Blickwinkel Wenn ein Wortgefecht zum Messerangriff wird – Wahrheit wird zum Luxusprodukt
Die Falschmeldung über einen Polizeieinsatz in Steinheim macht einmal mehr deutlich, dass Fakten heutzutage nicht mehr viel zählen.
Die Falschmeldung über einen Polizeieinsatz in Steinheim macht einmal mehr deutlich, dass Fakten heutzutage nicht mehr viel zählen.
Wer hat in diesem Land eigentlich gerade die Meinungsmacht? Sind es noch die Menschen oder ist es schon die KI? Ein Fall in Steinheim lässt einen durchaus ins Zweifeln kommen: Eine Frau hatte auf Facebook eine KI-generierte Meldung über einen Polizeieinsatz im dortigen Freibad gepostet. Gemini hatte darüber fantasiert, dass ein Mann Frauen belästigt und anschließend Anwesende mit einem Messer bedroht haben soll.
Der Post ging viral, sorgte für einiges an Wirbel – war aber größtenteils falsch. Laut Polizei habe es lediglich einen Familienstreit gegeben, ein Messer konnte vor Ort nicht gefunden werden. Bis unsere Zeitung die Nachricht gerade gerückt hatte, hatte die Aufregung schon die Runde gemacht. Verloren hat bei der ganzen Angelegenheit einmal mehr die Wahrheit, die heutzutage immer weniger zählt.
Grundsätzlich ist es ja schon praktisch: Wenn man auf Google etwas sucht, erscheint automatisch ganz oben eine KI-generierte Zusammenfassung. Das macht die Suche deutlich einfacher, weil man sich nicht erst mühselig durch zahlreiche Quellen klicken muss, bis man die Info findet, die man braucht. Aber viele Menschen vergessen, dass das nur ein erster Anhaltspunkt sein kann.
Die Menschen nehmen die Informationen für bare Münze. Doch was KI liefert, ist manchmal richtig, manchmal teilweise richtig, oftmals aber einfach haarsträubend falsch. Auch beim Einsatz von KI muss das Hirn noch mitarbeiten. Früher hieß es in der Schule immer, man dürfe Wikipedia nicht als Quelle nutzen, sondern müsse nach der Primärquelle suchen. Heute werden die Schüler dazu aufgefordert, die Informationen der KI wenigstens mit Wikipedia zu überprüfen.
Was derzeit stattfindet, ist eine gravierende Verschiebung: und zwar von der Wahrheit der Fakten hin zur Schnelligkeit. Den Menschen reicht es schon lange nicht mehr, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung lesen, was am Tag zuvor passiert ist. Die klassischen Medien haben diesen Kampf um Schnelligkeit angenommen, doch sie stehen auf verlorenem Posten: Bis sie die Fakten überprüft haben, haben Facebook- und Instagram-User längst schon ihre Version der Geschichte in die Welt posaunt. Ohne Anspruch auf Wahrheit.
Wo das hinführen kann, zeigt sich exemplarisch in den USA, wo Präsident Donald Trump mittlerweile seinen eigenen Kanal hat und dort ungefiltert seine kruden Weltansichten präsentieren kann – und damit regelmäßig die Welt in Aufruhr versetzt. Wenn der mächtigste Mann der Welt gleichzeitig der größte Fake-News-Verbreiter ist, verheißt das nichts Gutes.
Helfen kann dagegen nur, wenn in der Gesellschaft ein Umdenken stattfindet. Ist es uns wirklich so wichtig, wie schnell wir eine Information erhalten? Oder ist es uns nicht viel wichtiger, dass diese Information auch stimmt?
Ein Tatort aus dem Jahr 2013 war mal mit „Die Wahrheit stirbt zuerst“ betitelt. 13 Jahre später hat man in Zeiten von Social Media und KI das Gefühl, die Wahrheit müsse schon jetzt wiederbelebt werden. Doch noch ist sie nicht begraben. Und immerhin ist auch der Post über den angeblichen Messerangriff mittlerweile nicht mehr auf Facebook zu finden. Späte Einsicht ist allemal besser als gar keine Einsicht.