Blindenfußball-Bundesliga: MTV Stuttgart Mit Masken und Rasseln – Saisonstart in Stuttgart
Am ersten Bundesliga-Spieltag konnten die Blindenfußballer des MTV Stuttgart überzeugen – der erste Schritt in Richtung Titel ist getan.
Am ersten Bundesliga-Spieltag konnten die Blindenfußballer des MTV Stuttgart überzeugen – der erste Schritt in Richtung Titel ist getan.
Während es in der Mercedes-Benz-Arena beim 3:3-Remis des VfB Stuttgart gegen Borussia Dortmund tosenden Applaus und lautstarke Unterstützung von den Rängen gab, bat man die Zuschauer auf einem anderen Fußballfeld in Stuttgart an diesem Wochenende um Ruhe – zumindest so lange der Ball im Spiel war. Am vergangenen Samstag und Sonntag fand das erste Spieltagswochenende der Blindenfußball-Bundesliga beim MTV Stuttgart statt. Am Kräherwald kamen neun Mannschaften zusammen und starteten in die neue Spielzeit.
„Das war toll, es ist voll gewesen“, sagt der Trainer Giuseppe Calaciura über die etwa 150 Zuschauer. Diese sollten allerdings – wie bereits erwähnt – ruhig sein, solange die Sportler im Spielfluss waren. Grund dafür: Die blinden Fußballer fokussieren sich voll und ganz auf ihr Gehör. Im Ball, der jenem vom Futsal ähnelt, sind Rasseln eingenäht, sodass dieser beim Rollen hörbar ist und die Spieler sich daran orientieren können. Darüber hinaus geben zwei Guides und ein sehender Torhüter pro Team Anweisungen. Für Menschen ohne Seheinschränkung ist diese Leistung wohl kaum vorstellbar. Calaciura hat es zu Beginn seiner Amtszeit 2016 auch einmal versucht, mit einer Maske über den Augen zu spielen. „Nach drei Drehungen habe ich komplett die Orientierung verloren“, berichtet er.
Besser haben es seine Mannen beim ersten Wochenende der neuen Bundesliga-Saison gemacht. Für die Gastgeber des MTV Stuttgart ging es gut los. Am ersten der beiden Tage gewannen sie gegen Hertha BSC mit 3:2, sonntags folgte eine 2:3-Niederlage gegen die Blindenfußballer von Borussia Dortmund. Als deutscher Rekordmeister (sieben Mal erfolgreich) will der MTV Stuttgart auch in diesem Jahr wieder um den Titel mitspielen. Die größten Konkurrenten sind die beiden Gegner des Wochenendes sowie der amtierende Meister FC St. Pauli.
„Unser klares Ziel ist es, ins Finale zu kommen“, sagt der Trainer. Bis September folgen vier weitere Spieltage in Wolfsburg, Dortmund, Hamburg und Köln, bei denen sich die Stuttgarter Blindenfußballer beweisen müssen. Führungsspieler beim MTV Stuttgart ist der 38 Jahre alte Alexander Fangmann, der zudem Kapitän der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft ist. Der Angreifer schnürte im ersten Spiel der neuen Saison gegen die Berliner Hertha prompt einen Doppelpack.
Dem Coach steht ein sehr erfahrener Kader zur Verfügung. „Meine Mannschaft ist so eingespielt, da weiß jeder, wo der andere hinläuft“, sagt Calaciura, der zuvor U-19-Mannschaften (SGV Freiberg und FSV Waiblingen) im Sehenden-Sport coachte. „Aggressiv sein gegen den Ball und dann schnell den Abschluss suchen“, verrät der 58-Jährige seine Taktik, die zum Erfolg führen soll.
Ein Spiel in der Blindenfußball-Bundesliga dauert zwei Mal 15 Minuten, geschossen wird auf Hockey-Tore und es stehen fünf Spieler pro Mannschaft auf dem Feld – ein sehender Keeper sowie vier blinde Feldspieler. „Der Spaß steht im Vordergrund“, sagt der MTV-Trainer Calaciura, wenngleich die Ambitionen groß sind. „Wenn ich meine Spieler sehe, vergesse ich den Alltagsstress, weil sie einfach Lust und Laune am Fußballspielen haben.“ Der hauptberufliche Stuckateur hat größten Respekt vor den Leistungen, die seine Schützlinge immer wieder abrufen.
Harte Zweikämpfe – vor allem an den seitlich angebrachten Banden – gehören genauso zum Spielfluss wie eine enge Ballführung bei dynamischen Dribblings, bei welchen die Sportler das Spielgerät zwischen den Füßen pendeln lassen. Das meist gerufene Wort auf dem 20 Meter breiten und 40 Meter langen Kunstrasenfeld: „Voy.“ Das spanische Wort für „Ich komme“ rufen alle Spieler, die sich innerhalb eines Umkreises von drei Metern des Ballführenden befinden, damit überraschende Zusammenstöße vermieden werden können. Wird die Regel missachtet, gibt es Freistoß für die gegnerische Mannschaft. Bemerkenswert: Nach jedem Foul entschuldigen sich die Gegenspieler. Fairness wird hier großgeschrieben.