Blick in den Luxusblock der MHP-Arena So feiern die Gäste im exklusiven Tunnelclub beim VfB-Heimspiel

Im Porsche-Tunnelclub finden 178 Gäste Platz. Foto: Uwe Bogen

Wer für ein einzelnes Spiel so viel zahlt wie andere mit der Dauerkarte für sechs Jahre, darf in den verglasten Tunnelclub. Exklusiver geht’s nicht beim VfB. Kein anderes deutsches Stadion bietet diesen Blick aus nächster Nähe auf die Spieler. Ein Besuch im Luxusblock.

Lachskaviar wird mit Schnittlauch und Kartoffel-Espuma serviert. Klangvoll liest sich die Speisekarte, wie man’s aus Gourmet-Kreisen kennt. Zur glasierten Ochsenbacke gesellen sich Rote Bete, Wurzelwerk, Schwarzer Trüffel und Pfefferlack. Die vegetarische Variante besteht aus Rollgerste, Parmesan, Rosenkohllaub und ebenfalls Schwarzem Trüffel. Auf schwarzen Designerstühlen von Vitra sitzen 178 Gästen (damit ist der Porsche-Tunnelclub am Samstagnachmittag ausgebucht) an edel gedeckten Tischen.

 

So extravagant der Menüplan auftrumpft, so deftig muss es in der Halbzeitpause sein (beim Spiel gegen Bochum ist der Stand ein enttäuschendes 0:0). Die klassische Stadionwurst gibt es auch für die Super-Vips, die für eine Einzelkarte, sofern sie nicht von einer Firma oder vom VfB dazu eingeladen wurden, 1200 Euro plus Mehrwertsteuer bezahlt haben. Wer dazu gehört, trägt ein weißes Bändel mit der Aufschrift „Porsche-Tunnelclub“ – es ist wertvoller als so manche Uhr.

An der Fensterfront zum Spielertunnel werden die Handys gezückt. /Uwe Bogen

Wer eine ganze Saison bucht, überweist 17 000 Euro – damit ist’s die teuerste Dauerkarte der Bundesliga. „Auch im Tunnelclub geht ohne Stadionwurst gar nichts“, sagt der Gastronom Michael Wilhelmer, „die Leute wollen das.“ Mit seinen beiden Söhnen kümmert er sich weiter oben außerdem noch um die Bewirtung der 70 Logen.

Den Fans in der Cannstatter Kurve, die etwa 15 Euro für ein Heimspiel bezahlen, ist der Luxusblock auf der Ebene 0 mit Superplätzen auf der Haupttribüne draußen beim Spiel mehr als suspekt. Mit Spott oder harter Kritik reagieren die Stimmungsmacher des Stadions auf die Reichenparty ihres Vereins. Michael Wilhelmer verweist, wenn er von den Protesten gegen den Tunnelclub hört, auf eine Rechnung, die allen Fans einleuchten müsste, wie er findet: „Wenn der VfB mit guter Vermarktung Geld macht, kommt das allen zugute, weil dies der Finanzierung der besten Spieler dient.“

Rouven Kasper ist mit der Entwicklung des Tunnelclubs „total zufrieden“

Speisen die begüterten Gäste im prestigeträchtigen Refugium Kaviar und Trüffel womöglich aus einem uneigennützigen Grund? Damit der VfB öfter siegen kann! Mit dem im April eröffneten Tunnelclub auf einer Fläche von 360 Quadratmetern im Bauch der neu gebauten Haupttribüne ist Rouven Kasper, der VfB-Marketingvorstand, nach den ersten achten Monaten „total zufrieden“, wie er im Talk mit Moderator Jens Zimmermann sagt. Das exklusive Angebot habe sich „sehr gut entwickelt“, werde aber immer „noch weiter verbessert“, erklärt Kasper.

Zimmermann führt die 178 Gäste gekonnt durch den Nachmittag, der sich bei bester Stimmung weit in den Abend zieht. Wenn es durch die Fensterfront etwas auf dem Spielergang, dem Tunnel zum Spielfeld, zu sehen gibt, weist er sofort darauf hin. „Jetzt kommen die Spieler zum Aufwärmen“, ruft Zimmermann etwa.

Das Glas ist nur einseitig durchsichtig, nämlich von innen nach außen. Von der Profi-Seite aus ist es verspiegelt. Mit Schildern werden die Spieler am Anfang des Tunnels vorgewarnt, dass sie unter Beobachtung stehen, wenn sie sich hier bewegen oder aufhalten. Nicht, dass sie sich in der Nase bohren, also Dinge tun, bei denen sie nicht fotografiert werden wollen.

Talk von Jens Zimmermann (rechts) mit Chris Führich. Foto: Uwe Bogen

Für Chris Führich ist die Glasfront ein Spiegel

Denn kaum laufen die VfB-Stars ein, werden die Handys hinter der 360-Grad-Fensterfassade eifrig gezückt, viele Gäste springen auf. Die Edel-Fans drücken sich die Nasen platt an der dicken Scheibe. Viele halten alles mit der Kamera fest. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Die Gäste sind begeistert von so viel Nähe. „Wie im Zoo“, ist zu hören. Womit nicht geklärt ist, wer die Tiere sind und wer die Menschen. Man sieht, wie Chris Führich, der am Samstag zum „Man of the Match“ werden wird, sich mit der Hand durch die Haare streift – für ihn ist die Glasfront ein Spiegel.

