Blick zurück (8): Manfred Bulling Bulling und der „Nudelkrieg“

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Der Nudelkrieg beginnt im August 1985 mit einer Warnung vor 7-Hühnchen-Produkten der Firma Birkel. Einige der Eierteigwaren aus dem Remstal seien mikrobiell verdorben gewesen, verkündet das Regierungspräsidium. Allerdings nicht Bulling, der urlaubt zu dieser Zeit, sondern sein Stellvertreter Adolf Kiess, der sich in Bullings Tradition wähnt. Der P hat bereits vor Östrogenen in Babynahrung, Nematoden in Fischfilets und Glykol in Wein gewarnt – und dabei stets die Namen der Produzenten genannt. Doch bei den Nudeln gibt es Ärger, der das Land teuer zu stehen kommt. Klaus Birkel, der „Nudelkönig“, zieht vor Gericht. Verdorbenes Flüssigei gebe es in seinen Produkten nicht. Sechs Jahre später, 1991, kommt es zu einem Vergleich: Das Land muss Birkel umgerechnet 6,5 Millionen Euro zahlen. Bulling, längst nicht mehr im Amt, hätte einen solchen Ausgang für nicht denkbar gehalten. Er hat Birkels Bekundungen nie geglaubt. Doch das Gericht schenkte dessen Gutachten mehr Glauben als denen des Regierungspräsidiums. Ein Fehler, fast 20 Jahre später, im März 2008, enthüllt der „Stern“: „Es waren Ekel-Eier drin!“ Der vom Gericht beauftragte Sachverständige hatte zugleich einen Beratervertrag mit Birkel und formulierte seine Gutachten im Sinne des Unternehmers.

Manfred Bulling hat sämtliche Entlastungsartikel aus dieser Zeit gesammelt und ordentlich abgeheftet. „Wir wurden verschaukelt“, sagt er, „und vollständig rehabilitiert.“ Aber ärgern, wie gesagt, tue ihn die Sache trotzdem noch.

Manfred Bulling ist kein Verlierer. Er mag den verbalen Streit, den „Ringkampf um die besten Argumente“. Als er 1990 einer renommierten Anwaltskanzlei beitritt, schwant dem Stuttgarter Oberbürgermeister Schlimmes: „Hoffentlich tritt er nicht in einem Prozess gegen uns auf“, scherzt Manfred Rommel. Schließlich sei Bulling davon überzeugt, immer im Recht zu sein – und könne das auch begründen. Im Jahr 2000 verlässt Bulling die Kanzlei, er ist 70. Aber Ruhestand ist nichts für ihn. Er verteidigt weiter, wenn es sein muss, auch sich selbst. Vor drei Jahren hat er gegen die EnBW gewonnen, die ihm und seinen Hausnachbarn nicht nur die Heizkosten berechnete, sondern die gesamte Anlage. Zu Unrecht, wie sich zeigte.

Er stand kurz vor der Kandidatur zum OB von Stuttgart

„Mein Alltag ist noch ganz bunt“, sagt der Mann, der seit 48 Jahren verheiratet ist, fünf Kinder hat, 13 Enkel – und inzwischen 83 Jahre zählt. Nur ein unauffälliges Hörgerät deutet auf das hohe Alter hin. Ansonsten: dichtes Haar, aufmerksame Augen, feste Stimme, klare Meinung.

„Das Projekt ist Blödsinn. Es gibt kein Verhältnis zwischen den Kosten und dem Nutzen.“ Bulling über S 21. „Dass dieser alte Opa auf einmal der Retter sein soll – da hab ich doch lachen müssen.“ Bulling über Brüderle und die FDP. „Die handelnden Personen sind absolut unattraktiv.“ Bulling über Peter Hauk und Thomas Strobl, die die CDU im Land aufrichten wollen. „Wie kann man einen Frührentner ohne Ahnung zum OB-Kandidaten küren?“ Bulling über die Stuttgart-CDU und Sebastian Turner. Er selbst hätte es beinahe auch einmal zum OB-Kandidaten geschafft: Wäre anno 1978 nicht Lothar Späth Ministerpräsident geworden, sondern Manfred Rommel, hätte die CDU Bulling zum neuen Chef von Stuttgart machen wollen. Ihn, den Parteilosen.

Vor sechs Jahren ist Manfred Bulling nach Schwieberdingen gezogen. In eine barrierefreie Wohnung mit Aufzug bis in die Tiefgarage. In der Nähe des Mehrfamilienhauses fließt die Glems. Das Flüsschen war eine Kloake, bis der P in den 80er Jahren mit einem Gewässersanierungsprogramm auftauchte. Bulling und seine Frau gehen oft an der Glems spazieren. Und jedes Mal, wenn er einen Fisch darin entdeckt, freut er sich. „Das haben wir gut gemacht.“ P wie Bulling.