Analyse zur OB-Wahl Böblingen Klares Ergebnis mit Schönheitsfehlern
Dass Stefan Belz die Wahl klar gewinnen würde, daran zweifelte kaum jemand. Doch ein Erdrutschsieg war es nicht. Das sind die Gründe.
Dass Stefan Belz die Wahl klar gewinnen würde, daran zweifelte kaum jemand. Doch ein Erdrutschsieg war es nicht. Das sind die Gründe.
Wirklich überraschen dürfte dieser Wahlausgang niemanden in Böblingen: Dass der alte Oberbürgermeister auch der neue sein dürfte, galt bei diesem Bewerberfeld als ausgemacht. Viele Beobachter aus den Fraktionen des Gemeinderats waren sich einig, dass dieser deutliche Wahlsieg für den Grünen-Amtsinhaber eine klare Bestätigung seiner sehr engagierten Arbeit seit 2018 für die Stadt und im Gemeinderat ist. „Das hat er verdient“, „der Rückhalt ist groß“ und „er konnte die Reihen schließen“, ist immer wieder zu hören.
Belz zeigte sich am Sonntagabend überglücklich und erleichtert. Man muss ihm zugutehalten, dass er einen überaus engagierten, differenzierten und inhaltlich klaren Wahlkampf geführt hat. Sicher dürfte er mit Abstand die meisten Termine, die meisten Infostände und das meiste Geld darin investiert haben. Keineswegs trat er als ein Amtsinhaber an, der sich sicher fühlte und zurückgelehnt dem Wahlabend entgegensah. Diese Attitüde war es indes, die Wolfgang Lützner (CDU) bei der Wahl 2018 den Sieg kostete – und Belz damals seinen überraschend klaren Triumph einbrachte.
Dennoch verweigerte rund ein Drittel der 13 176 Wählerinnen und Wähler dem Stadtoberhaupt die Stimme. Mehr noch: Von den 36 400 Wahlberechtigten liehen ihm in absoluten Zahlen nur 8538 Böblinger ihr Votum. Ergo haben ihn 27 862 und damit mehr als die Hälfte der Böblinger Einwohner gar nicht aktiv gewählt. Sei es aus Bequemlichkeit oder aus Desinteresse. Dass die Wahlbeteiligung bei Oberbürgermeisterwahlen so spärlich ausfällt, ist misslich.
Und bei denen, die ihr Kreuzchen gemacht haben, sind es immerhin 4638 Menschen, die mit der Arbeit des amtierenden Oberbürgermeisters nicht so ganz zufrieden sind. Stimmen, die Belz ernst nehmen sollte. Überraschend bei der Wahl ist, dass es der parteilose Aleksandar Blazevski doch mit einem vergleichsweise inhaltsleeren Wahlkampf auf den zweiten Platz geschafft hat.
Zumal man vermutet hatte, dass das konservative Spektrum eher durch Stefan Thien von der Werteunion bedient werden würde. Thien, der im Wahlkampf geschickt die Ressentiments mancher Diezenhaldener contra Windräder im Stadtwald bediente, landete knapp dahinter auf dem dritten Platz. Wäre es nach der Resonanz der Zuschauer bei der Kandidatenvorstellung gegangen, hätte sein Ergebnis spürbar höher ausfallen müssen.
Gut möglich, dass seine Vergangenheit bei der rechtspopulistischen AfD doch einige abgeschreckt hat. Da half auch der Besuch von Ex-AfD-Funktionär und jetzigem Werteunion-Spitzenkandidat Jörg Meuthen am Wahlabend nicht mehr. Immerhin: Thien zeigte sich als fairer Verlierer und gratulierte Stefan Belz zum Wahlsieg.
Welche Lehren sollte der Amtsinhaber aus diesem Ergebnis ziehen, das ja kein Erdrutschsieg für ihn darstellt? Zunächst, dass es immer noch Erklärungsbedarf gibt für umstrittene Entscheidungen in der Stadt. Dazu gehören – das Thema lässt den Menschen keine Ruhe – die Radwege an der Calwer Straße. Ebenso die Brachflächen in der Poststraße, die sich nun in städtischem Besitz befinden. Oder das vor sich hin dämmernde Künstlerviertel, das nach neuen Impulsen schreit. Spannend: Die Diskussion um die Schlossbergbebauung spielte in diesem Wahlkampf so gut wie keine Rolle. Sie will aber geführt werden, nach Jahren des Prüfens muss endlich eine Lösung her.
Mit dem nötigen Vertrauen der Wähler im Rücken, gilt es für Stefan Belz jetzt, in zentralen Punkten klar Farbe zu bekennen.