keller untergebracht. Aber dieses Geheimnis darf das „Tatort“-Haus dann doch für sich behalten.