Die Stuttgarter Zeitung hat Volksfestbiere gemeinsam mit einem Sommelier getestet - und dabei überraschende Erkenntnisse gewonnen.

Stuttgart - Der erste Schock sitzt tief: Warm muss es sein, das Bier, das auf unseren Tisch kommt und nun über unsere Zunge in den Rachen fließen soll. Und das nur wegen des Geschmacks: "Sonst merkt man nichts", sagt der Biersommelier Thorsten Ackermann.

 

Vier Redakteure der Stuttgarter Zeitung haben sich im Garten des Restaurants Divan versammelt. Fein säuberlich stehen vor jedem vier unmarkierte Weingläser, gefüllt mit Volksfestbier. Die Frage: Schmecken die Biere, und kann man am Geschmack erkennen, welches Bier von welcher Brauerei stammt? Wir sind gespannt.

"Jetzt schauen Sie sich erst einmal den Schaum an", sagt Ackermann und gibt Hilfestellung: Die Krone könnte feinperlig, grobporig, üppig - oder nicht vorhanden sein. Wir müssen rasch entscheiden, denn der Schaum ist schnell weg. "Das liegt an den Gläsern", erklärt uns der Bierexperte. " Und wenn ich den Schaum fleckig finde?" fragt Lukas Jenkner. Dann darf der Journalist das so in seine Tabelle notieren. Der Schaum sei jedoch zu vernachlässigen, der sage über die Bierqualität nichts aus.

Als nächstes Kriterium folgt der Geruch. "Je mehr Sauerstoff im Bier ist, desto besser kommt der Geruch rüber", erklärt Ackermann und schwenkt sein Glas. Wieder gibt er den Testern Vorschläge an die Hand: Der Geruch könnte in Richtung Kräuter oder süß gehen, auch eine Blumenwiese oder Honig könnten wir riechen. "Ich habe Zimt entdeckt bei Nummer vier", sagt Inge Jacobs (Auflösung der Nummern am Textende). "Denken Sie an Früchte", sagt Ackermann und nickt bestätigend. "Ein bisschen Apfel rieche ich beim ersten", sagt Claudia Leihenseder. Lukas Jenkner notiert "süßlich" bei Nummer1, "unauffällig dezent" bei Nummer 2. Hans Jörg Wangner gibt den beiden Kandidaten den Kommentar "Honig, malzig" (1) und "schwach, Kräuter" (2). Während Inge Jacobs wenig bei Nummer 3 riecht, notiert Claudia Leihenseder "fruchtig, malzig".

Nachhilfe in Sachen Bierbrauen

Zwischen den Proben lernen wir einiges dazu. So verhält es sich beim Bierbrauen wie bei den Kräutern in der Küche: " Wenn man Kräuter am Anfang dazugibt, dienen sie dem Geschmack, wenn sie erst am Ende in den Topf kommen, vor allem dem Geruch", sagt Ackermann. Wann der Bierbrauer hopft, ist je nach Sorte festgelegt. So ergeben sich manche Unterschiede.

Und der Geschmack ? "Beim Bier braucht man den Abgang, um die Herbe zu schmecken", sagt der Sommelier. Um so richtig alles herauszuschmecken, sollen wir einen vollen Mund nehmen, das Bier hin- und hergehen lassen und schließlich schlucken. "Lätschig" schreibt Hans-Jörg Wangner beim ersten Kandidaten. Etwas besser kommt dieses Bier bei Lukas Jenkner an: Honig schmeckt er heraus. "Feinherb und etwas erdig" ist es für Inge Jacobs, aber im Abgang doch "voll fad". Nummer zwei überrascht uns alle: "Eine leichte Herbe verweilt im Mund", fasst Ackermann in Worte, was unsere Geschmacksnerven uns mitteilen.

Ja, stimmt. Erst mit einem Schluck Wasser und etwas Fladenbrot bekommt man den Geschmack wieder weg. "Das ist optimal", erklärt uns der Experte. Die Herbe sei ein Signal: "Da trinken wir nach." Bei Kandidat Nummer drei sind wir uns alle einig: "Süß" finden es alle, sogar "karamellig" meint Jacobs. Langsam, am Ende der ersten Runde, sind unsere Sinne schon besser trainiert. Einig sind wir uns deswegen bei der Bewertung nicht. Das vierte Bier im Bunde bekommt das Attribut "mild, vollmundig" von Claudia Leihenseder, Lukas Jenkner vergibt ein "angenehm kräftig" und Inge Jacobs findet es "mild, aber nicht so würzig, wie es riecht". Hans Jörg Wangner ist da ganz anderer Meinung und notiert "mies und kopfwehverdächtig". Dann dürfen wir raten, welches Bier von welcher Brauerei stammt.

Das Ergebnis Gerade mal einen Kandidaten haben die meisten von uns richtig erraten. Lukas Jenkner findet das Stuttgarter Hofbräu (Nummer 3), Claudia Leihenseder das Fürstenberg Export (Nummer 2) heraus. Das war auch das einzige Bier, das sich durch seine Helligkeit von den anderen abgesetzt hat. Inge Jacobs bestätigt, dass Nummer 3 nicht Fürstenberg ist (sondern Schwabenbräu). Und Hans Jörg Wangner hat bei allen vieren danebengelegen.

Biersommelier Thorsten Ackermann beruhigt uns allerdings: "Eigentlich ist die Chance gleich null, etwas herauszuschmecken." Ohne Vergleich gehe das praktisch gar nicht. Vielleicht wenn jemand immer das gleiche Bier trinkt, habe er eine kleine Chance bei der Blindprobe. "Wir sprechen hier von vier verschiedenen Sorten Riesling." Ein Unterschied zwischen Pils und Export sei viel leichter herauszuschmecken. Diese Aussage beruhigt uns.

Das Fazit "Ein Bier ist nicht nur kalt und herb", sagt Thorsten Ackermann. Das stimmt. Das haben wir an diesem Abend herausgefunden. Wer hätte schon gedacht, dass Bier nach Apfel oder Zimt riechen und nach Honig schmecken kann. Wir haben gesehen, dass mehr hinter diesem Hopfengetränk steckt, als man denkt. "Als Experiment war es interessant", sagt Inge Jacobs. Einen klaren Favoriten haben wir nicht finden können. Claudia Leihenseder wählt im Blindtest Nummer 3 und ist überrascht, dahinter Hofbräu statt Schwabenbräu zu finden. Inge Jacobs notiert einen Verlierer für sie: Fürstenberg. Lukas Jenkner schwankt bei seinen Aussagen und notiert "lecker" bei Hofbräu und "guter Gesamteindruck" bei Schwabenbräu. Und Hans Jörg Wangner entscheidet sich schließlich für Hofbräu. Doch unser eigentliches Fazit ist eindeutig: "Kalt ist unser Lieblingsbier." So fasst es Hans Jörg Wangner für uns zusammen. Und der Biersommelier Thorsten Ackermann gibt uns recht: "Ein Bier muss frisch, spritzig und kalt sein." Der Rest ist Spielerei.

Die Lösung Nummer 1: Dinkelacker; Nummer 2: Fürstenberg; Nummer 3: Hofbräu; Nummer 4: Schwabenbräu.