Yusuf Alp Ay ist nahezu vollständig blind, bringt auf Social Media Menschen zum Lachen und zeigt, wie er mit zwei Prozent Sehkraft seinen Alltag meistert.
Darf man über Blinde lachen? Jeder halbwegs empathische Mensch würde diese Frage vermutlich sofort mit „Nein” beantworten. Bei Yusuf Alp Ay fällt es jedoch nicht immer leicht, sich zusammenzureißen. Der 26-jährige Influencer ist nahezu vollständig blind und betreibt den Kanal „Der Blinde vom Block”. Auf Instagram folgen ihm bereits über 42.000 Menschen, auf TikTok sind es sogar mehr als 122.000. In seinen Beiträgen gewährt er mit ironisch-humorvollem Unterton Einblicke in seinen Alltag mit seiner Sehbeeinträchtigung. Und der kann schon mal so aussehen:
„Ich chille hier alleine im Park. Kommt so ein Typ von der Seite, fängt an, mich vollzulabern. Innerhalb von drei Minuten habe ich alles Relevante über seine Wenigkeit erfahren: Kein Job, fast 30, keine abgeschlossene Ausbildung, kein nennenswerter Schulabschluss, keine Frau an seiner Seite. Man könnte sagen: so Endgegner von nichts erreicht. Aber eins muss ich dem guten Mann lassen: Alles, was er an Intelligenz zu wenig hatte, hatte er an Selbstbewusstsein zu viel. Er hat sich das Recht genommen, über meine Wenigkeit zu urteilen. Er hat gesagt, ich tue ihm ja so leid und er könnte niemals blind sein. Also er stellt sich das, glaube ich, so vor: Blindheit ist wie Veganismus, ist so ne Entscheidung.“
Mal ehrlich, wie soll man da ernst bleiben? Und genau das ist Yusuf Alp Ays Stärke. Er bringt Menschen zum Lachen, ohne dass diese das Gefühl haben, über ihn zu lachen.
Diagnose im Kindesalter: Retinitis pigmentosa
Die Krankheit wurde eher zufällig bei ihm entdeckt. Der gebürtige Ostfilderner erinnert sich: „Ich war fünf Jahre alt. Im Kindergarten fiel einer Erzieherin auf, dass ich beim Spielen die Kärtchen falsch zuordnete.“ Zunächst ging man davon aus, dass es sich um etwas Harmloses handele und ich einfach eine Brille brauche. Doch dann kam die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Dabei handelt es sich um eine fortschreitende Augenkrankheit, bei der die Sehzellen nach und nach absterben. Im Verlauf seines Lebens erblindete Yusuf fast vollständig – seine Restsehkraft beträgt heute nur noch etwa zwei Prozent.
Als Kind habe er nicht verstanden, was das wirklich bedeutet. Damals glaubte Yusuf noch fest daran, dass sich alles wieder richten würde. „Mein Opa hat gesagt: ‚Bete zu Gott, dann heilt er dich.‘ Ich habe Tag und Nacht gebetet.“ Doch mit den Jahren ließ seine Sehkraft stetig nach. „Am Anfang habe ich nach Ausreden gesucht, warum ich schlechter sehe: zu viel ferngesehen, zu wenig geschlafen. Aber irgendwann wurde mir klar: Das geht nicht mehr weg.“
Yusuf gibt zu, dass ihm seine Krankheit anfangs peinlich war. Neben der eingeschränkten Sehkraft zittern auch seine Augen. Eine Zeit lang habe er deshalb versucht, Blickkontakt mit anderen zu vermeiden, um möglichst „normal“ zu wirken.
Vom Schock über die Blindheit zur Selbstakzeptanz
Als er 18 wurde, galt Yusuf dann als gesetzlich blind – das heißt, man erfüllt die Kriterien für Blindheit, auch wenn noch ein kleines bisschen Sehkraft vorhanden sein kann. „Ich bin damals in eine Depression gefallen, hatte keine Kraft mehr, wollte nicht mehr leben“, erzählt Yusuf. Während andere in seinem Alter draußen lachten und das Leben genossen, sperrte er sich in seinem Zimmer im Internat ein. Doch irgendwann kam der Gedanke, dass er so nicht weitermachen wollte. „Ich hatte keine Tränen mehr übrig.“
Mentale Unterstützung bekam er in dieser Zeit vor allem von seiner Mutter. „Sie war immer da, hat alles mit mir durchgemacht – jeden Arzttermin, einfach jede Phase.“
Mit 20, 21 Jahren hat sich Yusuf schließlich mit seiner Sehbehinderung abgefunden. „Irgendwann legte sich der Schalter um und ich hatte keine Lust mehr, traurig zu sein. Wenn man in einem tiefen Loch steckt, kann man sich da eigentlich nur selbst rausholen“, sagt er.
