Blick hinter die Kulissen Das spielt sich im Zollamt Winnenden ab
In Winnenden-Hertmannsweiler werden Warenlieferungen überprüft, Pakete herausgegeben und Abgaben erhoben. Hin und wieder finden die Beamten Erstaunliches.
In Winnenden-Hertmannsweiler werden Warenlieferungen überprüft, Pakete herausgegeben und Abgaben erhoben. Hin und wieder finden die Beamten Erstaunliches.
Kritisch blickt die Zöllnerin in die Papiere. „Bitte kurz aufmachen“, gibt sie dem serbischen Lastwagenfahrer zu verstehen. Laut den Dokumenten hat der 40-Tonner massenweise Törtchen geladen. Ein Blick in den Frachtraum gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln. Und auch wenn der Fahrer versichert, das Gebäck sei lecker, verzichten die Beamten auf eine Kostprobe.
Weit und breit gibt es keine Grenze – und doch steht in Winnenden ein Zollamt. „Viele wundern sich, was wir hier machen“, sagt der Zollsprecher Thomas Seemann. Neulich war Erlebnistag in Hertmannsweiler – und die Zöllner mussten jede Menge Fragen beantworten. Darüber, was hier im Zollamt vor sich geht, wissen viele Privatleute nur wenig Bescheid. Wer das Wort „Zoll“ hört, denkt wohl meist an Grenzkontrollen, Drogenspürhunde und Schmuggelware. Im Alltag der Zöllnerinnen und Zöllner in Winnenden spielen solche Dinge nur bedingt eine Rolle.
Vor allem sind es Lastwagen aus außereuropäischen Ländern, die das Gebäude am Rande des Teilorts Hertmannsweiler anfahren. Oft warten morgens schon etliche Trucks darauf, ihre Ware verzollen zu lassen. Nicht selten sind sie schon viele Tage unterwegs. Nach dem Erledigen der Formalitäten können sie ihre Fahrt fortsetzen – entweder, um eine Lieferung bei einer Firma im Rems-Murr-Kreis abzuladen oder um Ware aus der Region ins Ausland zu bringen.
Je nachdem, welche Grenzen die Trucker bereits passiert haben, weisen sie – auf Papier oder in digitaler Form – entsprechende Vermerke der dortigen Zöllner vor. Oft sind die Laderäume der Lastwagen verplombt, damit klar ist, dass unterwegs nichts aus- oder eingeladen wurde. Ladungen eingehender untersuchen – das ist dagegen meist die Arbeit von mobilen Zollteams, die sogar über eine transportable Röntgenanlage verfügen, mit der sich ganze Trucks durchleuchten lassen.
Ein möglicher Berührungspunkt der Verbraucher mit dem Zoll in Winnenden sind zum Beispiel Pakete von außerhalb der EU. Je nachdem, was sie bestellt haben, müssen Empfänger nach Hertmannsweiler kommen, um sie abzuholen und gegebenenfalls auch Abgaben zu entrichten. Immer wieder stoßen die Zöllner aber auch auf Paketinhalte, die sie den Empfängern gar nicht herausgeben dürfen. „Bei Arzneimitteln sind die deutschen Gesetze sehr restriktiv“, sagt Seemann.
Ob Schnäppchenjäger, die sich im Ausland Vitaminpräparate bestellen, ältere Herrschaften, die ihrer schwindenden Potenz mit fragwürdigen Pillen auf die Sprünge helfen wollen – oder schlimmstenfalls Schwerkranke, die sich Linderung erhoffen: Sie gehen mit leeren Taschen nach Hause. „Bei letzteren ist es natürlich schwer zu sagen, dass wir es ihnen nicht überlassen können“, sagt Seemann. Immer wieder spielen sich deswegen im Zollamt tränenreiche Szenen ab. Aber Gesetz sei Gesetz – und schließlich, sagt Seemann, gebe es auch Internationale Apotheken, um Mittel aus dem Ausland zu bestellen.
Auch aus anderen Gründen bleiben manche Sendungen beim Zoll. Eine regelrechte Ausstellung im Zollamt gibt einen Überblick. Da liegt etwa ein Fußball-Weltmeisterpokal. „Der ist aber nur aus Gips“, meint die Zollbeamtin Kerstin Langer. „Wir haben damals einige von denen kaputtgemacht, um das zu überprüfen.“
Andere Waren verstoßen gegen Artenschutzbestimmungen. Etwa die Cowboystiefel mit Kobraköpfen an den Spitzen – „die hatte sich ein Herr bestellt, der damit Line-Dance machen wollte“, erinnert sich Langer. Kobras sind geschützt – und so musste der Remstalcowboy ohne die geschmacklich ohnehin fragwürdigen Boots nach Hause. Doch nicht immer sind Verstöße gegen den Artenschutz so offensichtlich. „Einmal hatten wir hier zum Beispiel 15 Orchideensetzlinge“, erzählt Langer. Damals half die botanische Abteilung der Wilhelma bei der Bestimmung der extrem seltenen Pflanzenart. Die Experten gaben den Zöllnern sogar Anweisungen zur Pflege der Pflanzen. „Die waren richtig froh, die Orchideen stehen mittlerweile in der botanischen Sammlung der Wilhelma“, sagt Pressesprecher Seemann.
Apropos Pflanzen und Tiere: Immer wieder bewerben sich junge Männer und Frauen beim Zoll, die davon träumen, mit einem Spürhund an ihrer Seite Schmugglern das Handwerk zu lernen. „Aber nur wenige Prozent unserer Beamten haben einen Spürhund“, sagt Thomas Seemann. Und wer einen Vierbeiner an seiner Seite wolle, brauche auch erst etwas Berufserfahrung.
Geschichte
Der Beruf des Zöllners ist vermutlich einer der ältesten der Menschheit. Bereits im antiken Rom verpachtete der Staat Gebiete an Zollpächter, die dann dafür zuständig waren, Abgaben einzutreiben. Allerdings genossen sie damals einen zweifelhaften Ruf und durften beispielsweise nicht als Zeugen in Gerichtsprozessen aussagen. Im Mittelalter ging das Zollrecht auf die fränkischen und deutschen Könige über.
Gegenwart
Heute sind viele Zöllner verbeamtet. Zu den Aufgaben des deutschen Zolls gehören die Kontrolle von ein- und ausgeführten Waren, die Erhebung von Abgaben und Steuern wie der Einfuhrumsatzsteuer, der Schutz der Landesgrenzen, der Kampf gegen Schmuggler, gegen Schwarzarbeit und Fälschungen.
Ausbildung
Ausgebildet werden Zöllner über das Bildungs- und Wissenschaftszentrum der Finanzverwaltung. Die offiziellen Mindestvoraussetzungen für eine Karriere beim Zoll sind ein Höchstalter von 49 Jahren, ein Hauptschulabschluss plus eine abgeschlossene Ausbildung, die deutsche Staatsangehörigkeit, körperliche Fitness und ein polizeiliches Führungszeugnis.