Jens Zimmermann ruft die Gäste dazu auf, laut zu klatschen: „Dann hören es die Spieler.“ Nach dem 2:0 Sieg besucht Führich den Tunnelclub, wo er für einen Talk und für Selfies bereitsteht. Hat er was vom Jubel hinter den Scheiben gehört? „Nein, gar nichts“, antwortet er. Ob er was von den Clubgästen sieht? Wenn das Licht hell sei, könne er ein bisschen was sehen, verrät der Torschütze des 1:0. Dass er auf den letzten Metern auf dem Weg zum Spielfeld unter Beobachtung steht, stört ihn nicht, versichert er. Dies blende er völlig aus – die Profis sind dann, passend zum Ort, wie im Tunnel, bekommen um sich herum nichts mit.

Ermedin Demirovic bleibt vorm Glas lange mit nacktem Oberkörper stehen

Nach dem Sieg hat sich Stürmer Ermedin Demirovic das Trikot ausgezogen und bleibt mit blankem Oberkörper sehr lange direkt am Fenster stehen. Er dürfte wissen, was hinter der Scheibe passiert: Vor allem Frauen fotografieren ihn nun und werden angesichts seines perfekten Muskelbodys schwach. Pressefotos durchs Glas darf man nicht machen, auf denen man Spieler von vorne erkennt. Dafür bräuchte man eine DFL-Lizenz, weil der Tunnel als Innenbereich gelte, heißt es beim VfB.

Der Gastronom Michael Wilhelmer hat Tunnelclubs in Madrid und Manchester besucht. In Deutschland gibt es keinen zweiten. „Keiner ist so schön und hochwertig wie unserer“, sagt er. Mit hohem Personalaufwand will er dafür sorgen, dass alles rund läuft auf Ebene 0. „Auch wir haben aus Fehlern gelernt“, versichert der Wirt und gibt zu, dass er „Druck“ spürt, weil die Anforderungen hier höher als hoch sein müssten.

Unter den Gästen: Die Familie des Metropol-Chefs Heinz Lochmann

Unter den Gästen ist Traumpalast-Chef Heinz Lochmann mit seinem Sohn Marius Lochmann – beide haben das denkmalgeschützte Metropol kürzlich eröffnet. Läuft das Traditionskino an der Bolzstraße so gut, dass sie sich die teuren Karten leisten können? Den vollen Preis mussten sie wohl nicht bezahlen. Man habe ein Kompensationsgeschäft mit dem VfB vereinbart, ist zu erfahren, der Verein darf im Gegenzug günstig in den Kinos werben. Andere Gäste, die wir ansprechen, sagen, sie seien von Firmen eingeladen worden, die ein Kontingent an Tunnelkarten gekauft haben.

Die Treppe, die von der Haupttribüne in den Tunnelclub führt, ist sehr steil. Bisher sei aber niemand gestürzt, sagt der Sicherheitsmann. Unten wird man mit einem Tablett empfangen, auf dem Gläser mit frisch gezapften Bier stehen.

Deutsch-indischer Wirtschaftskongress im Stadion

Auch die früheren Spieler Timo Hildebrandt und Cacau sind da, ebenso etliche Gäste aus Indien, die vor wenigen Tagen an einem Wirtschaftskongress mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann in den neuen Räumen der Haupttribüne teilgenommen haben. Außerdem gesehen: Emilio Arellano, der Weltmeister im Einer-Kunstradfahren, Harry Bodmer, der Vizepräsident beim Germany Cycling, dem früheren Bund deutscher Radfahrer, der Chocolatier Kevin Kugel sowie Varieté-Direktor Timo Steinhauer.

Der Chef des Friedrichsbaus hat den Artisten Sören Geisler mitgebracht, den Star des aktuellen Programms. Der 21-Jährige verbindet Breakdance mit Diabolo-Kunst. Auf dem harten Steinboden des Clubs tritt er auf – und Rouven Kasper gerät in Verzückung. Auch er war in jungen Jahren ein Breakdancer.

Alle Tunnelgäste dürfen raus zur Spielerbank

DJ Leif Müller legt chillige Musik auf – nicht zu laut. Bis in den späten Abend ist er im Einsatz. „Getanzt hat bisher niemand hier“, sagt er. Dies sei auch gar nicht vorgesehen. Sein Vater Hansi Müller wird in der Halbzeit als Legende von Jens Zimmermann interviewt. Später verrät Chris Führich, wie er runterkommt nach Spielen und sich mental auf das nächsten Champions-League-Spiel am Mittwoch in Belgrad vorbereitet: „Ich gehe lange mit dem Hund spazieren.“

Für die Gäste des exklusiven Clubs gibt’s dann noch einen besonderen Programmpunkt: Sie dürfen selbst durch den Tunnel laufen – hinaus aufs Spielfeld, wo sie Platznehmen auf der Trainer- und Spielerbank. Ja, da werden noch mal viele Selfies gemacht. Man liest aus den begeisterten Gesichtern, wie gut es allen gefallen hat. Billig ist das Vergnügen nicht. Aber viele Edelfans leisten sich den hohen Ticketpreis – schließlich erlaubt er Gourmetgenuss, Treffen mit Legenden und Stars, einzigartige Exklusivität und den besondere Tunnelblick auf die Mannschaft. Davon kann man lange erzählen.

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