Wie aus einem Artikel ein Social-Media-Kanal entstand
Auf die Idee, Influencer zu werden, kam Yusuf durch die Stuttgarter Zeitung, erzählt er. Während seiner Ausbildung im Bezirksamt Birkach-Plieningen wurde er von der Zeitung für ein Interview angefragt, das anschließend veröffentlicht wurde. Kurz darauf kam eine Anfrage von RegioTV für den Dreh einer kleinen Reportage über ihn. Einen Ausschnitt davon lud Yusuf auf TikTok hoch – nach nicht einmal zwei Stunden erhielt das Video über 30.000 Likes. So nahm alles seinen Lauf.
Seitdem produziert er regelmäßig Clips über sein Leben – direkt, humorvoll, ungeschönt. „Ich rede einfach drauflos. Kein Skript“, so der 26-Jährige.
Seinen Content macht er in erster Linie für sich selbst, aber auch, um anderen Menschen zu helfen: „Ich finde, das ist eine gute Sache, weil ich Menschen erreiche, die auch blind sind, eine Depression haben oder familiäre Probleme. Ich möchte zeigen, dass man sein Päckchen tragen und trotzdem das Beste daraus machen kann. Viele Menschen sehen in mir jemanden, der trotz Blindheit, fehlender Familie oder anderer Herausforderungen weitermacht und vielleicht etwas Motivation findet – verpackt mit einer Portion Humor.“
Blindheit und Vorurteile
Dreh, Schnitt und alles rund um die Reels erledigt der 26-Jährige selbst. Er hat Freunde, die ab und zu helfen, aber bisher stemmt er fast alles allein. In Zukunft möchte er ein Team aufbauen, um größere Projekte umzusetzen. Bis jetzt ist jedoch alles aus eigener Kraft entstanden – neben einem ganz normalen Beruf, Brazilian Jiu-Jitsu-Training, Interviews und anderen Terminen, die seinen Alltag auf Trab halten.
Auf Instagram und TikTok erhält Yusuf viel Zuspruch und positives Feedback. Hin und wieder werden jedoch auch Fragen gestellt, wie etwa: Wie kann er ein Handy bedienen, obwohl er blind ist? Warum lässt er seine Augen nicht operieren? „Viele denken, blind heißt: gar nichts sehen. Ich hab zwei Prozent Restsehvermögen – das ist Fluch und Segen zugleich. Ich kann manchmal noch Umrisse erkennen, aber dadurch glauben manche, ich wär‘ gar nicht blind.“
Technische Hilfsmittel wie die Vergrößerungsfunktionen auf dem iPhone und die Sprachausgabe (VoiceOver) ermöglichen es ihm, ein Handy zu nutzen. Manchmal dauert es etwas länger, aber sein Motto ist: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Für ein Reel benötigt er in der Regel nicht einmal zehn Minuten, da er „freestyle“ spricht und seine Videos meist fast gar nicht schneidet.
Warum Yusuf Stuttgart verließ – und zurückkehren möchte
Und dann ist da noch die Frage mit der OP. „Denkt wirklich jemand, ich hätte nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um meine Augen zu heilen? Wenn eine Operation helfen würde, warum sollte ich sie nicht machen? Ich bin ja kein ‚Hobbyblinder‘“, erklärt er scherzend.
Von Stuttgart weggezogen ist Yusuf übrigens nicht nur wegen eines Jobs, sondern auch, weil die Stadt seiner Erfahrung nach nicht sehr blindenfreundlich ist. „Es gibt viele Baustellen, die S21-Baustelle, die Gleise – all das ist aktuell problematisch. Zudem sind viele Ampeln bisher nicht barrierefrei und E-Scooter liegen überall herum“, erklärt er. „Das ging mir irgendwann an die Psyche.“ Immer wieder habe er sich verletzt: „Ich hatte sehr viele Platzwunden im Gesicht, weil ich über E-Scooter gestolpert bin oder mittendrin irgendwelche Baustellen waren und ich gegen deren Hinweise gelaufen bin.“ Er wünscht sich, dass Menschen verstehen: „Was für euch nur ein Roller am Boden ist, kann für andere eine echte Gefahr sein.“
Trotz aller Kritik möchte Yusuf irgendwann in naher Zukunft nach Stuttgart zurückkehren, zu seiner Familie – und hofft, dass die Stadt bis dahin blindenfreundlicher geworden ist. Auf die Frage, was er anderen mit auf den Weg geben möchte, antwortet er ohne zu zögern: „Tu niemandem etwas, das du selbst nicht erleben willst. Das Leben ist voller Überraschungen. Jeder kann morgen in meiner Situation sein. Darum sollte jeder Verständnis und Rücksicht gegenüber anderen zeigen.“