Blick zurück (24): Monika und Jürgen Sundermann Dalli Dalli und der Wundermann

Jürgen und Monika Sundermann in ihrer Wohnung im Mahdental. Seit 46 Jahren sind der Fußballverrückte aus dem Kohlenpott und die Blondine mit der Berliner Schnauze ein Ehepaar. Foto: Martin Stollberg
Jürgen und Monika Sundermann in ihrer Wohnung im Mahdental. Seit 46 Jahren sind der Fußballverrückte aus dem Kohlenpott und die Blondine mit der Berliner Schnauze ein Ehepaar. Foto: Martin Stollberg

Sie assistiert Ende der 70er Jahre Hans Rosenthal, er mischt als VfB-Trainer die Bundesliga auf. Ein Rückblick auf das Promiehepaar Monika und Jürgen Sundermann.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Leonberg - Seinen wichtigsten Treffer erzielt Jürgen Sundermann im Sommer 65. Auf einem Nebenplatz des Stadions am Gesundbrunnen bereitet er sich auf einen Einsatz in der Berliner Stadtliga vor, als einige Meter entfernt ein knallroter VW Karmann Ghia parkt. Sundermann erspäht hinterm Steuer eine fesche Blondine. Schlichte Gemüter würden nun auf zwei Fingern pfeifen, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sundermann, leichtfüßiger Hertha-Spielmacher mit Abitur und frisch erworbenem Sportlehrerdiplom, schnappt sich stattdessen den Ball und zirkelt ihn mit dem Innenrist ins geöffnete Cabrio. So kommt er mit der unbekannten Schönen ins Gespräch.

16 994 Tage später und 513 Kilometer südwestlich schwelgt Monika Sundermann in Erinnerungen: Als sie ihren Jürgen kennenlernte, war er ein echter Draufgänger. Bei der ersten gemeinsamen Urlaubsfahrt lenkte sie den VW, weil er nach einer feuchtfröhlichen Vereinsfeier seinen Führerschein hatte abgeben müssen. Unter der Sonne Spaniens entstand der erste Sohn Marc, wodurch eine Hochzeit geboten schien – ausgerechnet, nachdem sie kurz zuvor von Hans Rosenthal für Funk und Fernsehen entdeckt worden war. Ihre erste Sendung, noch unter dem Geburtsnamen Monika Nehls, hieß „Gut gefragt ist halb gewonnen“ und wurde bei Rias ausgestrahlt.

Nimmt man die Medienpräsenz als Maßstab für das berufliche Fortkommen, eilt Monika Sundermann zu jener Zeit ihrem Kickergatten mit Siebenmeilenstiefeln davon. In der ZDF-Unterhaltungsshow „Dalli Dalli“ sorgt sie als umsichtige Assistentin dafür, dass sich der Quizmeister Rosenthal auf seine Kandidaten konzentrieren kann. Acht Prominente kämpfen gegen die Uhr und um Punkte, sammeln Flussnamen, bauen Kartenhäuser oder etikettieren Weinflaschen. Wenn sich ein Kandidat bei einem Spiel besonders clever anstellt, springt Rosenthal in die Luft und ruft „Das war Spitze!“, während die blonde Fee Monika still und leise die Zeit kontrolliert. Zwischendrin haut Heinrich Riethmüller in die Tasten, oder das Medium-Terzett singt „Ein Loch ist im Eimer“. Allmonatlich verfolgen zwanzig Millionen Zuschauer die Live-Show.

Spieler, Coach und Vater

Unterdessen gewinnt Jürgen Sundermann mit dem FC Basel zwei Mal die Schweizer Meisterschaft, was in seiner deutschen Heimat aber kaum jemand registriert. Wenn die Gattin mal wieder für ein paar Tage nach Berlin oder Wien geflogen ist, um mit Hänschen Rosenthal die nächste Sendung vorzubereiten, kümmert sich der Profikicker um die beiden Söhne. Anfang der 70er Jahre übernimmt er bei Servette Genf zusätzlich das Traineramt. Die Mehrfachbelastung – Spieler, Coach, Vater – wuppt er locker. Wer als Kriegskind im Kohlenpott, in Mülheim an der Ruhr, geboren wurde, jammert nicht, sondern malocht.

1976 fahndet Gerhard Mayer-Vorfelder, Präsident des VfB Stuttgart, nach einem gradlinigen Schaffer. Die Kicker mit dem roten Brustring kriechen durch die Niederungen der zweiten Liga, auf dem Traditionsverein lasten Millionenschulden, und seine Anhänger wenden sich mit Grausen ab. Gesucht wird ein neuer Besen, der gut kehrt und wenig kostet. Sundermann sagt zu, der Vertrag wird im Genfer Nachtlokal „Moulin Rouge“ besiegelt. Nicht nur der kühle Schampus ermuntert Sundermann zur Unterschrift, sondern auch die wonnige Erinnerung an sein einziges A-Länderspiel, das er am 23. März 1960 beim 2:1-Sieg gegen Chile neben Größen wie Uwe Seeler, Karl-Heinz Schnellinger und Helmut Rahn im Neckarstadion bestritt. Trainer war Sepp Herberger, die Hütte mit 73 000 Zuschauern bis unters Dach gefüllt.

Als Jürgen Sundermann am 1. Juli 1976 das Neckarstadion als VfB-Coach betritt, verlieren sich 13 000 Menschen in der Betonschüssel. Seine Gattin Monika nimmt auf der Ehrentribüne Platz, doch als sie mitbekommt, mit welchen Begriffen ihr Schatz vom gemeinen schwäbischen Fußballvolk begrüßt wird („Sauseggl, Grasdackel, Rendviech“), beschließt sie, die Partien künftig lieber daheim vor dem Radio zu verfolgen.

Sie hört nur Gutes: Der VfB steigt in die Bundesliga auf, wird auf Anhieb Vierter, stellt einen Zuschauerrekord auf, erspielt sich in der Saison 1978/79 sogar die Vizemeisterschaft. Die Förster-Brüder machen hinten den Laden dicht, Hansi Müller spinnt im Mittelfeld die Fäden, Schorsch Volkert wirbelt auf der linken Außenbahn, Dieter Hoeneß hält vorne den Dickschädel hin, und die Fans skandieren: „Sundermann – Wundermann.“ Der Trainer ist mit 39 Jahren ganz oben.




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