Blick in die Geschichte Wie die Gäubahn Böblingen zur Industriestadt machte

Ein Personenzug der Gäubahn im Bahnhof Böblingen im Jahr 1967 mit einer Lokomotive der Baureihe 38. Foto: Kulturamt Stadt Böblingen

Panoramastrecke, wirtschaftliche Lebensader, Lenins Reiseroute und Stuttgart 21: Eine Bahn veränderte die Region.

Ihre Zukunft ist ungewiss, ihre Vergangenheit Legende. Die Gäubahn, ursprünglich die Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Freudenstadt, gilt als eine der schönsten Bahnstrecken. In einem „Eisenbahnführer der Königlichen württembergischen Staatseisenbahnen“ von 1902 liest man über diese Bahn: „Sie windet sich an den Weinberghalden des Stuttgarter Tales hinauf zur Filderebene und bietet das herrlichste Stadt- und Landschaftsbild, gehoben durch den weiter entfernten Berghintergrund und die gewaltigen Forsten des Schönbuch.“ In der Beilage zum Amtsblatt der Landeshauptstadt Stuttgart vom Juli 1988, getextet von Eva Walter und Thomas Pfündel, heißt es weiterhin: „Wohl in keine andere europäische Stadt reist man, was die Augenlust betrifft, so angenehm hinein wie nach Stuttgart auf der Gäubahn.“

 

Das Entzücken der Bewohner der Landeshauptstadt mag groß gewesen sein angesichts des „Zügles“, das mit solch idyllischem Schwung bei ihnen Einzug hält – ihren Namen verdankt die Gäubahn aber den nicht minder schönen Landstrichen, durch die die Bahn jenseits von Stuttgart zieht – dem Heckengäu, das jenseits von Böblingen liegt, dem Oberen Gäu, das bei Herrenberg beginnt.

Otto Elben als Vater der Gäubahn

Dass das Stuttgarter Eisenbahnwunder überhaupt entstehen konnte, ist die Leistung von Otto Elben, Abgeordneter für den Bezirk Böblingen im königlich-württembergischen Landtag. Elben, geboren 1823 in Stuttgart, verstorben 1899 am selben Ort, verlegte in Stuttgart die Tageszeitung „Schwäbischer Merkur“, die ihr Erscheinen 1941 einstellte, und war Mitbegründer des Schwäbischen Sängerbundes, der heute noch im Chorverband Otto Elben die Chöre im Landkreis Böblingen verbindet.

Die erste württembergische Eisenbahn war um 1845 entstanden, der Schienenverkehr hatte sich in der Folge zu einem wichtigen wirtschaftlichen Element der Region entwickelt. Nun wurde eine Strecke geplant, die sich, in Stuttgart beginnend, nach Pforzheim, Freudenstadt und Tübingen verzweigen sollte. Otto Elben war es, der durchsetzte, dass diese Strecke über Böblingen lief. „Die Poststation Böblingen“, argumentierte er, „war bis zur jüngeren Zeit mit Rottweil und Tübingen die frequenteste des ganzen Landes Württemberg. So hat denn Böblingen schon auf den ersten Blick eine ausnehmend bevorzugte geografische Lage, eine zentrale Stellung.“

Historische Ansicht des Böblinger Bahnhofs (unten) mit der Stadtkirche im Hintergrund: Die Bahn bringt Fortschritt und Wohlstand in die Stadt. Foto: Archiv/Böblinger Bote

Ausführlich nachzulesen ist dies in dem Buch „Die Gäubahn – Von Stuttgart nach Singen“, veröffentlicht von Hans-Wolfgang Scharf und Burkhard Wollny zu Beginn der 1990er Jahre. Dort liest man auch, dass zu jener Zeit schon eine scharfe Konkurrenz bestand zwischen den Städten Böblingen und Sindelfingen: „Jede der rivalisierenden Städte wollte den Bahnhof in ihrer Nähe haben.“ Sindelfingen setzte zumindest durch, dass die Bahnstation den Namen „Böblingen (Sindelfingen)“ erhielt, bis 1914, als Sindelfingen schließlich einen eigenen Bahnhof samt Nebenstrecke bekam, die am 1. Oktober 1915 bis nach Renningen erweitert wurde. Otto Elben indes wurde Ehrenbürger der Stadt Böblingen. Nach ihm ist der Elbenplatz benannt, und dort, am Oberen See, erinnert ein Denkmal an den „Förderer der Gäubahn“.

