Blick in die Archive Erinnerungen an das Neckar-Hochwasser von 1978

Der Neckar bei Benningen. 200 Häuser standen im Unterdorf unter Wasser – vorne im Bild: die alte Neckarbrücke. Foto: Kreisarchiv

Die Kommunen Benningen und Freiberg hatte es damals schwer getroffen. Hunderte Menschen waren von der Umwelt abgeschottet und wurden mit Schlauchbooten versorgt. In einer Wiese zwischen Steinheim und Murr wurde ein Toter gefunden.

Ludwigsburg: Karin Götz (kaz)

Auch wenn es schon mehr als vier Jahrzehnte her ist: Die Erinnerungen an das Hochwasser anno 1978 ist bei vielen noch lebendig. Seitdem sind viele Schutzmaßnahmen umgesetzt worden, aber es gibt dennoch einige Parallelen: das Engagement der vielen Ehrenamtlichen ebenso wie die Neugier vieler Schaulustiger.

 

„Hochwasserschäden in ungeahntem Ausmaß“ titelte das Mitteilungsblatt der Stadt Freiberg in seiner Ausgabe vom 1. Juni 1978. Regenfälle hatten Einsatzkräfte und die Menschen entlang des Neckars vom 22. bis 24. Mai 1978 auf Trab gehalten. Nicht nur im Neubaugebiet an der Marbacher Straße und im Industriegebiet Neckar I und II, sondern auch im alten Ortskern von Beihingen stand das Wasser höher als je zuvor.

Wie viele Häuser standen unter Wasser?

100 Gebäude waren betroffen, 35 Wohnungen standen unter Wasser. Aus dem Industriegebiet mussten 60 Freiberger in Sicherheit gebracht werden. Sie wurden in der Flattichschule versorgt. Insgesamt waren 200 Menschen von der Umwelt abgeschnitten. Sie wurden von Einsatzkräften in vier Schlauchbooten versorgt.

Für besonders Bedürftige stellte der Gemeinderat 20 000 Mark zur Verfügung. Außerdem zogen Schüler der Gesamtschule an einem Samstag von Haus zu Haus und sammelt Geld. Immerhin 4600 Mark kamen zusammen. Feuerwehr und Rotes Kreuz waren bis zu 100 Stunden ununterbrochen im Einsatz – bis zur „physischen Erschöpfung“würdigte der damalige Bürgermeister Herbert Schlagenhauf den Einsatz der Ehrenamtlichen.

In Benningen sah es nicht besser aus. 200 Häuser standen im Unterdorf unter Wasser. Schon damals schaute man auf den Pegel in Plochingen. Der lag bei 5,81 Meter statt bei den normalen 1,50 Meter. Der im Jahr 2020 verstorbene Benninger Römerexperte und Mitglied des Bundes für Heimatkunde, Jürgen Berner, gewährte in einem Vortrag, den er 2015 anlässlich der Ausstellung „Fluss+“ im Museum im Adler in der Kelter in Benningen hielt, einen sehr persönlichen Eindruck in die Erlebnisse, die seine Familie im Mai 1978 beim Hochwasser gemacht hatte.

Bis zum 22. Mai habe es im Einflussbereich des Neckars und seiner Nebenflüsse 82 Liter pro Quadratmeter geregnet, berichtete Berner damals. Bis zum 26. Mai seien weitere 70 Liter dazugekommen. „Die durchnässten Böden konnten das Wasser nicht mehr aufnehmen. Der Neckar und sämtliche Nebenflüsse traten über die Ufer. Der Neckar rauschte mit viel Treibgut befrachtet vorbei. Gegen Mittag liefen zwei Flutwellen in der Ostlandstraße aufeinander zu und brachen sich mit einer aufschäumenden Welle.“

Berner selbst lebte damals mit seiner im sechsten Monat schwangeren Frau in der Ostlandstraße. Der Neckar stieg und stieg – die ganze Nacht neun Zentimeter in der Stunde. „Wir räumten unsere Wohnung im Erdgeschoss und trugen alles außer den Möbeln auf die Bühne.“ Wie am Wochenende in Walheim lief damals Heizöl aus – im ganzen Unterdorf. „Der Neckar war rot vom Öl“, erinnerte sich Berner. Morgens um 9 Uhr sei schließlich Stillstand gewesen. Der Pegel des Neckars war um vier Meter höher. „Die Feuerwehr brachte uns Trinkwasser. Gekocht haben wir mit Holzkohle, die aus dem Keller angeschwommen kam.“

Viele von Berners Nachbarn mussten mit Schlauchbooten gerettet werden. Ein Boot der Feuerwehr sei gekentert. „Die drei Insassen wurden vom Hubschrauber des damaligen Innenministers Lothar Späth gerettet“, erzählte Berner in seinem Vortrag. Das Notstromaggregat in der Abwasserpumpstation lief auf Hochtouren und wurde wegen Explosionsgefahr von einem Monteur, den man mit dem Hubschrauber abgesetzt hatte, abgestellt. In Neckarweihingen drohte ein Tank mit zwei Millionen Litern Heizöl zu kentern. Bei Hessigheim rissen sich zwei Frachtschiffe los und konnten im letzten Augenblick festgemacht werden. Als der Neckar abfloss, hinterließ er Schlamm, Öl und Treibgut.

Schaulustige hat es schon damals gegeben – lange vor Facebook, Instagram und TikTok. Sie, berichtete Berner in seinem Vortrag vor neun Jahren, seien von der Polizei schon am Ortsrand abgewiesen worden.

Auch zwischen Neckarweihingen und Marbach war der Neckar 30 Meter breiter als sonst. Die alte Autobahnbrücke bei Pleidelsheim war einsturzgefährdet. Die traurigste Nachricht überbrachten Passanten, die an der Gemarkungsgrenze zwischen Steinheim und Murr das Hochwasser beobachteten: Sie fanden einen Toten in der Wiese.

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