Der Knoten, an dem sich die Bahnen verzweigen sollten, kam tatsächlich jedoch nicht zustande, die Strecken nach Tübingen und Rottweil wurden nicht gebaut, lediglich die Gäubahn zog ihren Weg über Herrenberg, Bondorf und Eutingen nach Freudenstadt. Erst seit den 1950er Jahren schließt sie die Strecke nach Singen ein, wurde zum kurzen Bahnweg der Stuttgarter an den schönen Bodensee.

Die Gäubahn besaß schon immer eine große Bedeutung für Böblingen

Die Bedeutung, die die Strecke zuvor schon für die Stadt Böblingen besaß, kann kaum überschätzt werden. Dank seines Bahnhofs wuchs Böblingen, entstand zwischen Altstadt und Bahnhof ein erstes Industriegebiet, in dem zahlreiche Betriebe sich niederließen, wurde Böblingen zur Industriestadt. Um 1900 passierten rund 300 000 Reisende im Jahr den Böblinger Bahnhof, viele von ihnen Pendler. Der Güterverkehr, der über Böblingen lief, hatte sich nach 1880 innerhalb eines Jahrzehnts bereits verdoppelt. Der Bahnhof wirkte sich einschneidend auf das Stadtbild aus, die Böblinger Altstadt war schon bald nach seinem Bau nicht mehr das Zentrum der Stadt. Heute verkehrt auf der Strecke der Gäubahn der Intercity (IC), der auf der Strecke Stuttgart-Singen auch als Regionalbahn fährt und so, mit Deutschlandticket, noch immer die günstige Verbindung zum Bodenseeraum darstellt – ein Angebot, das von vielen gerne angenommen wird. Ob ein anderer Fahrgast vor nun 108 Jahren die Strecke in entgegengesetzter Richtung und auf unkonventionellere Weise nutzte, ist nicht hinreichend geklärt. Dass Wladimir Illjitsch Lenin am 10. April 1917 auf seiner Reise aus dem Schweizer Exil nach Russland im plombierten Wagen auf der Bahnstrecke Singen-Horb-Stuttgart unterwegs war, um von dort aus über Karlsruhe nach Frankfurt und Berlin weiter zu reisen, also Böblingen passierte, gilt nahezu als gesichert – die Möglichkeit, dass er auf anderer Strecke reiste, besteht aber doch.

Am 20. August 2029 indes würde sich die erste Probefahrt der Gäubahn von Stuttgart nach Böblingen zum 150. Mal jähren, am 31. August 2029 der offizielle, von drei Lokomotiven gezogene Eröffnungszug mit 200 geladenen Honoratioren, der auf dem dekorierten und beflaggten Böblinger Bahnhof empfangen wurde, am 1. September dann der erste offizielle Bahnverkehr. Das Bauprojekt Stuttgart 21 stellt zumindest den Fortbestand der Panoramastrecke der Gäubahn in Frage. Ob die Bahn über das Flughafengelände und den geplanten Pfaffensteigtunnel in den neuen Durchgangsbahnhof geleitet werden soll, ist offen. Allerdings: Das zügige Voranschreiten von Stuttgart 21 gestattet Hans-Jörg Jäkel, dem Vorsitzenden des Gäubahnkomitees Stuttgart, eine ironische Prophezeiung: „Wir haben gute Chancen, dass die Gäubahn dieses Jubiläum noch in all ihrer Schönheit erlebt“, sagt er.

Serie Zeitreise

Anlass
 ist die erste Zeitung in Böblingen im Jahr 1825 – vor exakt 200 Jahren.

Geschichte(n)
 aus zwei Jahrhunderten wird in einer Serie lebendig, in der bedeutende historische Ereignisse im Böblinger Kontext beleuchtet werden.

Meilensteine
 der Weltgeschichte fanden auch in unserer Zeitung Niederschlag: Die Erfindung des Automobils etwa oder der Untergang der Titanic.

In mühevoller Arbeit
 ist unsere Redaktion in Archive hinabgestiegen, hat alte Quellen gesichtet und Archivare befragt, um die größten Geschichten aus 200 Jahren Zeitung in Erinnerung zu rufen.

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